Die Mechanik des Himmels ~ Tom Bullough
Die Mechanik des Himmels ~ Tom Bullough

Konstantin Ziolkowski, Kostja genannt, ist taub. Er hatte Scharlach, eine Folge des Ausfluges in den kalten, verschneiten Wald, um seinen Vater dem Holzfäller, etwas warmes zu Essen zu bringen. Kostja musste eine ganze Zeit lang im Krankenhaus streng isoliert verbringen, aber der Scharlach hinterließ Spuren. Lebenslange Taubheit ist die Folge und dieses Schicksal erfährt er mitten in seiner Kindheit, mit 10 Jahren.

Wie Kostja sich gefühlt haben muss, als ihn diese Taubheit überfiel, kann ich mir wahrlich gut vorstellen. Eine Entzündung im Gehörgang macht mir gerade zu schaffen und mein rechtes Ohr ist nun schon den fünften Tag in Folge taub. Ein bedrückendes, ein erdrückendes Gefühl.

Kostja allerdings hört gar nichts mehr und möchte doch so gern alles hören. Er beschäftigt sich schon von klein auf mit der Technik und bastelt sich eine Art Hörgerät, ein Hörrohr, um wieder mehr am Leben hörend teilzunehmen. Seine Begeisterung für die Wissenschaft versucht er immer und überall auszuleben, egal wie schwierig die Bedingungen in seinem Umfeld sind. Der Weltraum, die Geschwindigkeit, die Sterne, die Mathematik wie auch die Physik, haben es ihm angetan und er möchte sich fortan nur noch damit beschäftigen. Herumtüfteln, ausprobieren, erfinden, berechnen – seinen Tag weiß Konstantin zu gestalten, dabei vernachlässigt er gern die Schule, was ihm allerhand Ärger einbringt.

Nach einem weiten Umzug der Großfamilie und dem Tod der Mutter, bleibt Kostja die Hoffnung, großen Erfolg in Moskau zu erlangen. Mit einem Empfehlungsschreiben bekommt er einen Studienplatz und schafft es, seinen Träumen und Ideen näher zu kommen.

“Je größer der Fortschritt des Menschen, desto mehr ersetzt er das Natürliche durch das Künstliche.”

Die Mechanik des Himmels ~ Tom Bulloug
Die Mechanik des Himmels ~ Tom Bulloug

Tom Bullough lässt den Leser ganz langsam in den Roman Die Mechanik des Himmels gleiten. Kostja und seine Umgebung, seine Unternehmungen und seine Lebenssituation in Armut, zeichnet Bullough farbig und lässt kein Detail aus. Er schreibt dicht und atmosphärisch, die ersten Seiten bestehen aus vielen Beschreibungen, welche ein Wohlfühlgefühl im Leser erzeugen. Eine Stelle im Buch, ist so grandios beschrieben, dass diese nie vergessen werden kann. Kostja wärmt zwei Münzen in seinem Mund an, um diese an die gefrorene Fensterscheibe zu drücken, um in der Zeit in der er im Krankenhaus isoliert ist, wenigstens ab und an durch die zwei kreisrunden Gucklöcher hinaus schauen kann.

Kostja wächst ans Herz, es ist ein schönes Gefühl bei ihm zu sein, doch umso älter er wird, umso mehr löst sich das Band zum Leser. So habe ich es empfunden. Die Zeitsprünge werden immer größer. Der Roman beginnt im Jahr 1867 und endet mit einem finalen Sprung in den Prolog im Jahr 1965, in dem Alexej Archipowitsch Leonow als erster Mensch ein Raumschiff verlässt. Dazwischen gibt es vier größere Zeitsprünge, in denen der Roman immer mehr Fahrt aufnimmt. Werden anfangs noch viele Details beschrieben, die Jahre monatsweise erzählt und die Kapitel über mehrere Seiten gestreckt, kehrt sich dies zum Ende hin um.

Tom Bullough lässt den Leser während des Lesens auch ein Stück Physik lernen. Er begeistert mit seinem Protagonisten Kostja den Leser für die Technik und die Wissenschaft. Allerdings steigert sich die Informationsflut stellenweise sehr stark und es vergeht ein klein wenig die Lust ihm zu folgen. Die reine Mechanik des Himmels findet erst am Ende ihren Platz, hätte man sich diese doch gern schon mehr zu Anfang gewünscht.

Konstantin Ziolkowski, Vater der russischen Raumfahrt, war ein mehr als besonderer Mensch, ein absolutes Genie, den der Autor mit seinem Werk lebendig macht. Eine Mischung aus Biografie und Erzählung, eine Mischung aus farbig und schwarz-weiß, eine Mischung aus lebendig und leblos, eine Mischung auf die sich der Leser einstellen sollte.

Uns Hörenden hilft dieses Buch, es hilft zu verstehen, es hilft dabei, kein Mitleid zu entwickeln, sondern auch daran zu denken, dass sich die Konzentration auf die verbleibenden Sinne sehr viel stärker freisetzen kann.
Taubheit ist hier für beide Schriftsteller nicht nur eine Behinderung – es ist gleichsam eine Chance…

Eure
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