Isegrim -
Isegrim – die Wölfe kommen

Dass wir „Isegrim“ (Arena Verlag) genau heute besprechen, liegt nur am Dynamo „Kreisel“. Das offizielle Stadionmagazin ist schuld, denn wie ihr seht, ist gleich auf der ersten Seite ein mehr als deutlicher und vor allem wölfischer Hinweis zu sehen bzw. zu lesen. Also begeben wir uns in den Wald, denn die Wölfe sind wieder da.

Es lockt uns in letzter Zeit ja irgendwie immer mal wieder in den Wald. Erst waren wir mit Liberty Bell im Wald, dann hörten wir die Wölfe der Nacht zwischen den Bäumen rufen und nun begegnen wir Isegrim. Doch eigentlich sollte es gar nicht zur Begegnung kommen, denn ich wollte eigentlich keinen Roman mehr von Antje Babendererde lesen.

Isegrim - Literatwo im Wald
Isegrim – Literatwo im Wald

Warum nicht? Ja, die Frage habe ich damals auch beim Arena-Verlag auf der Buchmesse in Leipzig beantworten müssen. Irgendwie fand ich die bisherigen Bücher, die ich von ihr gelesen habe, nicht schlecht, dennoch waren mir „Indigosommer“ und „Rainsong“ zu indianerlastig. Und doch soll jeder Autor noch eine letzte Chance bekommen und vor allem dann, wenn mir versprochen wird, dass es definitiv nicht eine Indianerfeder geben wird. 🙂

Versprechen gehalten! Ich bin begeistert und wie. Allerdings würde das dann bedeuten, dass alle Babendererde-Fans nicht so begeistert sind, weil diese wohl das Indianderlastige lieben? Fans? Was sagt ihr?

Die Wölfe sind wieder da. Nicht nur in der Lausitz, sondern auch in einem fiktiven Dorf Altenwinkel in Thüringen. Der Gedanke daran, dass Wölfe in den Wäldern, unweit der eigenen Haustür entfernt, zu finden sind, gibt dem Roman gleich von Beginn an einen besonderen Touch. Ein besonderes Lesegefühl macht sich also sofort breit und die erste wölfische Begegnung wird herbei gesehnt. Bevor es allerdings dazu kommt, wird die Spannung gesteigert.

Isegrim -
Isegrim – Begegnung mit Olek

Jola Schwarz fand ich sofort absolut cool und vor allem irgendwie sehr taff. Sie ist mit ihren 17 Jahren sehr selbstsicher, hat wenig Angst und stellt sich den Dingen, die auf sie zukommen. Allerdings sucht sie ihren Ausgleich und ihre Entspannung im Wald. Der Wald ist ihre Ruhezone, dort fühlt sie sich geborgen und auch verstanden. Ihr Vater kann diese nachvollziehen, denn er ist Förster und hat ebenso einen starken Bezug zur Natur wie Jola. Ihre Mutter ist das komplette Gegenteil und sie würde niemals alleine in den Wald gehen. Schon der Schritt vor die Tür ist für die Romanautorin der Horror, erst recht seitdem Jolas beste Freundin Alina verschwunden ist.

Alinas Verschwinden versucht Jola schon seit fünf Jahren zu vergessen. Mal gelingt es ihr mal mehr, mal weniger und doch wird sie immer wieder an den Tag zurück erinnert, denn das krankhafte Verhalten ihrer Mutter hat sie täglich vor Augen und bekommt es zusätzlich durch ihre Worte zu spüren. Sie ist überängstlich und würde Jola am liebsten in ihrem Zimmer einsperren, damit ihr nichts passieren kann.

Isegrim -
Isegrim – Wolf

Ihrem Freund Kai wäre es ebenso recht, wenn Jola sich nicht mehr ständig im Wald herumtreiben würde. Er ist regelrecht auf den Wald eifersüchtig und wünscht sich, sie würde mehr Zeit mit ihm, als mit ihren blöden Beobachtungen zwischen den Bäumen verbringen. Er möchte endlich richtig mit ihr schlafen und vor allem viel unternehmen. Zusammensein eben, wie es in einer richtigen Beziehung üblich ist.

Als Jola im Wald, in einem Vogelnest, eine Haarsträhne findet, wirbeln ihre Gedanken nur noch um diesen Fund. Kaum einen klaren Gedanken kann sie noch fassen, denn sie ist der festen Überzeugung, dass diese Strähne ein Zeichen ist. Alina möchte gefunden werden! Doch während ihrer geheimen Suche fühlt sie sich schnell beobachtet. Dieses Gefühl wird immer massiver und sie verspürt ein nie zuvor gespürtes Gefühl. Angst. Die Angst trägt einen Namen, wie sich bald herausstellt.

Olek. Ein merkwürdiger Junge, der das Herz am rechten Waldfleck trägt, drängt sich von jetzt auf gleich in ihr Leben. Er wohnt im Wald, genau wie die Wölfin, die er ihr zeigt. Er, wie auch die Tatsache, dass es Wölfe gibt, sollte aber mehr als geheim bleiben…

Isegrim -
Isegrim – wird lebendig

Frau Babendererde – Literatwo ist überzeugt. Oh ja, und wie!

Dickes Danke an den Arena Verlag an dieser Stelle, dann das Versprechen wurde eingehalten und ich bin froh, dass die Autorin „anders“ kann. Wobei ich ja wirklich skeptisch war, ob sie dieses ganz andere Thema über 410 Seiten plausibel aufrechterhalten kann.

Es ist nicht einfach eine Protagonistin auf die Waldbühne zu bringen, die so viel erlebt. Die Vielschichtigkeit zeichnet den Roman aus und vor allem die Tatsache, dass sich die Autorin ebendieser stellt. Damit meine ich, dass Babendererde nicht nur die Freizeit der Protagonistin beleuchtet, sondern ihren ganzen Tagesablauf, ohne bestimmte Eckpunkte auszulassen. Es passiert einfach wahnsinnig viel und all diese Schauplätze in einen Zusammenhang zu bringen, ist erstklassig.

Ein zweiter schmaler Erzählstrang sorgt für den Extraspannungsschub. Lasst euch überraschen und ihr könnt euch jetzt schon darauf einstelltn, dass euch ein Lied verfolgen wird.

„Laurentia, liebe Laurentia mein, wann wollen wir wieder beisammen sein? …“

Isegrim - Wegweiser durch den Wörterwald
Isegrim – Wegweiser durch den Wörterwald

Isegrim liest sich wirklich in einem Stück weg, anders kann ich es nicht bezeichnen. Die Zeit an Jolas Seite muss man genießen, denn sie bleibt ihrer Lebenslinie treu und lässt sich nicht verbiegen. Sie hört auf ihre Gefühle, setzt ihren Kopf durch und bleibt auf der Suche nach der Wahrheit, ohne sich beirren zu lassen.

Babendererde führt uns in den tiefen Wald, schreibt über eine Familiengeschichte, zieht ein Liebesband und öffnet die Spannungskiste. Sie berührt unser Herzensthema Gegen das Vergessen, setzt uns Wolfsgeheul in die Ohren und lässt unsere Psyche vibrieren.

Sie facht die Gänsehaut immer dann erneut an, wenn sie am Abklingen ist. Sie markiert Wegpunkte im Roman die uns genau dann verunsichern, wenn wir uns auf dem richtigen Weg dachten.

Grandios wie Babendererde es schafft, die vielen Puzzleteile so zu verbinden, dass sich auch das über Jahre fehlende Puzzleteil nahtlos einfügt. Wir hätten uns noch ein wenige mehr Wolf gewünscht…

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