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Setzt euch zu uns, in ein kleines Boot und fahrt mit uns auf eine ganz besondere Insel in der Nähe von Buenos Aires. Auf ebendieser Flussinsel haben wir uns ein kleines Heim eingerichtet, ein kleines Heim in Argentinien.

Argentinien? Waren wir nicht erst vor kurzer Zeit in Südamerika? Gut aufgepasst, denn Hannahs Briefe und Das Paradies der Täter haben uns diese Reise lesend ermöglicht. Nun sind wir zum dritten Mal in Südamerika und spüren schon jetzt die gedrückte Stimmung.

Die Begegnung zwischen Alma, Carmen und ihrem Bruder Marito an einem Hochwassertag beobachte ich schweigend. Gleich zu Beginn spüre ich das unsichtbare Band, welches sich um die drei Protagonisten, vor allem aber um die zwei Mädchen legt. Zudem liegt ebendieses unsichtbare Band auch zwischen den Worten, denn als Leser selbst, wird man ebenso umgarnt und gefesselt, zart gefesselt.

Zwischen Alma und den Geschwistern liegen Welten, die bereits damit beginnen, dass Almas Eltern wohlhabend sind, während die beiden bei ihrer Oma, welche dem Trauerweidensyndrom verfallen ist, in eher ärmlichen Verhältnissen wohnen. Alma ist nur am Wochenende im Haus auf der Insel und wohnt unter der Woche in Buenos Aires. Freundinnen hat sie keine, auch nicht in der Mädchenschule, in der sie von Nonnen unterrichtet wird. Marito würde gern studieren, doch es kann ihm nicht ermöglicht werden, der Sprung von der Insel aufs Festland scheint unmöglich.

Carmen und ihr Bruder sind täglich auf der Insel und haben den Fluss ständig in ihrer Nähe. Den Fluss der mit sich reißen kann, der viel erzählen kann, der Heimat für alle drei bedeutet.

Trotz der Unterschiede und des nicht Befürwortens der Freundschaft durch Almas Eltern, lassen sich vor allem die beiden Mädchen nicht auseinander bringen. Almas Kindheits- und Wohlfühlparadies ist die Insel und Carmen, mit der sie ein tiefes Versprechen verbindet. Ein unsichtbares Band verbindet beide Mädchen und doch scheint es sich von Woche zu Woche aufzudröseln, zu reißen, zu verschwinden.

Der Tag an dem die reichen Mädchen aus Buenos Aires zu Alma auf die Insel kommen um Geburtstag zu feiern, ist der Tag, an dem Alma Carmen verliert, der Tag an dem das Versprechen bricht. Carmen verschwindet aus Almas Leben und die noch bestehende Verbindung zu Marito untersagen die Eltern. Doch das Band ist stärker, denn Marito schwimmt gegen den Strom im Fluss um Alma beinahe zu küssen.

Der Bruch des Versprechens und der beinahe Kuss hinterlassen Spuren im Leser und ein Gefühl als stecke man in einem Tunnel in dem die Wände immer enger aneinander rücken. Argentinien in den späten siebziger Jahren, ein Land in dem die sozialen Unterschiede immer sichtbarer werden. Der Militärputsch wird nie direkt erwähnt und muss durch die Umschreibungen auch nicht wirklich beim Namen genannt werden.

Almas Eltern sprechen davon, dass es gut ist, dass endlich jemand für Ordnung sorgt und Marito erzählt von vielen kranken Menschen. Carmen ist in dieser Zeit bereits zu ihrem Freund aufs Festland verschwunden und der Kontakt zu Marito wird immer weniger, bis auch dieser abreißt.

„Er und ich waren eins gewesen. Wer war ich jetzt?“

Alma fühlt sich allein, Alma ist allein, Alma hat das Trauerweidensyndrom, von dem ihr Vater ihr früher erzählte. Liebeskummer.

Inés Garland schreibt vom Erwachsenwerden, sie schreibt von tiefen Freundschaftsversprechen und sie schreibt von Liebeskummer und jenem unsichtbaren Band, welches jedem im Leben irgendwann begegnen wird.

Die Autorin hat gerade mich tief mit ihren Worten bewegt und ich hatte oftmals beim Lesen Gänsehaut, da ich Sätze fand, die mich selbst schon oft beschäftigten. Sätze über die ich immer wieder nachdenke und nun gedruckt vor mir fand. Magische Worte, tiefe Worte, bewegende Worte, Augen öffnende Worte.

Carmen, Marito und Alma sind die Hauptprotagonisten im Werk, aber nicht nur diese drei haben viel zu erzählen. Alle Nebenfiguren sind ebenso tief gezeichnet und haben eine Botschaft und nicht jede Botschaft benötigt viele Sätze. Facettenreich, tief, aufregend, geheimnisvoll – Menschen Argentiniens.

Auf den knapp 250 Seiten wirft Inés Garland wohl jeden Leser in einen Fluss der manchmal schnell und manchmal etwas langsamer fließt, die Strömung allerdings immer spüren lässt. Ein Buch wie ein Fluss, bei dem man öfters ans Ufer treiben sollte, denn das Anhalten ist ein muss, um Gedankengänge ausschweifend auszuführen. Ein leises Werk mit lauten Brüchen, mit unerwarteten Wendungen und Schicksalsmomenten die das unsichtbare Band verstärken.

Und doch schweben zwischen den Zeilen die Unwissenheit, die Naivität, die gerade bei Heranwachsenden in der Zeit des Militärputsches herrschte. Diese Unwissenheit, diese besagte Naivität ist die große Absicht der Autorin, so unterstelle ich es ihr, denn gerade diese ist der Reiz des Romans.

Garland agiert mit tiefen Gefühlen, die für die Handlung Gold sind, klar formulierte Worte wären hier fehl am Platz gewesen.

Die innere Angst, das nicht wahr haben Wollen ist fühlbar bis zum Schluss. Am Ende des Romans hat der Verlag es sich wohl doch nicht nehmen lassen, ein erklärendes Nachwort anzufügen. Ich empfinde diese Ergänzung als wichtig, denn gerade diese Zeilen verleiten zur Recherche und es füllt die eine oder andere noch bestehende Lücke in der argentinischen Geschichte.

Ob der Roman für ab 14-jährige geeignet ist, wage ich persönlich zu bezweifeln, da viele Passagen sehr tief geschrieben und sehr emotional sind. Mit 16 Jahren kann das unsichtbare Band sicher mehr gefühlt und durchdacht werden.

Heute sitze ich mit Alma auf der Insel und warte und streife mit meinen Augen den Fluss. In meinem Kopf höre ich immer und immer wieder den einen Satz:

„Es gibt so viele Wege in der Welt, die sich nie kreuzen. Stell dir mal vor, du hättest sie nie kennengelernt.“

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Vorhang auf für eure Worte...