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„Was ist Geschichte?“ – fragen wir uns immer wieder, wenn wir über deren Signalwirkung für die Zukunft schreiben. Können wir aus der Geschichte lernen? Auch bei Literatwo eine oft gestellte Frage. Besonders in unseren Artikeln unter der Überschrift Gegen das Vergessen.

Dabei sollte man sich auf die Suche nach dem Begriff „Geschichte“ im eigentlichen Sinn machen. Doppelt gesicherte Quellen untermauert mit archäologischen oder moderneren Artefakten, historisch relevante Dokumente und Bilder, Stammbäume und wissenschaftliche Analysen – die Summe all dieser Erkenntnisse definiert für uns den Begriff Geschichte… Zahlen, Daten, Fakten… aufgeschichtet – Schicht um Schicht zum Berg der Historie, könnte man sagen.

Aber lässt sich so die Geschichte der Menschheit oder die eines Volkes erzählen und verstehen? Waldtraut Lewin verneint dies in ihrem großen zweiteiligen Lebenswerk Der Wind trägt die Worte. Ihr Ansatz reicht weiter und ihre Vorgehensweise, uns die Geschichte des Jüdischen Volkes näher zu bringen, macht dieses Buch zu einem unermesslichen Schatz aus Geschichte und Geschichten. Sie selbst schreibt dazu:

„…das Gedächtnis der Menschheit manifestiert sich nicht nur in toten Steinen und Artefakten. Und anstelle von Geschichte gibt es Geschichten. Bunte, vielfältige Geschichten, krasse Familienstorys um Mord und Totschlag, um Schuld und Sühne, um Flucht und Heimkehr, um Liebe, Hass und Eifersucht, um Intrigen, Betrug und Vergebung.

Geschichten, die an den Lagerfeuern der Wanderstämme oder in ihren Zelten erzählt wurden, wenn draußen der Sandsturm tobte, die über die Generationen weitergegeben wurden.“

Dabei ist es nicht nur ihre Absicht, unsere Aufmerksamkeit auf eine oftmals fremde Welt zu lenken, sondern auch die Sicht der Juden auf sich selbst und auf die anderen darzustellen. Ein geradezu multiperspektivisches kulturhistorisches Werk ist der renommierten Schriftstellerin hier gelungen. Ein fast monumental anmutender Brückenschlag über Generationen und Völker, Länder und Epochen.

Es ist kein einfacher Weg, den Waldtraut Lewin beschreitet. Er verzweigt sich oft und scheint sich in den Wirren der Weltgeschichte zu verlieren. Die einzigartige Kombination aus Fakten und Storys sorgt jedoch dafür, dass wir immer wieder einen gemeinsamen Platz an ihrem Lagerfeuer finden und auf eine Erzählerin stoßen, die uns eine Richtung gibt.

Dieses Lagerfeuer ist in all den Jahrhunderten ein Platz der Geborgenheit gewesen. Groß und Klein haben hier Schutz gesucht und Geschichten ausgetauscht. Phantasie und Realität verschmolzen im Widerschein des Feuers und noch heute kann man aus den so weitergegebenen Überlieferungen die Essenz der Geschichte filtern. Wir setzen uns gerne zu ihr und hören ihr zu. Waldtraut Lewin vermag es auch in der heutigen Zeit an ihrem Lagerfeuer Menschen jeder Kultur und jeden Alters um sich zu scharen. Wenn man mag, dann kann man ihr auch zuhören. Begleitet von Ilja Richter und Katja Riemann trägt ihre eigene Stimme in der Hörbuchfassung in einer einzigartigen Weise. Dem Buch aus dem Hause CBJ gelingt dieses „Fesseln“ ebenso gut… wir mögen es sehr!

Kurzweilig und spannend – anrührend und facettenreich sind ihre Erzählungen. Und langsam beginnen wir den Weg des jüdischen Volkes zu verstehen. Beginnen zu erkennen an welchen tragischen Wendepunkten der Menschheitsgeschichte die Wege sich verästelten und Angst, Neid und Eifersucht wuchsen. Wir erkennen die Quelle des ständig größer werdenden Flusses, der immer weiter anschwoll und in eine der größten menschlichen Katastrophen der Neuzeit mündete…. in das Meer namens Holocaust.

Am Ende des ersten Bandes gelangen wir an eine magische und gefährliche Kreuzung in der Geschichte des jüdischen Volkes.

„Damit kommt unsere Wanderung durch die Jahrtausende zu einem Ende. Wir befinden uns an der Schwelle zur Neuzeit. Nach zwei Jahrtausenden Geschichte steht das geplagte jüdische Volk, verstreut in alle Winde, fest in der gemeinsamen Tradition von Glauben, Brauchtum, Familie.

Überall, wo Juden hinkommen, blüht das Gastland auf, erreichen Handel und Wandel, Kunst und Kultur einen Aufschwung. Der weitere Weg bis in die Moderne aber wird, bei allem Fortschritt, aller eingeforderten Toleranz, aller Aufklärung, wie in Europa getätigt, auch weiterhin ein dorniger sein.“

Wir werden das Lagerfeuer bewachen. Literatwo wird versuchen, regelmäßig einen Scheit Holz nachzulegen und darauf zu warten, dass wir im zweiten Band weiterlesen dürfen. Eine literarische Feuerwache am Ort der großen Überlieferungen – das ist ein Bild, das wir gerne pflegen möchten. Und Waldtraut Lewin möchten wir gerne erzählen, wie wir uns an ihrem Lagerfeuer gefühlt haben.

In Leipzig wird es soweit sein. Wir werden ihr begegnen und glaubt uns: Wir können es kaum erwarten. Würdet ihr derweil auf unser kleines Feuer aufpassen, wenn wir auf Reisen sind – die kleine Flamme der Bewusstmachung und die glimmende Glut „Gegen das Vergessen“ dürfen nicht erlöschen.

Danke dafür…

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