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Wenn man im großen Orbit der literarischen Neuerscheinungen ein Lebensbuch findet, dann ist dies ein außerordentliches Ereignis. Solche Bücher sind rar. Sie definieren einen besonderen Schritt der Erkenntnis und des Gefühls. Es spricht alle Ebenen an und wird in Wort und Fantasiebild zum Maßstab für andere Werke. Wenn dies geschieht, dann bleibt uns keine Wahl – wir müssen ein wenig weiter ausholen, um vermitteln zu können, was Die französische Kunst des Krieges in uns ausgelöst hat.

Zwei Artikel wollen wir dem preisgekrönten Roman widmen. Nennen wir es einfach eine sensitive und eine kognitive Annäherung an einen unserer Meilensteine der letzten Jahre. Gefühl und Erkenntnis gehen zwar Hand in Hand beim Lesen, aber die Dimensionen dieses Buches öffneten sich uns langsam, schrittweise und dann in aller Eindringlichkeit. Unser Lesegefühl in seinen ersten Eindrücken möchten wir in diesem Artikel beschreiben: „Lesen im Rausch der Gefühle“, während wir der inhaltlichen und gesellschaftlichen Bewertung im Artikel „Ein Gemälde aus Blut und Liebe“ Raum geben wollen.

Vom ersten auf Facebook dokumentierten Moment des Lesens bis zum lauten Nachhallen nach dem Schließen der letzten Seite möchten wir euch gerne mitnehmen auf die Reise in ein einzigartiges Werk:

BIANCA

ALEXIS JENNI – in zarten, rosafarbenen Großbuchstaben springt uns der Name des Autors nun endlich vom Buchcover an, das wir freudig in Händen halten. Endlich.

Der Name des Autors war nicht erst seit der Frankfurter Buchmesse in unseren Köpfen verankert. Nein, bereits seit der Messe in Leipzig, war unsere Vorfreude auf dieses große Werk da. Sie steigerte sich immer mehr und nun ist es endlich da.

ALEXIS JENNI – “Die französische Kunst des Krieges”, im Luchterhand Verlag erschienen, kommt anmutig daher. Strahlend weiß das Cover, auf dem von oben schwarze Tusche herunterläuft. Unter dem Cover findet sich ein in helles schwarz gebundenes Buch mit der gleichen verlaufenden schwarzen Tuschespur.

Ein wahrer Wälzer, schwer und über 700 Seiten rief nach uns Literatwos. Lesen, jetzt!

Wälzer machen uns keine Angst. “Unendlicher Spaß” oder auch “Die tausend Herbste des Jacob de Zoet” haben sich uns weit geöffnet und jede Seite beinhaltete ein tiefgründiges Stück Literatur. Sollte es nun anders werden, da der Schwerpunkt des Romans das Thema Krieg ist? Sollte dieser Roman eine Leseherausforderung werden?

Umfangreiche Geschichten ziehen uns seit jeher magisch an. Sie bieten Platz für die Entwicklung der Protagonisten und geben uns Raum, in genauen Beschreibungen Fuß zu fassen. Wir scheuen nicht vor dem Umfang zurück – auch Trilogien haben jeglichen Schrecken verloren. Aber ein Buch in solchen Dimensionen muss fesseln – von der ersten bis zur letzten Seite. Lesezeit ist wertvoll…. Besonders für uns.

Bereits auf den ersten Seiten stellen wir fest, dass wir angekommen sind. Angekommen in dem ruhigen Leben des Erzählers von Jenni.

Er lebt vor sich hin, genießt die tägliche Entspannung, erzählt über das Leben mit seinen unzähligen Freundinnen, den Sex, das vor sich hin Treiben. Der Beginn des Golfkriegs 1991 liegt für uns alle weit in der Vergangenheit zurück, aber auch für den Erzähler selbst liegt das was er in den Nachrichten mitbekommt, weit entfernt, obwohl er sich in genau diesem besagten Jahr befindet.

Er ist distanziert, hält sich aus den Geschehnissen raus und ruht in sich selbst. Auch wenn er vor uns sein Leben öffnet und uns Einblicke gewährt, hält er sich bedeckt, was seinen Namen, sein Alter und seinen früheren Beruf angeht.

Diese Perspektive ermöglicht Jenni den schonungslosen Blick auf eine Gesellschaft im Wandel. Er entführte uns an jener Stelle im Roman in die Findungsphase seines Erzählers. Beruflich gescheitert und passiv vor sich hinlebend, wird er von der Bilderflut über die chirurgisch präzise Kriegführung der Amerikaner im Irak überwältigt und aus seiner Lethargie geweckt.

ARNDT

Einstieg gelungen in das epochale Meisterwerk von Alexis Jenni „Die französische Kunst des Krieges“. Ausgezeichnet mit dem „Prix Concourt“ liest es sich so sprachgewaltig wie Tolstoi und vermittelt ein Lesegefühl, dem man sich einfach nur hingeben kann. 

Wer allerdings denkt, dies sei ein rein französischer politischer Roman, der wird sich schnell wundern, wie nah wir selbst die beschriebenen Gefühle nachempfinden können!

„Der Golfkrieg entstellte die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit gab erstaunlicherweise nach.“ Große Worte – genialer Plot…

Jennis Frankreich befindet sich im sozialen Dämmerzustand und erstmals nach langer Zeit beteiligt sich das Land offiziell 1991 an einer militärischen Großoperation – die Stimmung gegenüber den Soldaten ist im Wandel. Der Ruf der Armee galt als beschädigt. Der Zweite Weltkrieg, Indochina, Algerien… Meilensteine des Niedergangs…. Die Legitimation Krieg zu führen bringt Erinnerungen an die Vergangenheit zurück und reißt alte Wunden wieder auf. Besonders bei den Veteranen vergangener und verlorener Kriege.

„Die französische Kunst des Krieges“ von Alexis Jenni entpuppt sich für Literatwo als eine große literarische Falle. Eigentlich liest man das Buch distanziert – es ist ein französisches Buch – es hat nichts mit uns zu tun! So denken wir nicht – so handeln wir nicht – das macht uns zu Betrachtern und so liest es sich entspannt.

Dann aber ist man auch schon in der Falle, denn man stellt fest, dass wir so fühlen, denken und handeln. Wir können nachvollziehen. Wir sehen Bilder aus dem Roman in unseren Städten – wir sehen Menschen aus dem Buch an den einsamen Kreuzungen unserer Straßen… sind das gar wir?

Dieses Buch ist eine große Falle… es ist ein Trick… und der wirkt verflucht gut. Wir lesen und denken tief. Das ist keine Schwarz – Weiß – Zeichnung, die vor uns liegt. Das Buch entfaltet seine Farbe im Leser!“

Jenni schildert eine Gesellschaft am Scheideweg. Franzosen mit tiefer innerer Angst vor Überfremdung. Soziale Konflikte, religiöse Unruheherde und die grausame Erkenntnis, dass die Kriege in den Kolonien aus Frankreich ein kolonialisiertes Land gemacht haben, behindern die freie Entfaltung.

Integration als Fremdwort – es gibt nichts zu integrieren und die Brennpunkte explodieren. Sind uns diese Bilder fremd? Führen wir nicht solche Diskussionen? Teilen Menschen in unserem Land nicht diese Ängste? Das Buch rückt im engsten Sinne an jedes Land dieser Welt heran. Es wird spürbar und jeden Tag fühlen wir in den Medien und auf der Straße, wie nah uns das Buch steht. Und jenseits dieser gesellschaftlichen Brisanz packte es uns in seiner schieren romantischen Wucht an den tiefsten nur denkbaren Gefühlen.

„Die französische Kunst des Krieges“ lebt von der poetischen Energie, die alle Zeilen des Romans zu einem großen Gemälde verbindet:

Victorien über seine Geliebte: „Sie ist genauso wie sie sich in meine Seele eingeprägt hat. Sie hat genau die Größe meiner Seele; oder meine Seele ist ihr Kleid, und ich bekleide sie vollkommen. Ihre Schönheit, die ich schon von fern erraten habe, hat auf mich gewirkt wie eine Vorahnung. Euridice, meine Seele, hier bin ich wieder, hier, vor dir. Euridice nahm in Victoriens Herz Platz, das genau auf ihre Maße zugeschnitten war.“

Überraschende Sätze in einem Buch über das Thema Krieg? Nein… es ist voller Zärtlichkeit als Gegengewicht zum Drama!

Die Passivität und Distanz des Erzählers ließ uns den eigentlichen Protagonisten des Romans erfühlen. Victorien Salagnon ist Veteran. Erst Resistance-Kämpfer gegen das Nazi-Regime und später Soldat an allen französischen Fronten. Die Kunst des Krieges hat er gelernt wie kaum ein Zweiter und doch ist er ein künstlerisch geprägter Mensch, der seinen Abstand in der Malerei suchte. Tusche war sein Versteck, aus dem ihn der Erzähler herauszieht um seine Lebensgeschichte zu schreiben. Und in der Tusche liebt er wie kein Zweiter. Seine Zeichnungen werden zu Geschichten und diese Geschichten erzählen die dunkle Seite des Krieges, aber auch von der einen strahlenden Kraft, die ihn überleben ließ: LIEBE.

Jennis Erzähler wird zum Mittler zwischen seinen Lesern und Victorien Salagnon. Und keiner von Beiden wird das Buch unverändert verlassen!

Wäre die Anzahl der PostIts ein Maßstab für literarische Qualität, dann müssten wir hier von einem absoluten Meisterwerk reden. Wären die literatwoischen Gesprächsminuten zu diesem Buch ein Maßstab, dann müssten wir von einem Meisterwerk reden. Wären unsere Träume und täglichen Gedanken zu denen uns der Roman veranlasst hat ein Maßstab, dann müssten wir von einem Meisterwerk reden.

Da jedoch ausschließlich unsere Gänsehaut, unsere Tränen und unsere Wut ein geeigneter subjektiver Maßstab sind, reden wir von einem Meisterwerk! Es ist eines – und im nächsten Artikel

Ein Gemälde aus Blut und Liebe

erzählen wir von der inhaltlichen Substanz, seiner Strahlkraft und der Dimension eines großen Gemäldes in Buchform!

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