Barock ~ schiefrunde Perlen
Barock ~ schiefrunde Perlen

Schiefrunde Perlen

Die erste literarische Epoche, der ich mich auf meiner Reise zugewandt habe, kommt gleich zu Beginn etwas schwierig daher. Ihr Genus schwankt, so kann man neben dem sehr gebräuchlich klingenden „der Barock“ auch von „das Barock“ sprechen. So unheimlich letzteres auch klingen mag, ist es doch der häufiger verwendete Artikel für die literarische Epoche des 17. Jahrhunderts namens Barock, zu deutsch der schief runden Perle.

„Drei Mächte formten das kulturelle Leben des 17. Jahrhunderts: die Gegenreformation, der Humanismus und der Absolutismus.“[1] Gegenreformatorische Bestrebungen versuchten den Protestantismus zu verdrängen, trotz Bemühen Luthers um die deutsche Sprache, hielt nun Latein auch Einzug in die Sprache des Volkes. Der französische Hof und dessen Sprache wurden mehr zum Vorbild, es war „à la mode“, französisch zu sprechen.

Einer der bedeutendsten literarischen Vertreter dieser Zeit war Martin Opitz, der wohl größte Theoretiker. Mit dem Werk „Buch von der deutschen Poeterey“ stellte er Regeln und Grundsätze für das Dichten auf, er konzentrierte sich dabei vor allem auf die metrischen Grundsätze der deutschen Sprache.

Hat man vielleicht den Eindruck, diese literarische Strömung sei verstaubt, theoretisch und trocken, so wird man durch dieses wunderschöne Sonett über die Liebe wohl eines besseren belehrt [2].

Barock ~ schiefrunde Perlen
Barock ~ schiefrunde Perlen

Ein weiterer wichtiger Vertreter dieser Epoche war Andreas Gryphius, ein Dichter und Dramatiker. „Sein Leben war geprägt von den Leiden und Erfahrungen seiner Zeit, speziell dem frühen Verlust seiner Eltern, der Zerstörung Glogaus im Dreißigjährigen Krieg und den damit verbundenen Religionsverfolgungen. Erfüllt von einer tiefen Friedenssehnsucht empfand er die Tragödien seiner Zeit besonders stark.“[3]

So ist es nicht verwunderlich, dass sein Werk geprägt ist von Themen wie Leid, dem moralischen Verfall, aber auch der Vergänglichkeit und Eitelkeit, der vanitas, einem der typischsten Motive des Barock. Letzteres zeigt sich sehr deutlich in einem seiner berühmtesten Sonette „Es ist alles eitel“[4].

Barock ~ schiefrunde Perlen
Barock ~ schiefrunde Perlen

Neben dem bedeutenden lyrischen Werk dieser Epoche gibt es jedoch auch auf dem Gebiet der Prosa Texte, die es sich zu lesen lohnt. Allen voran natürlich „Der Simplicissimus“ von Grimmelshausen, ein Roman, der den Lebensweg und die Entwicklung eines Menschen, hier am Beispiel des einfältigen Simplicius, darstellt und somit als erster deutscher Entwicklungsroman gelten kann.

Ein weiteres lohnenswertes erzählerisches Werk ist „Das Rollwagenbüchlein“ von Jörg Wickram. Dieses relativ schmale Bändchen versammelt 111 Schwänke, die sehr amüsant zu lesen sind. Unterhaltsam und witzig werden kurze Geschichten aus dem Leben von Bauern, Handwerkern, Pfaffen und Kaufleuten beschrieben, wobei vor allem die Pfaffen in ihrer vermeintlich moralischen Unantastbarkeit entlarvt und ironisch kontrastiert werden.

So liest man durchaus Beschreibungen, wie z.B.: „In einem Dorf saß einmal ein toller, voller, verlotterter, verhurter, gottloser Pfaff, dem allezeit seine Sinne und Gedanken mehr nach dem Wirtshaus als nach der Kirche standen.“ (S. 16)

Das Werk besticht vor allem durch seinen Humor, der Schwächen und Dummheit entlarvt und den Leser oftmals zum Lachen bringt, da die Protagonisten oftmals aneinander vorbeireden.

Barock ~ schiefrunde Perlen
Barock ~ schiefrunde Perlen

So begibt es sich in einem der Schwänke, dass eine Frau einen Dorn im Fuß hat. Sie humpelt daraufhin zu einem Scherer, der ihr auch verspricht zu helfen.

„Da sprach der Scherer: „Ach liebe Frau, setzt euch nieder auf das Kissen! Ich will euch geschwind geholfen haben.“ Und während der ihr mit einem Instrument zu Hilfe kommen will, da lässt die gute Frau einen großen mächtigen Furz vor Angst und Not. Da sprach der Meister: „Oho, der ist heraus.“ Da meinte die gute Frau, er hätte den Dorn gemeint. Geschwind sprach die Bäuerin: Ach, kauet ihn und bindet ihn darüber! So schwillt es nicht.“ Da sprach der Scherer: „Kaue ihn der Teufel an meiner statt!“ (S. 220/221)

Barock ~ schiefrunde Perlen
Barock ~ schiefrunde Perlen

Die schiefrunde Perle des Barock zeigt sich also als eine durchaus lesenswerte Epoche voller Liebe, Leid aber auch viel Humor. Vor allem die theoretischen Bemühungen von Opitz haben maßgeblich zur Entwicklung der deutschen Poesie beigetragen, so dass hier zurecht von „Klassiker“ gesprochen werden kann.

Euer barockes Lesebienchen

 

[1] aus: Deutsche Literaturgeschichte. hrsg. von Haerkötter/Trautmann. Winklers 2008, S. 37
[2] aus: Der neue Conrady. Das deutsche Gedichtbuch. hrsg. von K.O. Conrady. Patmos Verlag 2000, S. 148
[3] aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Gryphius (Stand 24.03.2015)
[4] aus: Der neue Conrady. Das deutsche Gedichtbuch. hrsg. von K.O. Conrady. Patmos Verlag 2000, S. 168

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