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David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Ein sonniger Tag erwartete die zukünftigen ehemaligen Studenten im Innenhof des Colleges. In schwarze Roben gehüllt und mit Doktorhüten auf den Köpfen erwarteten sie in Anwesenheit ihrer Familien den Auftritt des wohl stimmgewaltigsten amerikanischen Schriftstellers der Moderne – David Foster Wallace. XENOS

Sie alle kannten die Magie von „Unendlicher Spaß, sie alle wussten von der Sprachgewalt seiner Kurzgeschichten, wie Alles ist grün oder Am Beispiel des Hummers, und doch ahnte niemand, was er genau an diesem Tag zu sagen hatte. Gespannte Erwartung machte sich auf dem Platz und in den Gesichtern der Absolventen breit. Wer erwartet hatte, einen dem Anlass entsprechend gekleideten Eliteautor zu erleben, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

Den Talar des Ehrenredners nur lose übergeworfen, sodass er bei jedem Satz über die hängenden Schultern nach unten bis zu den Ellenbogen rutschte, die Haare lang und wirr, stand er mit seinem Manuskript bewaffnet am Rednerpult der altehrwürdigen Eliteschule.

Gebannte Stille.

Was dann folgte ist heute Legende! David Foster Wallace erhob die Stimme und beseitigte mit den ersten Sätzen den künstlichen Horizont, der das menschliche Denken bestimmt. Mit wenigen einfachen didaktischen Parabeln verschob er Perspektiven, lenkte das egozentrische Denken der jungen Menschen in die Richtung einer empathisch geprägten Weltsicht und veränderte mit einem Schlag, mit einer einzigen Rede die „Standardeinstellungen“ des menschlichen Geistes. Seine Anstiftung zum Denken erhob sich über den Status einer „normalen“ Abschlussrede – sie gilt heute als Pflichtlektüre für amerikanische Schulabsolventen und ist eines der meistzitierten Werke des Autors.

Dabei bleibt unser David Foster Wallace in einer erfreulich wenig schulmeisterlichen Position. Er lebt vor über was er schreibt, kein erhobener Zeigefinger, kein „ich weiß das besser“ und nicht eine Spur von der Frustration eines Erwachsenen, der seinen Zielen hinterher jagt – nichts davon überlagert die hellsichtigen Aussagen.

Er sieht sich nicht als der alte weise Fisch, der kopfschüttelnd darüber urteilt, warum die jungen Fische keine Vorstellung vom sie umgebenden Lebenselixier haben. Er sah sich nie in dieser Rolle. Diejenigen, die ihn an diesem Tag erlebt haben urteilten anders. Tief bewegt und aufgerüttelt schrieben sie Artikel oder berichteten im Internet – und unisono war zu vernehmen: „He was the old fish“. Die mit Sicherheit emotionalste Reaktion eines Studenten lautete „He is the water…“.

Erstmals in deutscher Sprache… erstmals und zumindest für den Moment ausschließlich als EBook verfügbar, aber ab Mai auch als Taschenbuch bei KiWi. Eine kurze Rede… nicht viele Seiten zu lesen, aber eine beeindruckende Möglichkeit, sich in die Denkwelt eines David Foster Wallace zu begeben. Eine beeindruckende Möglichkeit, in seine Seele zu blicken und zu erleben, mit welcher Verve er versucht, seine Botschaft zu vermitteln.

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, Denken zu lernen.“

Eine Rede ist eine Rede ist eine Rede, könnte man meinen. Wenn man jedoch mit der Biografie von David Foster Wallace verwachsen ist, dann stimmen seine Worte nachdenklich – und mehr als das. Am Ende aller Depression erhängte sich David Foster Wallace 2008 – am Ende seines Weges sah er nur diesen Ausstieg. In der Abschlussrede werden wir bereits 2005 Zeugen als er formuliert:

„Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen. Und in Wahrheit sind die meisten dieser Selbstmörder eigentlich schon tot, lange bevor sie den Abzug drücken.“

Bei diesen Zeilen war mein Lesen an einem Punkt angelangt, der kein „Weiter“ mehr zuließ. Mein Lesen hatte David Foster Wallace erreicht und mein Kopf stellte sich die Frage, an welchem Tag er wirklich starb. Lest sein Vermächtnis… träumt seinen Traum… lasst euch auf seine Denkwelt ein… er hat es so sehr verdient – ihr habt es verdient.

Ich hätte viel darum gegeben, ihn erleben zu können – an jenem magischen Tag 2005 im Vorhof des Kenyon College. Ich hätte sehr viel darum gegeben. Es ist wichtig für mich, ihn zu lesen. Ich freue mich auf den Mai, wenn ich das Buch in Händen halten darf und ich kann es kaum erwarten, bis sein letzter Roman „The Pale King“ endlich übersetzt ist.

Ich lehne mich jetzt zurück und höre ihm ein wenig zu. Es ist fast so, als sei ich mitten unter den Schülern – es ist fast so, als hätte ich ihn ein wenig gekannt… es ist fast so, als wäre er noch…der Mann mit dem rutschenden Talar… der Mann, dem man so gar nicht ansehen konnte, was in ihm tobte… und welche Welt er erfand….

Und mit Verlaub liebe Freunde vom KiWi-Verlag – diese Bemerkung tobt in mir seit ich „Das hier ist Wasser“ beendet habe: im kurzen Nachwort zu schreiben „David Foster Wallace verstarb am 12. September 2008“ ist vor dem Hintergrund seines Lebenswerkes und der Signalwirkung seiner Rede schlichtweg falsch. Er verstarb nicht – er beging Selbstmord. Dies zu erwähnen ist ein Muss, wenn man die Rede bis ins letzte Detail verstanden hat und hofft, dass sich neue Leser dem Phänomen Foster Wallace nähern wollen.

Es ist noch Zeit bis Mai… es ist noch Zeit, dies im Nachwort des Buches zu erwähnen. Er hat sich erhängt…. Einen Grund dafür erwähnt er in dieser Rede….

Und endlich ist es soweit: „Der bleiche König„, das letzte Werk aus der Feder von David erscheint am 7. November 2013 mit einer umfangreichen medialen Vorbereitung…

15 comments on “David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Denken: „Das hier ist Wasser“”

  1. Einerseits ist diese Sichtweise natürlich richtig, aber im Falle von DFW kam der große Kontext Depression und Dauererkrankung hinzu. Inwieweit es sich dann hier um bewusste rationale Entscheidungen handelt, wage ich nicht zu beurteilen.

    Er hinterließ keinerlei Abschiedsbrief, was bei seinem Mitteilungsbedürfnis schon außergewöhnlich ist. Ich mag mich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass er sich bewusst entschieden hat.

    Eine Ende wollte er setzen – das steht außer Frage.. dazu gibt es auch Publikationen seiner Ehefrau… ein weites Feld…

    Er ist gegangen… das steht fest… aber er hat seine Spuren hinterlassen.

    • Und wieder denkt der mensch zuallererst an sich selbst. ICH bin der leidtragende, MIR wurde etwas angetan. Können wir den freien willen nicht einfach akzeptieren, ohne zu denken,
      dass dieser sich gegen jene richtet, die voller fragen zurückbleiben? Und man geht, ohne worte, denn die könnten nur zu missverständnissen führen, für die die gelegenheit der aufklärung für immer fehlen wird!

      • Zurückbleibende denken eben unterschiedlich… im Falle der Witwe von DFW ist es so, wie ich es hier in einem Kommentar beschrieben habe. Sie hegt keinen Groll gegen ihren Mann… nur gegen die Krankheit..

        Aber ich bin trotzdem immer noch davon überzeugt, dass ein depressiver Mensch nicht rational und bewusst entscheidet, sondern vor dem dunklen Vorhang flieht, bevor sich dieser wieder senkt. So hat David es selbst einmal beschrieben…

  2. Auch das ist ein Gesichtspunkt, der in der Rückschau immer wieder tragische Fragen aufwirft. Wenn derjenige, der Selbstmord begeht (auch Robert Enke.. Torwart Hannover 96) unter Depressionen leidet und eben krank ist, dann denke ich verschieben sich die Maßstäbe.

    Der letzte Ausweg aus den dunklen Wolken ist hier wohl kein Schlag gegen die Menschen, die man zurücklässt. DFW`s Ehefrau Karen Greeen hat dies auch nie so empfunden. Sie formulierte in Interviews immer wieder den Hass auf die Krankheit… keinen Groll gegen den Mann, der dieser zum Opfer fiel…

  3. Ein Mensch in endogen depressiver Phase ist meist kaum mehr wieder zu erkennen. Ich konnte das selbst bei einer Person miterleben, die ihre Medikamente nicht mehr genommen hatte. Diese Menschen fühlen sich dann unwürdig, nicht wert, zu leben, – ganz abgesehen von der totalen Schwäche. Und es gibt meines Wissens viele Selbstmorde in dieser Krankheitsphase, wenn man sie medikamentös vernachlässigt.
    Andererseits gibt es ja heute wirklich hervorragende Medikamente, mit denen man diese Stoffwechselerkrankung – denn es ist ja nicht eine psychische, sondern eine rein körperlich Erkrankung – im Griff haben kann.
    So erstaunt es doch, dass der Dichter in einen so schweren Zustand geraten konnte.
    Allerdings habe ich schon öfters gehört, dass man in USA eher sorglos mit dieser Krankheit umgeht.
    Kommt dazu, dass der Dichter die Welt eben klar sah, wie sie ist. Die Dummheit vieler Menschen ist wirklich durch nichts zu überbieten. Siehe Japan, wo sie wieder AKWs hochfahren, – gegen den Willen des Volkes usw.
    Aber ich denke schon, dass der Dichter zum Zeitpunkt seines Todes wahrscheinlich nicht ganz sich selbst war. Das ist furchtbar, aber es ist vielleicht auch ein gewisser Trost.
    Clara Luisa Demar

  4. Ein Selbstmord setzt immer Zeichen, auch wenn die Person, die den Selbstmord begangen hat, keine Worte hinterläßt. Oft ist es für die Person, die den Selbstmord begeht, das einzigste Mittel, um dem inneren Elend ein Ende zu setzen. Ohne Worte, um niemanden mit in den Konflikt hineinzuziehen. Ohne Worte, weil diese Person selbst sprachlos, wortlos geworden ist. Mein Sohn hat versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen, um seiner inneren Sinnlosigkeit zu entfliehen.

    • Das geht jetzt sehr tief, was du hier so offen schreibst. David hat die jungen Menschen eindringlich gewarnt und konnte dann doch selbst nicht weiterleben.

      Nur Manuskriptseiten blieben übrig und ein Leben, das literarisch völlig aufgewühlt war.

      Das ohne Worte hat seinen Sinn – und ich finde es in dieser Situation mutig, ohne großen Abgesang zu gehen um nicht noch mehr Schaden anzurichten und Schuldgefühle zu erzeugen.

      Ein Vermächtnis findet sich von selbst….

Vorhang auf für eure Worte...