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„Woher kommst du?“ „Ich komme aus dem Osten.“

Anfang der neunziger Jahre antwortet Sabine Rennefanz nicht gern auf diese Frage, denn der Nachsatz „Du siehst gar nicht so aus.“ hätte das ganze Gespräch noch negativer angehaucht.

Heute sieht das ganz anders aus, heute hat Sabine Rennefanz über ihre Jungend und ihre damaligen Empfindungen und Gedanken geschrieben und ihre innere Wut besänftigt und bekämpft.

Der Auslöser zur Reise in die Vergangenheit war ein Gespräch, welches Sie mit ihren Kollegen in einem Restaurant in Berlin Kreuzberg führte. Damals war Dezember 2011 und damals sprachen Sie über die Mordserie der Neonazis aus Jena. Die Namen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die zehn Menschen getötet haben, sind wohl ganz Deutschland bekannt. Diese drei Menschen, haben mit ihr etwas gemeinsam, eine innere Wut die brodelt, brodelte.

Scheinbar gibt es einen Reflex in Deutschland, der auch in diesem Fall eingetreten ist: Sobald ein Problem in Ostdeutschland auftritt, wird es zu einem „ostdeutschen“ Thema. Umgekehrt passiert dies allerdings nie! Der Osten Deutschlands trägt einen Stempel, vor dem auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht geschützt ist, wenn sie etwas falsch macht.

Keine Angst, ich schreib jetzt nicht über Jammerossis oder gar über Besserwessis, nein, macht die Autorin schließlich auch nicht.

ABER: Achtung – die Mauer ist eigentlich gefallen, ab und an steht diese aber wieder auf. Habt ihr das gemerkt? Passiert immer mal wieder, wenn ihr aufpasst.

„Die Vergangenheit ist wie eine nachtragende Freundin, die man lange nicht gesehen hat. Man kann sich nicht einfach vor die Tür stellen und klingeln, man muss sich langsam annähern.“

Wer es noch nicht weiß, ja, ich bin eine Frau aus dem Osten und war zur Wendezeit 5 Jahre jung. Nichts desto trotz habe ich mit nach Bananen angestanden, so war das nun mal. Meine Erinnerungen an die Zeit sind dennoch nicht verblasst. Dies rührt ganz einfach daher, dass ich jede Menge aus der DDR-Zeit erzählt bekommen habe. Auch heute gibt es immer wieder Gespräche mit meinen Eltern, Großeltern oder auch Arbeitskollegen. Bewusst habe ich die Zeit vor der Wende sozusagen nicht erlebt. Allerdings weiß ich noch, dass ich im Lada, wie auch in einem Wartburg mitgefahren bin und die Hans-Eisler Grundschule besuchte. Unbewusst sehe ich die DDR aber noch vor mir und ertappte mich während des Lesens bei dem Gedanken „Stimmt, so war das.“ und musste so einige Male schmunzeln.

Einige wollen heute noch die DDR zurück, andere haben diese nie gewollt und ich finde es ganz spannend zu hören und auch zu lesen, wie es damals war. Gerade aus diesem Grund bin ich begeistert von „Eisenkinder“ und dem Schreibstil von Sabine Rennefanz.

Sabine Rennefanz gehört zur Generation Eisenkinder. Sie selbst war 15 Jahre jung, als sie das Internat in Eisenhüttenstadt besuchte und die Mauer fiel. Ihre Jugend verlebte sie wohl wie alle in der DDR, mit Fahnenappellen in der Schule, heimlichen Gucken von Westfernsehen und dem Treffen ihrer Freunde.

Als die Wende kam, ging alles recht schnell, ohne zu begreifen was überhaupt passierte, passieren würde. Der Weg in den Westen war frei, tiefgreifende Veränderung lag in der Luft. Es gab keine Grenzen mehr, auch keine Grenzen an denen sich persönlich orientiert werden konnte.

„Deutschland ist ein Land, dass die ganze Zeit das Gefühl hat, dass es wieder etwas gut machen will, aber nicht weiß, wie, und es will vor allem möglichst nicht gestört werden in seiner Unfähigkeit, etwas gutzumachen.“

Rennefanz fühlte sich am Tag der Wende wie in einem schwebenden Zustand, ohne Orientierung. Und nun? Wie sollte es mit der dazugewonnenen Freiheit weitergehen? Ihre Eltern verloren ihre Arbeit, in Eisenhüttenstadt tauchten Bürger aus dem Westen auf und das Wort Heimat verlor seinen Namen. Doch dann rief Hamburg. In ihrer Unsicherheit lässt sich Rennefanz zu schnell auffangen, findet eine Heimat in der Kirchengemeinde. Ab diesem Punkt an begann sie abzudriften und steigerte sich in ihre Rolle als Missionarin hinein.

Die Sehnsucht nach Radikalität lebte in Rennefanz und genau diese, hat sie mit Uwe Mundlos gemeinsam. Er gehört ebenfalls zu ihrer Generation und auch er hatte Wut in sich, welche sich immer mehr steigerte. Bis zum Ausbruch, der schlimmer nicht sein könnte. Ganz Deutschland war über die Morde der drei Mitglieder der sogenannten Zwickauer Terrorzelle geschockt.

Sabine Rennefanz reist in ihre Vergangenheit zurück und nimmt den Leser mit. Gerne habe ich sie nach Eisenhüttenstadt begleitet. Ich musste schmunzeln, vieles war mir einfach bekannt, vertraut und ich fand mich dort wieder, wo ich und meine Familie herkamen. Die Reise war gerade für mich sehr interessant und vermutlich wird sie für einen Deutschen aus dem Westen noch viel interessanter werden.

Über manche Dinge muss einfach im Rückblick gelacht werden, die Wut muss abflachen und die heutige Lockerheit und Verbundenheit muss spürbar sein. Diese Mischung hat die Autorin berücksichtigt und vor allem für sich selbst die vergangene Zeit aufgearbeitet und einen dicken Strich ziehen können.

Die Reise durch die BRD und ihre Zeit in Hamburg zeigte sich stellenweise sehr zäh und eintönig, aber auch diese Eintönigkeit zeichnet das Leben der Autorin und dem Leser bleibt nichts anderes übrig, als auch diese Entwicklung zu erlesen und irgendwie auch durchzustehen.

Am Ende rundet sich das Bild und Rennefanz schließt den Kreis um sich und die drei besagten Mitglieder der NSU (nationalsozialistischer Untergrund).

Ich habe vieles gelernt in diesem facettenreichen Roman, welcher aus Biografie, Reise in die DDR und dem Fall um das NSU Mordtrio besteht und sofort Zugang zu den Themen gefunden.

Es werden noch mehrere Menschen, welche um das Jahr 1974 geboren sind, eine stille Wut in sich tragen und ich denke „Eisenkinder“ wird helfen, den bis heute unterdrückten Redebedarf zu entfachen.

Redet, lest, diskutiert, aber bleibt eine Einheit!

0 comments on “[DDR] Eisenkinder – Die Stille Wut der Wendegeneration”

    • Dir wird es gefallen, denke ich…wobei ich vor Kurzem einen ganz schönen Verriss gelesen…nunja…aber es kann nicht jeder jedes Buch mögen…

      Bin gespannt was du sagst Kubine!

      • Das Buch ist jetzt bei mir eingezogen. 😉 Es wird zwar noch eine Weile dauern, bis es dran ist, aber ich melde mich, sobald ich es gelesen haben.

Vorhang auf für eure Worte...