Das Papierhaus ~ Carlos María Domi
Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez

Als die liebe Dorota, Bibliophilin, fragte, wer Lust auf ein Wanderbuch hat, war meine Lust natürlich gleich bei der Sache und rießig groß. Schon das erste WanderbuchLiebe am Ende der Welt ~ Anthony McCarten war ein Erlebnis. Nun sollte alsoDas Papierhaus ~ Carlos María Domínguez (Suhrkamp/Insel) bei mir einziehen und mir literarische Stunden bereiten. Als es ankam war ich schon mehr als angetan, denn die Wanderbuch-Vorherleserinnen haben wieder viele Worte im Werk, aber auch auf Postkarten dagelassen. Ihre Gefühle und Empfindungen niedergeschrieben, Lesezeichen und Tee beigelegt. Einfach schön, ein Wohlfühlgefühl.

Regelrecht ehrfürchtig habe ich mich den ersten Worten genähert. Was dann passierte, merkt ihr wohl selbst, wenn ich euch den ersten Satz zeige. Ein Satz an dem ich sofort hängen geblieben bin, denn dieser regte wahnsinnig zum Nachdenken an und ich selbst dachte: „Mit so einem Satz muss ein Werk beginnen. Wenn ich ein Buch schreiben würde, wäre genau dieser Satz in seiner Art und Weise der erste.“

Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez
Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez

„Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.“ (Seite 9)

Dieser Satz verursacht Gänsehaut – diese ist allerdings nicht endlich, da die Sätze nicht minder anders werden. Autor Carlos María Domínguez setzt papierförmige Nadelstiche in unsere bibliophilen Herzen. Keine 100 Seiten benötigt er, um Büchermenschen abzuschrecken, zu begeistern und vor allem literarisch zu verführen.

Bluma ist tot und ein Nachfolger bekommt ihren Lehrstuhl in Cambridge. Die Welt und das Leben dreht sich weiter, allerdings nur, bis der Ich-Erzähler, der Bluma nicht nur als Kollegin kannte, eine Sendung mit buchigem Inhalt erhält. Zementreste zieren das ramponierte Werk, welches den Titel „Schattenlinie“ von Joseph Conrads trägt.  Zudem stößt er auf eine Widmung, die ihn nachdenklich macht und in ihm den Drang auslöst, die Spur des Werks zu verfolgen. Die Welt die sich für ihn öffnet wird spannend, eindringlich und zeigt ihm die Sonnen- aber auch Schattenseiten der Literatur.

Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez
Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez

Zwischen allen Werken die sich im Schwerpunkt um Bücher drehen, ist dies wohl die absolute Perle. Der rote Buchfaden zieht sich intensiv durch die Papierhaus-Seiten und der Stoff ist leicht zu lesen, aber nicht so leicht zu verdauen. Ständig hält man beim Lesen inne, da man bestimmte Wortbrocken nicht so einfach verdauen, vorher kauen kann. Hier muss intensiv geschluckt werden, um den literarischen Wortkuchen in den Lesermagen zu bringen. An einigen Stellen habe ich mir fast die Seitenzähne ausgebissen, es hat geschmerzt, da die bibliophilen Gefühle überhand nahmen. Sich selbst betrachtet man während des Lesens ununterbrochen. Die eigene Einstellung zum gedruckten Werk, die Leidenschaft des Sammelns, die Hingabe in Lesestunden, alles wird beleuchtet und ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich an Büchern mit den Fingern entlang fuhr und meine gut bestückten Regale liebevoll betrachtete. *seufz*

Das Werk ist durchzogen von langen Sätzen. Sätze die so bildlich sind, dass ganze Bücherregale, Bibliotheken und Buchhäuser vor uns entstehen. Zudem ist das Werk illustriert, natürlich mit Büchern und untermauert damit das so schon mehr als starke Gefühl in einer eigenen Buchwelt zu sein. Ich möchte einige Sätze mit euch teilen und komme nicht drumherum einige wichtige und poetische Stellen in Zitatform hier wiederzugeben.

Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez
Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez

„Häufig ist es schwerer, ein Buch loszuwerden, als es zu bekommen.“ (Seite 18)

„Wir Leser spionieren die Bücherschränke unserer Freunde aus und sei es zur Ablenkung. Weil wir ein Buch entdecken können, das wir lesen wollen und nicht besitzen, oder weil wir einfach wissen wollen, was das Tier, das wir vor der Nase haben, in sich hineingefressen hat.“ (Seite 20)

„Ich habe Bücher gekauft, solange ich denken kann. Wer sich eine Bibliothek aufbaut, der baut sich ein ganzes Leben auf. Sie ist nämlich nie die Summe ihrer einzelnen Exemplare.“ (Seite 34)

„Die Menschen verändern auch das Schicksal der Bücher.“ (Seite 67)

Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez
Das Papierhaus ~ Carlos María Domínguez

Freudig, aber auch wehmütig schicke ich das kleine große Werk nun an die nächste Station weiter. Ich weiß, dass ich dieses Buch selbst brauche, da es mir wahnsinnig viel gegeben hat. Eigentlich brauche ich es mit genau den Markierungen und Anmerkungen, denn ein Wanderbuch ist wirklich besonders und ich habe es genossen, jedes Wort der anderen Leserinnen aufzusaugen, zu kommentieren, zu überdenken und ich habe mich gefühlt, als ob wir alle gleichzeitig nebeneinandersitzend genau an diesen besagten Worten hängen geblieben sind.

Wir sind Leser mit Lesensseelen – Gänsehaut!

Eure

Vorhang auf für eure Worte...