Nicholas Evans… er ist wieder da… und doch ganz anders…

Es war ein friedlicher Sommer im Jahr 2008, als der britische Bestsellerautor Nicholas Evans auf einem Spaziergang in Schottland ein paar Pilze sammelte und diese abends für sich und seine Frau Charlotte zubereitete. Ein gemütlicher Abend. Der letzte in ihrem Leben. Der Morgen begann mit Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen und endete in der Klinik. Pilzvergiftung – die niederschmetternde Diagnose. Irreparable Schäden und Lebensgefahr die Folge. Nieren nicht mehr zu heilen – die Uhr läuft ab. Desaster.

Im vergangenen Jahr spitzt sich die Situation weiter zu. Nicholas Evans dazu:

„Im Sommer hat das Gift begonnen, mein Herz zu zerstören. Meine Tochter Lauren kam zu mir und sagte: Ich möchte, dass du lebst. Ich möchte, dass du eines Tages meine Kinder siehst . . .“  

Sie spendet ihm eine Niere. 21 Tabletten muss Nicholas Evans seitdem täglich nehmen, damit das Organ nicht abgestoßen wird, aber er hat pro Woche 15 Stunden gewonnen, in denen er sonst an die Dialyse angeschlossen wäre.

„Meine 15 Stunden Leben“, sagt er.

Wie Nicholas Evans diese Zeit genutzt hat könnt ihr in der folgenden Rezension von Binea zu seinem neuen Roman „Die wir am meisten lieben“ lesen – was Nicholas Evans für mich bedeutet folgt zum Ende des Artikels:

Der Pferdeflüsterer ist bisher das einzige Buch, das ich von Nicholas Evans kenne. Ein Buch, das Spuren hinterließ, das ich genossen habe, mit dem ich lebte.

Sein neustes Werk musste mich erst überzeugen, es suchte Zugang zu mir, fand allerdings den Schlüssel zu meinem Herzen nur sehr sporadisch, brach es aber dennoch spät auf. Mit seinem Anfang fand es Zugang, es bewegte mich, überzeugte und fesselte. Doch vorerst nur mit dem Anfang. Es ließ allerdings nicht locker, wollte weiter gelesen werden, es gab nicht nach, es wollte mein Herz öffnen. Es gelang ihm, denn die Tiefe der Worte steigerte sich und der rote Faden der Gefühle und der Geschichte fand seine Farbe und begann diese leuchten zu lassen.

Bereits mit dem ersten Kapitel öffnet Nicholas Evans die Tür und brachte sofort Emotionen in Wallung. Tommy Bedford, später nur noch Tom genannt, ist die Hauptfigur der Geschichte.

Zwei Erzählstränge verknüpfen die Ereignisse in seinem Leben. Im ersten ist er ein achtjähriger Junge, der von seinen Eltern in ein Internat geschickt wird. Er fühlt sich unwohl, hat dort eine schwere Zeit und innerlichen Stress, der sich nächtlich immer wieder äußert, denn er nässt ins Bett. Gerade diese Tatsache grenzt ihn von seinen Mitschülern ab, handelt ihm großen Ärger ein und dadurch hat er keine wirklichen Freunde. Seine Schwester Diane, zu der er die einzig feste und liebevolle Verbindung hat, versucht so oft wie möglich an seiner Seite zu sein, doch ihre Karriere in Hollywood als Schauspielerin lässt ihr wenig Zeit.

Tommy versucht sich so oft wie möglich in seine eigene Welt zu begeben. Er träumt sich in den wilden Westen und identifiziert sich mit den Cowboys, die er liebt und beneidet. Diane holt Tommy aus dem Internat, er erfährt von ihr ein lang gehütetes Geheimnis und sein Leben nimmt eine schlagartige Wendung. Seine Träume scheinen real zu werden, denn Diane und sein Cowboyidol Red McGraw aus dem Fernsehen, mit richtigem Namen Ray Montane, waren ein Paar. Alle drei zogen zusammen und täglich konnte Tommy bei den Dreharbeiten zusehen.

Im zweiten Erzählstrang ist Tom Bedford bereits Mitte fünfzig. Sein Leben war kein voller Erfolg. Er ist Dokumentarfilmer, kann eine gescheiterte Ehe vorweisen und sich als trockener Alkoholiker bezeichnen. Sein Leben ist trist und sein Sohn Danny möchte nichts mehr von ihm wissen. Tom sucht zu Danny Kontakt und will ihm helfen, denn dieser muss vor einem Militärgericht aussagen. Er ist im Irak gewesen und war bei einem Attentat dabei. Dem jungen Marinesoldat wird der Mord an einigen Zivilisten im Irak vorgeworfen. Seine Freundin ist schwanger und die Todesstrafe könnte ihm bevorstehen.

Nicholas Evans hat eine Familientragödie geschrieben und aufgezeigt, was es bedeuten kann, wenn Familiengeheimnisse über Jahre hin verschwiegen werden. Ein Wild-West-Roman über die Suche nach Liebe, Identität und die Schuld des Vergessens. Der Autor findet vor allem auch Worte dafür, warum wir die Menschen, die wir am meisten lieben, auch am meisten verletzen. Eine Geschichte mit einem vorhersehbaren Plot, allerdings mit Worten, die unermesslichen Tiefgang haben.

Der Pferdeflüsterer wird sein bestes Werk bleiben, dieser Roman hat dennoch Größe und berührt das Herz und regt zum Nachdenken an.

Binea hat mehr als die passenden Worte für dieses Buch gefunden. Nicholas Evans hatte immer den Schlüssel zum Herzen seiner Leser – und die erfreuliche Nachricht ist, dass er diesen auch nach der Tragödie nicht verloren hat. Ihm geht es zwar ein wenig besser, die Niere wurde nicht abgestoßen, aber seiner Frau konnte nicht geholfen werden. Die Ärzte geben ihr noch wenige Jahre. Ein Spenderorgan ist nicht in Sicht und so muss Nicholas Evans den größten Kampf seines Lebens führen – die Krankheit seiner Frau vor Augen und immer wieder an jenen Abend denken, an dem er unbedacht ein paar Pilze zubereitete.

Semper fortis – immer tapfer – dieses Motto steht über allem und es ist zu wünschen, das die Medizin nicht nur sein Leben zu retten vermag. 15 Jahre liegen zwischen „Der Pferdeflüsterer“ und seinem aktuellen Roman. Eine Zeit, die Spuren hinterließ.

Ein Leserleben lang… Railys Evans-Biliothek

Meine Lebensbibliothek ist auch die Bibliothek dieses Autors. Seine Werke haben einen Ehrenplatz und sie verweisen aufeinander – stehen im stillen Dialog und beinhalten allesamt den Schlüssel zur emotionalen Seite ihrer Leser.

Bisher habe ich den „Pferdeflüsterer“ für das Buch seines Lebens gehalten. Inhaltlich wird das wohl auch so sein – ein dichteres und feinfühligeres Buch hat er nie wieder geschrieben. Aber in Anbetracht der Umstände ist „Die wir am meisten lieben“ (im Original „The Brave“) wohl sein wirkliches Lebenswerk.

15 Stunden Leben… viel Glück, Mr. Evans…

Literatwo empfiehlt:

Die wir am meisten lieben
Gebunden – 367 Seiten
19,99 €
Rütten & Loening

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