Alessandro Baricco… Ein Lebens-Leseweg und seine Kreuzungen

Alessandro Baricco – Eine Werkschau – Teil 2

Das Thema “Lebensbücher” bestimmt unseren Lebens-Leseweg. Wie eine magische Route führen uns diese Werke durch unseren Alltag und bereichern unsere Phantasie mit den Kopfkinobildern, ohne die wir nicht leben können. Doch jenseits der Hauptstraße unserer Lieblingsbücher existieren viele Abzweigungen und Kreuzungen, die uns zu Büchern führen, die eng mit unseren wichtigsten literarischen Schätzen verbunden sind.

Alessandro Baricco hat mit “Seide mein Lebensbuch geschrieben und mir in seinem epischen Roman Land aus Glas zudem noch mit Mr. Rail einen Wegbegleiter und einen Namen an die Seite gestellt, unter dem ich seit Jahren über Literatur schreibe.

Zwei emotional getragene Artikel lassen tiefe Einblicke in die Seelenwelt eines begeisterten Baricco-Anhängers zu. Aber dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem kreativen Schaffen des populären italienischen Autors. Weitere beeindruckende Werke von ihm habe ich am Wegesrand meiner Leseroute gefunden und sie sind ein wichtiger Teil meiner Bibliothek.

Vielleicht möchtet ihr ja auch einmal ein wenig vom “Weg abkommen” und jenseits des Mainstreams einen Roman lesen, der euch verändern kann. Diese Wegweiser zu Alessandro Baricco könnt ihr gerne in euer “Literatur-Navi” eingeben und euch überraschen lassen, wohin der Weg euch führt ;-)

Alessandro Baricco – Oceano Mare

Oceano Mare

Die idyllische Pension Almayer – irgendwo am Meer – beherbergt eine Gruppe außergewöhnlicher Gäste.

Eine Frau, die in der Abgenschiedenheit des Strandes von der Liebe genesen will; einen Maler der das Meer täglich mit Meerwasser neu zu malen beginnt; einen Wissenschaftler auf der Suche nach den Grenzen der Ozeane und zuletzt ein Mädchen – die junge Elisewin – zu zart zum Leben und zu lebendig zum Sterben.

Obwohl sich ihre Wege bisher nur in der kleinen Pension kreuzen, beginnen sich ihre Geschichten auf magische Weise miteinander zu verflechten. Gebannt bleibt dem Leser keine andere Wahl, als sich selbst ein Zimmer zu mieten und täglich zu beobachten, was die Flut der Ereignisse mit sich bringt.

“Wer hätte je gedacht, wie weit man sehen kann, wenn man die Augen eines Mannes küsst – wenn man die Beine eines Mädchens streichelt, wie schnell man laufen und fliehen kann…”

Dieser Roman öffnet einen neuen Mikrokosmos Bariccos und verhilft nicht nur Elisewin, sondern auch dem geneigten Leser zu neuem Leben.

Alessandro Baricco – City

City

Nun – hier wird es selbst für den Baricco–Fan recht schwierig.

Sprachgewalt, Wortwitz und Lebendigkeit im Stil sind typisch Baricco. Wenn beispielsweise der legendärste Boxkampf aller Zeiten in Form einer Radioreportage im Buch erscheint, dann ist man gebannt, live dabei, Zeuge eines ungeheuren Vorgangs – in Dynamik und Schärfe nicht zu überbieten. Man fühlt die Schläge, sieht den Schweiß spritzen und springt auf, wenn die ersten Treffer ihr Ziel erreichen.

Beim Aufspüren eines Handlungsstranges, der die “baricco`schen” Personen miteinander verbindet, bleibt man doch oft ein wenig ratlos zurück.

Gould, ein Dreizehnjähriger auf dem Weg zum Nobelpreis (egal in welcher Kategorie), denn er hat das Zeug dazu, in jeder zu überzeugen; seine Freunde Poomerang und Diesel (randgruppengezeichnet, einer stumm, einer ein Riese); sein westernschreibendes, jeden Einfall auf Tonband aufzeichnendes Kindermädchen Shazzy Shell und die Geschichte der Eltern von Gould (Mutter Psychiatrie und Vater Militär) runden die illustre Protagonistenschar ab.

Gould`s einzige Gemeinsamkeit mit dem Vater: Radioreportgagen von Boxkämpfen gemeinsam zu hören. Mehr verbindet die beiden nicht und mehr scheint auch Gould selbst nicht mit dem realen Leben zu verbinden. Entscheidet er sich für den Nobelpreis oder bleibt er der unbekannte, im Badezimmer Boxkämpfe moderierende Junge?

Auch wenn dieser Roman so gar nicht einzusortieren ist und keinem Archetyp entspricht, so bleibt das ungeheure Vergnügen, ihn gelesen zu haben.

Alessandro Baricco – Novecento

Novecento

Das größte Pianotalent der Welt kennt nur die engen Grenzen des Luxusliners Virginian.

Dort als Baby an Bord ausgesetzt und von einem Besatzungsmitglied adoptiert hat Novecento sein Leben den Wellen und den Passagieren des Dampfers angepasst.

Spielerisch vertont er seine Beobachtungen am Klavier. Er spielt das Leid, die Eifersucht und die Liebe und unterhält auf mit dieser einzigartigen Musik die Reichen dieser Welt. Novecento schlägt sogar den berühmtesten Jazzpianisten seiner Zeit in einem virtuosen musikalischen Vergleich an Bord und lebt fortan in der trügerischen Hoffnung, seinen Platz im Leben gefunden zu haben.

Jeder Versuch, von Bord zu gehen, endet in der beängstigenden Feststellung, dass dort einfach zu viel Welt auf Novecento wartet. Den Weg ins richtige Leben findet er nicht auf diese Weise. Die Virginian ist seine Welt – nur hier fühlt er sich sicher und nur hier spielt die Musik in seinem Herzen.

Das Schiff wird abgewrackt und letztlich gesprengt – mit Novecento an Bord?

Die Bilder des berührenden Romans über die Enge der eigenen Welt haben ihren Platz in der einzigartigen Verfilmung “Die Legende des Ozeanpiansten”  durch  Giuseppe Tornatore gefunden.

Ennio Morricone wurde für die unvergessene Filmmusik mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Dieses Buch zu verfilmen ist eine Herausforderung für sich, die “geschriebene” Musik Bariccos zu vertonen, das ist einen brillantes Meisterwerk!

Alessandro Baricco – Diese Geschichte

Diese Geschichte

Ein nicht immer typischer Baricco! Sprachlich bewegt sich der Autor zumindest bei der Schilderung der Kriegshandlungen auf ungewohntem Terrain, dann aber lässt er mit Ultimo einen Protagonisten entstehen, der wie zuvor Novecento und Hervé Joncour auf der Jagd nach dem ultimativen Lebenstraum in jeder Dimension Bariccos  sowohl scheitert, als auch auch jedes Ziel erreicht, das zu erreichen er sich jemals gewünscht hat. Ob es ihm allerdings gelingen wird, die Prinzessin wiederzufinden, in die er sich unsterblich verliebt hat, das muss man schon selbst erlesen ;-)

Die Auto-Rennbahn des Lebens zu bauen – ein Straßenprofil als Abbild eines Lebensweges anzulegen – allein dieses Bild macht “Diese Geschichte” zu dem was sie ist.

Genau an diesen Stellen entfaltet sich die besondere Magie Bariccos, weil seine Bücher miteinander verbunden sind und an ganz besonderen Buchkreuzungen auf den gleichen Weg abbiegen.

“Land aus Glas” und “Diese Geschichte” auf der gleichen Route des Lesens

Über Land aus Glas und Mr. Rail habe ich bereits ausführlich geschrieben. Über jenen Mann, dessen Lebensziel daraus bestand, eine schnurgerade Eisenbahnstrecke zu bauen und seiner Lokomotive Elisabeth zur endlosen Fahrt zu verhelfen. Und nun befinden wir uns in einem Roman, in dem es darum geht, eine Auto-Rennbahn in Form des eigenen Lebensweges zu konstruieren… und hier lesen wir folgendes:

“Ich will ihnen etwas erzählen, Florence.

Mein Vater war ein sehr reicher Mann, er war viel reicher als ich. Er hat fast alles durchgebracht, weil er einen verrückten Traum verfolgte, irgend etwas mit Eisenbahnen, ein Blödsinn. Er liebte Züge. 

Als er anfing, seine Besitztümer zu verkaufen, ging ich zu meiner Mutter und fragte sie: Warum hältst du ihn nicht auf?…

Meine Mutter gab mit eine Ohrfeige. Dann sagte sie…: Wenn du jemanden liebst, der dich liebt, zerstöre ihm niemals seine Träume.”

Seide und Mr. Rail

Auch in “Seide” finden wir ein Zitat, das den Leser Bariccos einfach gefangen nimmt und nicht mehr los lässt. Jener legendäre Mr. Rail hat auch hier seine tiefen Spuren hinterlassen. Seine Vision ist Maßstab für das Handeln und Denken der Charaktere in diesen Romanen. Visionen brauchen keine Begründungen:

“Ich kannte einmal einen Mann, der eine Eisenbahnstrecke ganz allein für sich bauen ließ…

Und das Beste daran ist, dass er sie schnurgerade anlegen ließ, Hunderte von Kilometern ohne eine Kurve. Es gab auch ein Warum, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. An das Warum erinnert man sich nie…”

Ein langer Lebens-Leseweg mit Alessandro Baricco

Leser von Baricco erinnern sich immer… Das Warum ist nicht entscheidend…

Ich hoffe, dass mein Lebens-Leseweg mit Alessandro Baricco noch sehr lange andauern wird. Ich kann nur empfehlen, in seinem eigenen Leseleben zumindest ein Buch von ihm zu lesen. Wegweiser habe ich genügend aufgestellt… Ihr habt die Wahl!

Alessandro Baricco – Das Schreiben als Vision

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2 Gedanken zu “Alessandro Baricco… Ein Lebens-Leseweg und seine Kreuzungen

  1. Pingback: Wieso eigentlich Mr. Rail? Eine gute Frage… | Literatwo Binea & Mr. Rail

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