Ein wenig Leben ~ Hanya Yanagihara

Dieser Artikel ist nur für mich, Leben(sgedanken) an das Buch. Nicht mehr und nicht weniger, denn dieses Buch kann ich weder empfehlen, noch davon abraten. Und ich möchte es euch auch nicht empfehlen und ich möchte euch auch nicht davon abraten. Zudem verrate ich hier genauso wenig über den Inhalt, wie auf der Seite vom Hanser Verlag.

Danke für euer Verständnis.

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Jeder liest es. Überall wo ich hingucke, sehe ich dieses Buch. Instagram ist regelrecht tapeziert mit Buchbildern. Lesen? Nichtlesen? Eigentlich habe ich keine Zeit für 960 Seiten. Eigentlich würde ich mir die Zeit aber gern nehmen. Blöde Buchhypes. Neugierig bin ich aber. Und dann liegt Ein wenig Leben bei unter einem Pulli auf dem Sofa. Versteckt. Ich soll nicht mehr fluchen und überlegen, denn es ist ja jetzt da.

Binea liest es. Also stürze ich mich ins Buch und freue mich auf die kommenden 960 Seiten, die bei vielen LeserINNEN verdammt viele Tränen erzeugt haben und schockierten und es letztendlich geschafft haben, als DAS Buch des Jahres und DAS Buch überhaupt, hervorzugehen. Nungut, dann mal los.

Ein wenig Leben ~ Hanya Yanagihara

Jude & JB & Willem & Malcolm

Nach über 200 Seiten bin ich immer noch gespannt und warte darauf, was denn nun passieren wird. Was wird schockieren und sich einbrennen. Ich warte und warte und lese und lese. Zwischendurch bin ich etwas gelangweilt, aber dennoch nicht abgeneigt, Hanya Yanagiharas Worten weiter zu folgen. Sie schreibt gut, sie erzählt gern sehr ausschweifend, in langen Sätzen, und ich werde immer vertrauter mit den vier jungen Männern, die sich auf dem College kennengelernt haben und jetzt in New York leben. Alle vier haben es letztendlich geschafft ins Berufsleben einzusteigen. Jude ist Jurist, JB ist Künstler, Willem Schauspieler und Malcom ist Architekt. Vier Männer – eine Freundschaft.

„Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen, dass man einen anderen in seiner größten Verzweiflung auffangen durfte, und zu wissen, dass man selbst in seiner Gegenwart verzweifeln sein durfte.“ (Seite 303)

Hätte ich das Vorwissen nicht, dass das Buch gehypt wird, dann hätte ich es wahrscheinlich schon nicht weiter gelesen. Sowas passiert mir selten und letztendlich weiß ich nicht, ob ich es gemacht hätte, aber ich hätte es gewiss unterbrochen und ein anderes Buch dazwischen geschoben. Meine Neugierde war einfach zu groß, außerdem merkte ich, dass mir die vier immer mehr ans Herz gewachsen sind. Ich wollte bei ihnen sein, wobei, ich wollte mehr bei Jude und Willem sein, denn JB und Malcolm drifteten immer mehr in den Hintergrund ab. Anfangs ging es um alle vier recht gleichmäßig, dann kristalisierten sich die zwei benannten heraus.

Ein wenig Leben ~ Hanya Yanagihara

Instagram & Leben(sgedanken)

Ein weiterer Punkt, der mir beim Lesen sehr viel Freude bereitete, war der Austausch auf Instagram. Nie zuvor habe ich mit so vielen Menschen parallel im gleichen Buch gelesen. Das ist wohl der richtig positive Effekt bei einem Buch was in aller Munde ist. Über Direktnachrichten, aber auch unter vielen Bildern, wurde spoilerfrei geschrieben. Ein echter Pluspunkt und gleichzeitig ein völlig neues Lesegefühl.

Und dann ging es los. Dann kam ich zu der Stelle, in der die Schmerzen begannen. Und als ich versuchte mit den Schmerzen umzugehen, kamen neue dazu. Immer und immer wieder und ich musste das Buch weglegen. Ich habe mich geekelt, ich war kurz davor mich zu übergeben. Gleichzeitig wollte ich Jude nicht alleine lassen, ihm weiter zu hören, ihm beistehen, ihm Schmerzen nehmen und ich musste weiter lesen. Während ich das schreibe, spielen sich sämtliche Szenen vor meinem inneren Auge erneut ab und ich habe Schmerzen. Ja, die habe ich. Sie kommen aus dem Buch, sie kommen aus dem eigenen Leben, sie kommen von Freunden, von Bekannten. Jeder Leser wird merken, dass die Schmerzen auch Schmerzen aus dem eigenen Leben dazuholen. Das ist Literatur, sie greift uns an, sie macht uns nackt und Literatur darf das, soll das dürfen.

Schock & Schmerz

Doch Jude fügt sich auch selbst Schmerzen zu. Selbst als er schon ein erwachsener Mann ist und sogar dann bekommt er die Schmerzen erneut zu spüren, die er als Kind schon zu spüren bekommen hat. Ich könnte jetzt weiter und weiter schreiben, da ich merke, dass es jetzt erst alles raus kann. Es arbeitet noch in mir und ich gestehe, dass ich nicht geweint habe. Ich war zu schockiert, stellenweise habe ich geahnt, dass es so wird, wie es letztendlich geworden ist und jetzt – jetzt weine ich. Jetzt. Erst. Diese unerschütterliche Gewalt wirkt nach und bringt einfach an die Grenze des Ertragbaren.

Ja, man will über das Buch reden, aber nicht erst hinterher, sondern auch zwischendurch. Es kommt die Frage auf, ob dieses Buch nicht eigentlich eine „Triggerwarnung“ verdient, weil es eben richtig heftig ist. Vielleicht würde diese spoilern, aber sie wäre hier vielleicht ein hilfreicher Schutz.

Puh, was habe ich noch zu sagen. Ich mag das Buch, auch wenn es furchtbar ist. Ich konnte für mich selbst einiges mitnehmen. Mir bestimmte Dinge klar machen, so will ich es formulieren. Nun, ich könnte es aber auch etwas schlecht machen, denn so viel Leid, wie Jude erfahren ist, kann niemandem erfahren. Nicht so intensiv, zeitlich so lang und immer wieder. Eine literarische Übertreibung, das hoffe ich einfach. Ich könnte sagen, dass ich nicht alle vier, sondern nur zwei richtig intensiv nach diesen 960 Seiten kenne und ich könnte sagen, dass alle vier einen Lebensstandart haben, der in Betracht aller Hintergründe, nicht völlig plausibel ist.

Ein wenig Leben ~ Hanya Yanagihara

Hell & dunkel

Aber ich möchte das nicht, ich möchte nicht bemängeln, auch nicht die Vorhersehbarkeit, die manchmal da war. Ich möchte das Buch so lassen, nicht anzweifeln, nicht unzufrieden sein. Es ist besonders, so viel steht fest und ich staune über mich selbst, dass ich während des Lesens nicht geweint habe. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und gerade das Thema zerrt an meinen Nerven und belastet und die Gedanken darüber können nicht schnell auf Seite gepackt werden. Ich schiebe es einfach auf den Schock und den Ausgleich, denn das Buch ist nicht nur dunkel, es wird tatsächlich mitten in der Finsternis ein wenig hell. Richtig schön ist die lebenslange Freundschaft. Klar, es gibt Zeiten die sind nicht so intensiv, aber egal wie, die Freundschaft war immer da. Und die Liebe auch.

„Ich glaube, der Trick bei Freundschaften besteht darin, Menschen zu finden, die besser sind als man selbst – nicht klüger, nicht cooler, sondern liebenswürdiger und großzügiger und nachsichtiger -, und sie dann für das wertzuschätzen, was sie dir beibringen können, und ihnen zuzuhören, wenn sie dir etwas über dich sagen, ganz egal wie schlecht – oder gut – es ist, und ihnen zu vertrauen, was der schwierigste Teil ist. Aber auch der beste.“ (Seite 284)

Das Glück war zum Greifen nahe, die Euphorie war da, die Hoffnung war groß. Doch es kam der Punkt, an dem ich losgelassen habe, an dem ich begriffen habe, dass man nicht alle Menschen retten kann. Die für mich wohl größte und schlimmste Erkenntnis. Im Buch und im Leben. Manche Kämpfe sind von Anfang an erfolglos, egal was man tut. Auch Andy und Harold und die anderen Herzmenschen mussten einsehen.

„Er wusste, er würde ihn nie heilen können. …seine Aufgabe war nicht, ihn wieder gesund zu machen, sondern in weniger krank zu machen.“ (Seite 759)

Richtig schön ist die Offenheit. Liebe, Freundschaft, egal ob gleichgeschlechtlich oder nicht, egal welche Hautfarbe, findet Platz, wird nicht kommentiert und als selbstverständlich angesehen.

50% Langatmig & 50% schnell

Anfangs noch langatmig, dann wahnsinnig schnell. Ab der Mitte des Romans beschleunigte ich mein Lesen immer mehr und stellte gleichzeitig fest, dass es die anfängliche Langsamkeit brauchte. Hanya Yanagihara hat gerade durch das weite Ausholen, tiefe Anker in uns gesetzt und viele Kleinigkeiten und Geschichten aus der Kennenlernphase zum Schluss hervorgeholt und damit unser Herz getroffen wie der Dartpfeil das Bulls Eye. Sagenhaft.

Der Roman hat einfach alles und im Nachhinein wird mir immer mehr bewusst, wie viele Facetten er beinhaltet. Es arbeitet in mir und wie. So viel Liebe, so viel Schmerz, , so viel Schuld, einfach viele Extreme – fiktiv und realistisch, über- und untertrieben, aber doch sowas von menschlich.

960 Seiten die fest umarmen, aber auch fest in den Arsch treten.

Und nun? Ich weine, seufze und denke und weine und seufze und denke…

Schaut gern bei pinkfisch und Literatourismus vorbei, wenn ihr von viel Gefühl und spoilerfreiem Inhalt lesen wollt.

Eure
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5 comments on “Ein wenig Leben(sgedanken)”

  1. Hallo Binea, dieser Hype ist mir auch aufgefallen , aber bisher schrecken mich die 900 Seiten ab, die fast bei jedem Leser unerwartete Emotionen hervorrufen,,wohl auch bei DIR,,,das möchte ich im Momentbei mir nicht zulassen….
    Herzlich
    Angie*

    • Liebe Angie, ich wünsche dir einen schönen Sonntag. Ja, die Emotionen sind heftig und nicht jeder wird damit klar kommen. Es ist gewagt und doch bin ich froh, die 900 Seiten gelesen zu haben. Pass auf dich auf. Bini

  2. Danke für diese tolle Rezension. Ich habe es als Hörbuch bei Audible geladen und frage mich gerade, ob das „reicht“. Ob da alles so rüberkommt. Mal schauen.
    Ansonsten kaufe ich es noch als Buch, zum Lesen.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    • Meine Freundin Vero hört es auch gerade. Ich bin eher der Typ „wenig-Hörer“, da ich oft einschlafe bzw. immer was nebenbei brauche und einfach zu selten zum Hören komme.
      Wie weit bist du jetzt schon?
      Ist es arg gekürzt oder die volle Fassung?

      Reinhören sollte ich wohl auch mal.
      Bini

      • Ich komme leider auch sehr selten zum Hören, vor allem übers Handy via Audible. Demnach habe ich erst sehr wenig gehört, wollte es eigentlich auf dem Flug in den Urlaub machen, hatte aber während dessen nicht so Lust drauf. Habe dann Filme geschaut, ebenso auf dem Rückflug. Mal schauen, wann ich mal dazu komme.

Vorhang auf für eure Worte...