Kein anderes Bild sitzt so tief...

Keine Sorge…. Ich schreibe heute bestimmt nicht über Gemälde, Expressionismus, moderne Kunst im weitesten Sinne oder liefere gar neue Interpretationsansätze zum großen Lebenswerk von Wassily Kandinsky oder Franz Marc. Echt keine Sorge.

Ich schreibe nach wie vor über Literatur – ich schreibe über Bücher und was sie manchmal mit ihren Lesern anstellen, was sie verursachen und wie sehr man oftmals an seine Grenzen stoßen kann – besonders, wenn man es sich zur Angewohnheit gemacht hat, vieles nur noch gemeinsam zu lesen. Es dann auch gemeinsam zu fühlen, zu denken, zu träumen und zu erleben.

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies hat sehr viel Wärme in unsere kleine Villa gebracht. Eine (auch für unsere Verhältnisse) große Artikelwelle hat das gemeinsame Leseerlebnis in uns losgetreten und wir haben euch Postkarten aus einer längst vergangenen Zeit geschickt. Wir waren auf dieser Zeitreise sehr froh, dass ihr bei uns wart.

Verwunschene Bilder haben wir euch gezeigt und auch von den kleinen und großen Begegnungen berichtet, die wir diesem Buch zu verdanken haben. Stundenlang haben wir uns darüber unterhalten und geträumt, was wir in diesem Jahr getan hätten, wo man uns hätte suchen müssen und ob wir uns überhaupt gefunden hätten. Gedankenspiele….

Kein anderes Bild aus diesem Buch hat sich so tief in uns verankert, wie jene Blauen Pferde von Franz Marc, die schon fast zur Metapher für dieses Jahr wurden… zumindest für uns. Seiner lieben Freundin Else Lasker-Schüler malte er den „Turm der blauen Pferde“ auf eine Postkarte… eine mehr als persönliche Widmung. Konnte er da ahnen, dass sein originales Gemälde einst in den Kellern von Hermann Göring hängen würde…? Gestohlen von einer Nazi-Größe – und dies unter dem Vorwand, es sei „entartete“ Kunst. Verschollen und nie wieder aufgetaucht nach dem Krieg und das einzige Zeugnis, das geblieben ist… jene Postkarte… Konnte Franz Marc dies ahnen?

Konnten wir ahnen, dass uns diese kleinen Geschichten zu „Blauen Reitern“ machen würden, da uns ein Bildersturm erreichte, der vom Blättern der Buchseiten entfacht wurde? Wir lernten die Menschen kennen und dadurch lernten wir ihre Bilder lesen. Sie waren offen wie ein Buch. Doch wir kannten sie nur aus Büchern…. Die Originale, soweit nicht verschollen, hatten wir zuvor noch nie gesehen. Wozu auch… blind, wie wir waren!

An einer Litfaßsäule führt mich mein Morgenweg vorbei, wenn ich in München zur Arbeit fahre. Ungelogene 20 Minuten verharrte ich vor ihr, da ich etwas sah, was ich nicht erwartet hatte. Ein Blaues Pferd schaute mich an und der Text auf dem Plakat verwies auf die Neueröffnung des Lenbachhauses. Nach Jahren wieder zugänglich und im Neubau, so hieß es, erstrahlte jenes legendäre Blaue Pferd von Franz Marc im einzigartigen natürlichen Licht der lichtdurchlässigen Dachkonstruktion.

Ungeduld macht sich breit - ich muss dorthin...
Ungeduld macht sich breit – ich muss dorthin…

Ungeduld machte sich breit und Unruhe verschaffte sich Raum… ich musste dorthin… so schnell wie möglich. Als schien dieses Pferd auf mich zu warten blieb mir keine andere Wahl, und am zweiten Tag nach Neueröffnung des Kunsthauses reihte ich mich in eine hunderte Meter lange Schlange ein, um im strömenden Regen auf Einlass zu hoffen.

Und obwohl ich unter vielen Menschen war, so war ich doch allein. Diejenige, mit der ich zum Blauen Reiter wurde und mit der ich das Blaue Pferd lesen lernte, war nicht da. Und doch war genau dieser Mensch in diesen Stunden tief bei mir. Ein ganz eigenartiges RAUM-Zeit-Kontinuum, in dem ich mich bewegte.

Nicht mit meinen Augen wollte ich die Galerie betrachten. Nicht gänzlich alleine wollte ich mich dem Augenblick stellen, dem ich so sehr entgegenfieberte. Nicht allein für mich durchschritt ich die Pforten der alten Künstlervilla. Ich fühlte mich im Dialog mit Bianca vertieft, nach unserem Weg suchend – so wie immer.

Bildersturm - Bilderfluten
Bildersturm – Bilderfluten

Eine von der Decke tropfende magische Lichtkonstruktion hielt uns bereits im Eingangsbereich gefangen und während ich schnell weiter strebte vernahm ich nur ihr „Langsam Arndt… lass es uns genießen…“ – und ich genoss. Und doch – und auch mit anderen Augen gesehen, und gerade weil mit anderen Augen sehend – musste ich weiter.

Eine Treppe nach oben… ein Schriftzug „Der Blaue Reiter“ und ein ganz besonderes Licht – all dies zog mich (zog uns) magisch an.

Bildersturm – Farbenpracht – Formenwahn – all dies rauschte an mir vorüber… im ersten Moment wie ein Film wahrgenommen – Zeitraffer… ich musste weiter… ich war verabredet. Im Gehen versprach ich den Klees, Mackes, von Stucks und Kandinskys meine Rückkehr. Hoch und heilig versprach ich dies… aber mein Weg war programmiert.

Eine Tür noch… eine einzige…

Hallo.... es wurde auch langsam Zeit...
Hallo…. ich habe mehr als hundert Jahre gewartet…

Ich schritt hindurch… ein tageslichtheller Raum… ein schwarzer Holzrahmen… und ein majestätisch wirkendes, in den schillerndsten Blautönen strahlendes, futuristisch verformt gemaltes Blaues Pferd erhob sich mir gegenüber. Den Blick zur Seite gewandt, mich mit einem Auge fixierend schien es zu sagen: „Wird aber auch Zeit – ich habe mehr als hundert Jahre darauf gewartet.“

Ganz nah stand ich ihm gegenüber. Auge in Auge und unfassbar berührt von der Magie des AugenBlicks – im wahrsten Sinne des Wortes. Am Ziel… endlich. In der Nähe… eine Sitzgelegenheit… mit feinem dunklen Leder bezogen… verweilen um zu schauen – genau dafür schien sie wie geschaffen. Ich nahm Platz, öffnete meine Tasche, griff hinein und hielt ein Buch.

„1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ hatte mich begleitet, hatte uns begleitet und ich begann tief versunken zu lesen. Von Franz Marc und Else Lasker-Schüler – von Reisen und Gemälden – von der Stimmung dieses Jahres – von seinen Menschen. Und immer wieder schaute ich auf und wusste, dass mir jenes Blaue Pferd auf seine eigene Art und Weise erzählte… liebevoll und zart legte es in diesem Moment Zeugnis einer Epoche ab. Und es sprach von Franz Marc, der es in zartem Pinselstrich erschaffen hatte.

Lies bitte weiter...
Lies bitte weiter…

Und immer, wenn ich ins Stocken kam, schien mich eine unsichtbare Hand zu berühren und ich hörte nur die Worte „Lies bitte weiter“… und ich las. Ich genoss und las… und ich bewunderte, betrachtete, saugte auf. Ein Moment für die Ewigkeit, den ich im Angesicht eines Gemäldes niemals erwartet hätte.

Ein letzter Blick und ein noch einzulösendes Versprechen… Ich musste irgendwann weiter. An erstaunten Menschen vorbei, die sich wunderten, warum man ausgerechnet in diesem Bilder-Raum lesen musste. Belächelt… angelächelt… und doch unverstanden fühlte ich mich ein wenig… vielleicht so unverstanden, wie einst Franz Marc.

Mit anderen Augen verließ ich den Saal. Ich hatte gesehen – wir hatten gesehen, gefühlt, gelesen, erlebt – gemeinsam – so wie immer. Ich habe mein Versprechen gehalten. Ich begegnete anschließend Kandinsky, Klee, Macke und vielen mehr. Lange verfiel ich der Erotik von Stucks Salome. Selbst Joseph Beuys habe ich einen Besuch abgestattet (aber glaubt mir, das ist eine andere Geschichte)…

Ein letzter magischer Blick zurück... Bilderwucht
Ein letzter magischer Blick zurück… Bilderwucht

Warum ich dies heute schreibe? Ganz einfach… ich wollte es nicht erzählen. Die Eindrücke mussten sich tief verinnerlichen und dann erst kamen die Worte. Mit anderen Augen wollte ich aus meiner Sicht nur für Deine Augen schreiben… und Dir mit diesem gemeinsamen Besuch auch im Namen des Blauen Pferdes alles Liebe zum Geburtstag wünschen. Blaue Reiter – literarische Kavallerie!

Für Bianca… 160513 (und das Pferd müsste inzwischen bei Dir sein)!

11 comments on “„Das Blaue Pferd“ von Franz Marc… mit anderen Augen…”

  1. Er ist „angekommen“ – der blaue Reiter. Hier in tiefer Textform und mit eindrucksvollen Bildern und in Briefform mit Worten der Wärme und des Zusammenhaltes.

    Ein Wort des Dankes reicht, ein besonderes spezielles Wort – ANGEKOMMEN – denn dieses Wort löst Wörterfluten aus und genau diese tiefe Gemeinsamkeit verbindet lebenslang. Es ist immer wieder schön, dies zu wissen und zu spüren.

    Der Reiter ist da, mit vielen Gefühlen und Gedanken im Gepäck. Danke für dieses Geschenk in Wort, Bild und Tiefe!

    Spiegelnder blauer Reiter Geburtstagsgenuss pur – danke für die tiefe Überraschung. DANKE

  2. Im August meldeten sich Marc und Macke als Kriegsfreiwillige, wobei Marcs Truppe Ende des Monats an die französische Front verlegt wurde. Wie viele Künstler und Intellektuelle jener Zeit neigten beide dazu, den Ausbruch des Krieges als „positive Instanz“ zu überhöhen. Macke fiel bereits zwei Monate später. Sein Tod traf Marc tief, änderte aber nichts an seiner Einstellung. In seinem nach dem Krieg veröffentlichten Nachruf drückte er nicht nur die Trauer um den Freund aus, sondern hielt an der Opferbereitschaft fest. In seinen „Briefen aus dem Feld“ wird deutlich, dass er ein krankes Europa sah, das durch den Krieg geläutert werden müsse. Ein Sinneswandel, wie auch bei vielen anderen Menschen, so bei Max Beckmann , setzte später ein. Im Oktober 1915 schrieb Marc an Lisbeth Macke einen Brief, in dem er den Krieg als den „gemeinsten Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“ bezeichnete.

  3. Auch Franz Marc fiel im Ersten Weltkrieg bei Verdun. Während eines Erkundungsritts wurde er von mehreren Granatsplittern getroffen.

    Kurz zuvor wurde er in die Liste der bedeutendsten deutschen Künstler aufgenommen und damit vom Kriegsdienst befreit. Der letzte Tag seines Dienstes war auf den 5. März 1916 festgelegt.

    Am 4. März endete sein Leben in der Gegend von Verdun… er ritt wohl nicht auf seinem Blauen Pferd…

Vorhang auf für eure Worte...