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Es ist Sommer, ganz richtig. Es ist auch kein Hochsommer der eine Abkühlung in literarischer Form braucht, dennoch kommt hier eine winterliche Rezension. Mal etwas anderes und außergewöhnliches mitten im Jahr. Aber warum nicht, dachte ich mir und somit gibt es für euch einen heißen Buchtipp für die hoffentlich noch nicht bald wieder beginnenden kalten Jahreslesetage. Das Team Literatwo hatte wundervolle Lesestunden mit Gerard Donovan seinem Debüt, welches allerdings erst nach seinem Erfolgsroman „Winter in Maine“ in Deutschland veröffentlich wurde.

Es war warm, Kerzen brannten, es duftete weihnachtlich, meine Stimmung war froh, besinnlich und ich war ruhig und habe diese Zeit genossen.

„Richte das Teleskop aus.“

Von Zeit zu Zeit begab ich mich aber in die Kälte.
Draußen war es kalt, es schneite, die Temperatur sanken weiter und ich zitterte. Dieses Gefühl war mir aber auch ohne den Schritt nach draußen gegeben, denn, während ich laß, verstärkt sich dieses immer mehr. Gerard Donovan ließ mich auf seine zwei Hauptprotagonisten treffen. Diese sind der Lehrer und der Bäcker. Handlungsort ist ein Feld, auf dem der Bäcker graben soll. Er soll graben, und zwar ein tiefes Loch. Während er dies tut, werden immer mehr Menschen herbeigeschafft. Herbeigeschafft auf das Feld, den Schauplatz, auf dem sich Lehrer und Bäcker gegenüber stehen. Stumm hören die Menschen dem Gespräch zu, was langsam zwischen den beiden, an diesem bitterkalten Nachmittag entfacht. Es ist Bürgerkrieg, es ist kalt, die Stimmung unerträglich eisig. Und es wird etwas passieren, die Handlung an einem Ort, an dem nicht ausschweifend gehandelt werden kann, wird sich ausdehnen.

Die Kälte kriecht tiefer, nimmt nicht nur den Körper ein, sondern auch die Seele, die Gedanken und letztendlich sollen sich Leser und Protagonisten fragen: was ist wichtiger – Freundschaft oder Überleben?

„Tabula rasa“

Ich stand auf und ging in die Kälte, wollte diese Kälte nicht nur aus dem Buch aufsaugen, sondern sie auch am ganzen Körper spüren. Stieß warme Atemluft aus, die wie kleiner Nebel wirkte, während ich an die philosophischen Gespräche der beiden dachte.

Bücher verbinden und auch über dieses Buch wird gesprochen. Auf die Empfehlung hin doch mitten im Buch das Nachtwort zu lesen, was ich sonst definitiv nicht mache, habe ich es getan und empfehle es allen Lesern.
Langatmige und vielleicht etwas zu weit ausholende Themen des Lehrers und des Bäckers, verlangsamen das Buch, machen es stellenweise zäh. Diese Zähigkeit ist für mich nie negativ gewesen, aber ich konnte auch nie in Worte fassen, warum es so ist und wie ich dieses Gefühl benennen sollte. Im Nachwort kann ich für genau diese Stellen den richtigen Begriff finden.

Begrenzter Handlungsort, unbegrenzte Möglichkeiten in einem Gespräch. Geschichten, Theater, Religion und Philosophie am Rande des Lochs, im Loch.

„Jeder Krieg wird von beiden Seiten verloren. Jeder Mensch handelt immer und jederzeit in seinem eigenen Interesse. Alle Kriege werden durch Menschen ausgelöst, die etwas zu gewinnen haben. Jede Liebesaffäre beginnt mit Eigennutz und endet auch so.“

Bisher habe ich „Winter in Maine“ nicht gelesen, aber der bitterkalte Nachmittag streckt seine Finger aus und weist mich zu diesem Buch hin. Auch die Rezension von Mr. Rail schreit mich an, dieses Buch in diesem Winter zu lesen. Gerard Donovan hat ein bitterkaltes Buch geschrieben, aber in der ganzen Kälte Worte verwendet, Sätze aneinander gereiht und Bilder entstehen lassen, die es ganz tief drinnen warm gemacht haben.

Bücher verbinden – immer, fällt mir dazu ganz speziell ein.

Und nun? Wer bin ich? Wer bist du? Der Lehrer? Der Bäcker? Oder beides?

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Vorhang auf für eure Worte...