"Perla" & "Die unsichtbaren Stimmen" - Herzensbücher
„Perla“ & „Die unsichtbaren Stimmen“ – Herzensbücher

Carolina De Robertis hat einen zweiten Roman veröffentlicht? Bereits im März? Wie bitte? Warum weiß ich davon nichts und erfahre es erst jetzt von meiner Freundin?

Seit März gibt es einen weiteren Roman von der Autorin die mein Herz bereits mit ihrem Debütwerk „Die unsichtbaren Stimmen“ eroberte. Mit tiefen emotionalen Atemzügen habe ich damals den Roman zugeklappt und ich konnte ahnen, was mich erwarten wird. Gefühlswelten um eine Protagonistin, die mir sicherlich wieder ebenso ans Herz wachsen wird.

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Ich traf gleich auf der ersten Seite auf eine junge Frau namens Perla. Das Psychologiestudium ist Perlas Tagesmittelpunkt, sie ist zielstrebig, hatte bei ihren Eltern eine gute Kindheit und lebt sorgenfrei. So sollte es zumindest für Außenstehende aussehen, denn Perla möchte auf sich nichts kommen lassen. Sie trägt lieber eine schützende Maske. Mit Gabriel, ihrem Freund, dem einzigen Menschen der unter ebendiese blicken kann, ist sie verstritten.

Perla erschrickt sich, als plötzlich ein nackter Mann im Wohnzimmer liegt Ein Mann der scheinbar trieft vor Nässe, ein Mann der sie anekelt und doch anzieht. Ihre Eltern haben ihre Probleme zurückgelassen und sind in den Urlaub geflüchtet, Perla muss sich allein ihrem Gegenüber, dem ganze Wasserfälle aus dem Mund zu laufen scheinen, stellen.

Perla_Carolina de Robertis-spacer-Perle

Die Autorin leitet ihren gefühlvollen und doch geschichtskräftigen Roman mit einer Szene ein, die den Leser schnell innehalten und an den Anfang des Romans zurück blättern lässt, denn folgendes Zitat, folgender erster Satz schwingt von Seite zu Seite mit.

„Manche Dinge kann der Verstand allein nicht fassen. Also hör, wenn du kannst, mit deinem ganzen Sein zu. Die Geschichte drängt hervor, verlangt, erzählt zu werden, hier, jetzt, wo ich dich so nah fühle und die Vergangenheit näher, wo sie uns ihren Atem ins Gesicht bläst.“

Perla erzählt nicht nur ihre eigene Geschichte, Perla erzählt jemanden ihre eigene Geschichte und bläst gleichzeitig eben diesen besagten Atem der Vergangenheit ins Gesicht. Sie reißt sich während ihrer Geschichte selbst die Maske vom Gesicht und wässert ihre Gedanken mit wichtigen Worten.

Perla - eine Perle von Buch
Perla – eine Perle von Buch

Ihre Eltern waren immer gut zu Perla, zu ihrem Vater hat sie ein innigeres Verhältnis als zu ihrer oftmals reservierten Mutter und doch gab es einen Bruch. Damals war sie 14 Jahre und ihre Freundin konnte es nicht lassen, in das Arbeitszimmer des Vaters zu schleichen. Perlas Vater, ein Marineoffizier, ein sogenannter Mörder. Perlas Pubertätsleben gerät ins Schwanken und ihre Gedanken beginnen tiefschürfend zu kreisen, während ihre Eltern sich in anhaltendes Schweigen hüllen.

Die Blicke auf ihre Kindheit, in der durch den Beruf ihres Vaters einige Verbindungen zu Bruch gingen, werden durch den nassen Mann angekurbelt, aber auch unterbrochen. Nicht nur Perla, sondern auch er hat eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte eines Verschwundenen.

Perla -
Perla – Gedankenfluten

Argentinien hat mein Leserherz wieder völlig erobert. Die Worte von Carolina De Robertis sind wirkliche Perlen, ebenso wie der Charakter Perlas. Das Hineinversetzen in ihr Leben gelingt von Anfang an und die zerrissenen Gefühle greifen von allen Seiten und fahren spitze Krallen aus. Ein psychisch schweres Rückblickszenario entblättert sich von Seite zu Seite und die Jahre der Militärdiktatur brennen regelrecht in den Augen.

Das Wasser im Roman kann ebendieses Brennen nicht löschen, aber Klarheit schaffen. Die damalige Zeit drängt sich zwischen den familiären Worten und dem nassen Mann in den Vordergrund, sie schwappt heraus und zeigt mit einem dicken Strahl auf die schlimmen Taten, die in der Zeit von 1976 bis 1983 verübt worden.

Perla - internationaler Coververgleich
Perla – internationaler Coververgleich

Perla entflieht während ihrer Erzählung aus einer fast geschlossenen Muschel, in der sie von außen anfangs kaum sichtbar ist. Die Begebenheiten während ihres Heranwachsens, in der sich die Muschel immer weiter öffnet, treiben sie heraus und machen sie angreifbar.

Der Mann aus dem Wasser weicht auch nach Tagen nicht von ihrer Seite und löst mit seine Anwesenheit in ihr Wortetropfen aus, die enorme Abdrücke im Lebenswellenmeer verursachen.

Perla rettete sich in eine eigene Schutzmuschel, doch die Tropfen der Erinnerung erzeugen einen Fluss, dann ein Meer und dann einen ganzen Ozean, dem Perla nicht ausweichen kann. Sie stellt sich ihrer Vergangenheit und öffnet erneut ihre Augen, die sie längst verschlossen hatte.

Carolina de Robertis umspült die Geschichte Perlas mit argentinischer Geschichte und lässt diese  zwischen emotionalen Wogen auf und ab tauchen. Die Autorin überrascht den Leser trotz leichter Vorahnungen und überzeugt mit bildlicher Sprache und realen Hintergründen.

Perla - Genussmomente
Perla – Genussmomente

Perla reiht sich im argentinischen Lesereisenregal vor allem auch neben dem Roman Wie ein unsichtbares Band von Inés Garland ein.

Perla sollte mit einem gehaltvollen Rotwein genossen werden, denn Perla belebt, Perla verändert, Perla berührt und Perla nistet sich unvergessen im sprachlichen Genussnerv des Literaturliebhabers ein.

0 comments on “[Argentinien] „Perla“ von Carolina de Robertis”

  1. Ich sage einfach wunderbar…. nicht nur der Text und die Art und Weise der Annäherung an den Roman… Leute, ich liebe die Bilder, die Bianca da gezaubert hat.

    Sie sind ab heute Teil des Buches für mich… großes Kopfkino…

    Und das Wort „Schutzmuschel“ habe ich gerade ins Buch der Zauberworte eingetragen…

Vorhang auf für eure Worte...