Dark Canopy - enorme dystopische Sogkraft
Dark Canopy – enorme dystopische Sogkraft

Innerhalb eines Tages 525 Seiten gelesen zu haben und das in einem Buch, kann eigentlich nur bedeuten, dass es ein starkes Buch war und ist. Voller Faszination steckte ich im Buch, ein daraus Entkommen war kaum möglich, nur dass Nötigste außerhalb des Buches was es zu erledigen gab, konnte eine Unterbrechung herbeiführen. Dieses fast zu 100% aus der Realität hinaustreten bzw. hinauslesen, passiert immer wieder, nur oftmals ist die Prozentzahl etwas kleiner.

In der Welt der Literatur ist dieses Erscheinungsbild bekannt und erregt keine Besorgnis. Der Literaturbefallene wird nicht schief angeguckt, nicht unterbrochen und auch sonst wird er nicht dran gehindert, dort zu verweilen, wo er gedanklich gerade ist. Alles ganz normal unter Buchsüchtigen. Aber eines tun sie doch, die Gleichgesinnten. Sie stellen die Frage:

Welches Buch liest du?

Dark Canopy - feurig, dunkler Lesestoff
Dark Canopy – feurig, dunkler Lesestoff

Dark Canopy (Script 5) – lautete meine Antwort und schon finde ich mich dort wieder, wo sich die schwarzen Wolken am Himmel bündeln, wo die Sonne nur  wenige Stunden am Morgen zu sehen ist. In einer Stadt in der überwiegend künstliche erzeugte Wesen leben, die Percents. Für den dritten Weltkrieg erschaffene Soldaten, welche die Herrschaft übernommen haben und alle Rebellen töten. Die Percents sind gewaltig, haben Macht und Stärke, nur ein schwacher Punkt lässt sie angreifbar machen.

Die Sonne ist ihr größter Feind, denn sie sind lichtempfindlich. Aus diesem Grund wurde Dark Canopy erschaffen, eine Maschine die dunkle Wolken produziert und somit die Sonnenstrahlen fern hält. Einige Menschen leben in der Stadt unter den Percents. Sie haben sich ergeben und angepasst.

Joy gehört nicht dazu. Sie lebt in einem von mehreren Clans außerhalb der Stadtgrenze und kämpft täglich mit ihrer Familie und ihren Freunden ums Überleben. Die Sonne schafft es wenige Stunden am Tag ihr wärmendes Licht zu verbreiten, eine kurze Zeit in der die Rebellen vor den Kriegern sicher sind. Der Geburtstag von Joy ist auch der Tag der Eroberung, der Blutsonnentag. Ein Tag an dem nicht nur an die Vergangenheit gedacht werden soll, sondern auch an das Chivvy, welches um die Mittagszeit stattfindet. Eine Hetzjagd auf Menschen in dem die Varlets, noch nicht vollständig ausgebildete Kämpfer, in die Welt der Krieger, die Welt der Percents aufgenommen werden. Der Tag an dem die Macht, die Überlegenheit, den Städtern in vollem Maße demonstriert wird.

Dark Canopy - hell & dunkel
Dark Canopy – hell & dunkel

40 Jahre nach der Machtübernahme fällt es den Rebellen immer schwerer, sich gegen die Percents zu wehren. Die Nahrung ist knapp, da der Clan stetig wächst und aus diesem Grund schleicht sich die fast 20-jährige Joy mit ihren Freunden in die Stadt. Das Handeln mit den Städtern ist zwingend, um alle zu versorgen. Die Gefahr lauert überall und höchste Vorsicht ist geboten.

Ein Hinterhalt ist der Grund, warum Joy den Feinden in die Hände fällt. Sie wird nicht getötet, was in diesem Fall das Beste für sie gewesen wäre. Nein, sie wird gefangen genommen und soll für den Kampf ausgebildet werden, um an nächsten Chivvy teilzunehmen. Einmal konnte Joy bereits einem Varlet entkommen, doch ein zweites Mal konnte es ihr nun nicht gelingen.

Das Leben unter den scheinbar herzlosen Percents ist hart, voller Gewalt und schweren Prüfungen. Fast jede Minute muss sie nun an der Seite des Percents Neél verbringen, in der sie sich versucht wacker zu schlagen und bis zum Äußeren zu kämpfen. Sie erhofft sich Rettung und denkt oft an ihre Freunde von denen sie nicht weiß, wer noch am Leben ist. Ihr Kämpferherz schlägt und Joy, bekannt als Messermädchen, will ein Zeichen setzen. Sie muss stark bleiben. Sie analysiert ihre Bewacher, ihren Percent Neél und macht eine wichtige Feststellung.

Betrügen sie ihre inneren Empfindungen oder ist es tatsächlich möglich, dass auch Neél in sich ein Stück Menschlichkeit trägt?

Dark Canopy_Jennifer Benkau_starke Fantasy_Spacer

Schon wieder eine Dystopie, habe ich gedacht. Muss ich diese denn wirklich lesen? Mehrere von euch werden sich diese Frage stellen. Einer mehrmaligen Empfehlung konnte ich mich letztendlich nicht widersetzen und griff zu diesem wirklich dicken Buch, welches bereits gleich zu Anfang verdeutlichte, dass es dunkel und hart wird. Das Umfassende Intro ebnete mir schnell den Weg und nahm mir alle Vorurteile die ich hatte. Schnell war mir klar, dass ich es hier mit einem gewaltigen Brocken in dem nicht alles voller Sonnenschein und umfassender Liebesgeschichte ist, zu tun hatte.

Vor allem Joy, die Protagonistin, wollte nicht sofort von mir geliebt werden und zeigte mir ihren harten und eigenwilligen Charakter. Eine Herausforderung ganz abseits der Geschichte, wie es mir schien, der ich mich gern stellen wollte. Der flüssige Schreibstil ließ mich zudem auch nicht mehr entkommen und die Wolke von Dark Canopy hüllte mich ein.

Ich blieb auf Abstand und behielt meine Gefühle für mich, denn die nackte Gewalt und die Kälte brachten mich auf Distanz. Joy wollte kennengelernt und keinem bisherigen Protagonistenmuster zugeordnet werden. Von vornherein war mir klar, dass ich das Buch abbrechen würde, wenn mir  Parallelen zu anderen Dystopien auffallen würden und vor allem wenn die Handlung vorhersehbar wird. Weder das eine noch das andere trat ein und somit wurde ich von Dark Canopy aufgesaugt, gehalten und gefesselt.

Dark Canopy - Jennifer Benkau
Dark Canopy – Jennifer Benkau

Benkau verschont keine einzige von ihr ins Leben gerufene Figur, schreibt gnadenlos und hart. Gewaltvolle Szenarien werden nicht ausgeblendet, Trauer und Schmerz werden nicht unterdrückt, Schuld und Enttäuschungen werden nicht verschwiegen. Die Autorin bedient sich natürlich der Liebe, um ein Band zwischen Rebellen und Kriegern zu knüpfen. Doch dies ist keine Liebe auf den ersten Blick mit allem Kitsch der dazugehört. Es ist eine Liebe die ungewollt entsteht und nicht völlig ausgelebt werden kann, dazu steht das Chivvy zu sehr im Vordergrund. Man könnte sagen, nicht die Protagonisten entdecken die Liebe, sondern die Liebe entdeckt die Protagonisten und schleicht sich in ihre Herzen.

Benkau begeistert, Benkau besticht, Benkau raubt einem während des Lesens die Luft zum Atmen.

Sie gibt die nötigsten Einblicke in die Lebenswelt von Joy, in dem zu Anfang der Clan eine größere Rolle spielt und ihre Beziehung zu Matthial, ihrem besten Freund. Trotz der eingeschränkten Lebensweise und der Härte die die Jahre des Lebens außerhalb der Stadt mit sich bringen, werden die Gefühle nicht ausgeblendet und sind für den Leser spürbar. Joy ist am Anfang unsympathisch, soll es vielleicht sogar sein. Sie lässt sich eben nicht verbiegen, tut das was sie für richtig hält mit dem nötigen Blick nach links und rechts. Sie ist das Mädchen mit dem Messer, eine Kämpfernatur und sie muss stellenweise aufkeimende Gefühle unterdrücken um nicht unterzugehen.

Dark Canopy - eine Dilogie
Dark Canopy – eine Dilogie

Dystopien müssen klar sein, sie müssen eine gewisse Plausibilität von Anfang an erkennen lassen und gerade dem immer größer werdenden Anspruch der Leser gerecht werden. Ich hatte einen hohen Anspruch, hohe Erwartungen und habe mich wie eine dritte Fraktion gefühlt. Habe ich allerdings anfangs noch gekämpft, irgendwie sogar gegen das Buch, habe ich relativ schnell verloren. Die Autorin wusste, wie sie mich schachmatt setzen konnte und schuppste mich selbst gern zwischen ihren Worten hin und her, ebnete gerade mir als Leserin keinen geraden Weg auf dem ich gemütlich entlang spazieren konnte.

Meine Nerven spannten sich immer mehr an, wem vertrauen, wem glauben, wen an die Hand nehmen. Nicht ich ging auf das Unvermeidbare zu, sondern das Unvermeidbare schien auf mich zuzukommen. Dark Canopy nahm mich gefangen. Wer denkt, dass sich das Geschehen nach der Gefangennahme nur noch um Joy dreht, denkt falsch. Jennifer Benkau hat in ihrem Szenario mehrmals um die Ecke gedacht und hält alle Fäden so sicher in der Hand, dass Überraschungseffekte nicht ausbleiben.

Ein weiterer Unterschied zu anderen Dystopien ist, dass es sich hier um keine Trilogie handelt, sondern um eine Dilogie, einen Zweiteiler.  Der Cliffhanger am Ende des Romans ist heftig, so heftig, dass ich perplex dasitze und mich bis Teil zwei am liebsten nicht mehr bewegen möchte. Meine Erwartungen sind sehr hoch und ich hoffe Jennifer Benkau schreibt genauso stark weiter.

GRANDIOS!

UPDATE 06.03.2013: Teil 2 – Dark Destiny

16 comments on “Dark Canopy – eine dunkle Dystopie die es in sich hat!”

  1. Ich war mir bei meiner Empfehlung eigentlich sicher, dass es gefällt, aber so ganz sicher kann man sich da ja nie sein (Schweiß von der Stirn gewischt) … tolle Rezension, die alles sagt 🙂

    Liebe Grüße
    MacBaylie

  2. schrecklich!!!!!! Ich hab nur noch 100 Seiten und dann muss ich ewig warten, bis Band 2 herauskommt!!! Manche Bücher sollten einfach eine Endlosschleife sein! 🙂 Sensationelle Empfehlung – kann das Buch nur schwer aus der Hand legen!

      • Fertig! 🙁 War viel zu schnell zu Ende! Schrecklicher und doch fantastischer Schluss – ich mag keine Cliffhanger! 😉 Gott sei Dank gibt es eine Fortsetzung! Ob Jennifer Benkau dieses Tempo auch im 2. Band halten kann?? Bin schon gespannt wie eine Feder! Auf jeden Fall ein sensationelles Buch! Werde die Tage noch eine Rezi posten! Nochmals Danke für den Tipp!

        • Ja – der ist aber mal wirklich richtig fies und ich bin mehr als gespannt, wie es weiter geht – überhaupt nicht absehbar, wie ich finde…

          Deine Rezi hab ich gelesen und bei dir kommentiert – sehr schön geschrieben.

          Und nun…hibbel…hibbel…hibbel…:-)

Vorhang auf für eure Worte...