Gegen das Vergessen – Lienekes Hefte

Lienekes Hefte – Ein Vater schreibt seiner Tochter – Gegen das Vergessen

Vor unserer Abreise versammelte uns Mama um ihr Bett, das sie wegen ihrer Krankheit nicht verlassen konnte.

“Von heute an”, hat sie zu uns gesagt, “können wir nicht mehr zusammen sein. Wir werden uns eine Zeitlang nicht sehen. Von heute an sind wir nicht mehr dieselbe Familie. Alles muss sich ändern. Ihr seid nicht mehr die, die ihr einmal wart…

Ihr seid keine Juden mehr.”

Lienekes Hefte – Getrennt von seiner Tochter rettet ein Vater ihre Fantasie

Im Jahr 1940 besetzen deutsche Truppen die Niederlande und bringen neben Gewaltherrschaft und Unterdrückung auch das ideologische Banner ins Land, auf dem die Vernichtung des Judentums geschrieben steht.

Als die ersten Judendeportationen beginnen beschließen die Eltern der neunjährigen Lieneke van der Hoeden unterzutauchen. Die Familie trennt sich und das kleine Mädchen wird von einer Schutzfamilie zur nächsten weitergereicht, stets unter Lebensgefahr für alle Beteiligten.

Die vorerst letzte Station auf der Flucht des inzwischen 11jährigen Mädchens führte sie nach Den Ham, wo sie bis zum Kriegsende im Haus von Dr. Hein Kohly versteckt wird. Trotz des behüteten Lebens bei den Freunden ihrer Eltern vereinsamt Lieneke zusehends und fühlt sich ohne Eltern und Geschwister verlassen und verloren.

Doch eines Tages erreicht sie ein Brief ihres Vaters – nein, mehr als das – es ist ein phantasie- und liebevoll gestaltetes Schulheft, in dem er seiner Tochter sehr hoffnungsvoll und fröhlich aus seinem Alltag berichtet, ihr Neuigkeiten von der Familie erzählt und beginnt, am Leben seiner jüngsten Tochter aktiv teilzunehmen.

Lienekes Hefte – Schulhefte zeugen von der Existenz der Familie – Hoffnung

Dr. Kohly war im Widerstand organisiert und erhielt diese kleinen Heftchen über seine geheimen Verbindungen. Nach und nach gingen insgesamt neun dieser zu Heftchen gebundenen Briefe bei ihm ein. Lieneke durfte jedes Lebenszeichen ihres Vaters nur einen Tag lang behalten; danach sollte es vernichtet werden, damit bei einer Durchsuchung durch die Gestapo kein gefährliches Beweismaterial vorgefunden würde.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs folgte dann doch eine große Überraschung für Lieneke – sie durfte auch ihren Frieden machen… Mit allen Briefen ihres Vaters. Kohly hatte sie in einer Dose unter einem Apfelbaum im Garten versteckt und es nach eigener Aussage „nicht übers Herz gebracht“, die Heftchen zu vernichten. Als Lienekes Vater seine Tochter drei Wochen nach der Kapitulation der Nazis in die Arme schließen konnte, trübte der Tod der Mutter das Glück des Wiedersehens. Alle anderen Familienmitglieder hatten die Wirren des Krieges weitgehend unbeschadet überlebt.

Die Familie wanderte nach dem Krieg nach Israel aus, Lieneke heiratete und lebt noch heute dort unter dem Namen Nili Goren. Die originalen Briefe ihres Vaters übergab sie dem israelischen Kindermuseum Yad LaYeled.

Dort wurde die französische Schriftstellerin Agnes Desarthe auf die Heftchen aufmerksam, nahm Kontakt mit der Familie auf und begann, in aller Tiefe zu recherchieren. Sie veröffentlichte alle neun Briefe in einem Schuber unter dem Titel Lienekes Hefte (derzeit leider nicht im Schuber erhältlich) und erzählt in einem zehnten Heft die Geschichte, die sich dahinter verbirgt. Ein wunderbares literarisches Kleinod…

Neun Hefte des Vaters und in einem zehnten Heft erzählt Agnès Desarthe

Die kleine Kassette enthält diese zehn einzigartigen Dokumente, die gleichzeitig Zeugnis väterlicher Hilflosigkeit als auch Zeichen des gelebten Widerstandes und Kampfes für die eigene Familie sind. Wer sich und seine Kinder heute diesem Thema behutsam und nachhaltig nähern möchte, dem sind dies Heftchen besonders ans Herz zu legen.

Jeden Mittag um viertel drei
kommt der Briefträger vorbei.
Meistens geht er dann schnell weiter,
hat ja nichts für mich dabei.

Jeden Tag wart ich erneut
auf eine Karte – einen Brief.
Es gibt doch so viele Leut`
doch wohl niemand hat mich lieb.

Aber heut`, hurra, hurra!
Heut` gibt es was zu lesen,
Heut` ist in der Morgenpost,
was für mich dabei gewesen.

Mit einem Klick hinein in die Hefte… traumhaft…

Nachtrag: Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrte unter Anderen das Ehepaar Kohly als “Gerechte unter den Völkern”. Wir denken – mit Recht. Zivilcourage kann Maßstäbe setzen und unvergessen bleiben – und Vaterliebe kann seltsame Wege beschreiten – dieser hier ist einzigartig!

Literatwo schreibt weiter “Gegen das Vergessen” – Wir danken fürs Lesen dieser Zeilen… Bleibt aufrecht…

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12 Gedanken zu “Gegen das Vergessen – Lienekes Hefte

  1. Pingback: Gegen das Vergessen! | Quilt-Traum

  2. Ich habe letztens “Die Bücherdiebin” gelesen. Ein Buch, das mich nicht mehr losgelassen hat. Mir scheint, Lienekes Hefte werden mich ebenso berühren. Ich habe mir erlaubt, diesen Artikel bei mir zu verlinken.
    Freundliche Grüße von Elvira

    • Wir danken für die freundlichen Worte und für uns ist der angelegte Link ein Privileg… dafür danken wir!

      Die Bücherdiebin gehört zweifelsohne in die Reihe der Bücher, die zu diesem Thema gelesen werden sollte!

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