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Der Titel des Romans von Ali Smith bietet sich sehr gut an, um ihn ein wenig abzuändern. Dies wollen wir tun und euch den Inhalt des Romans aus unserer Sicht darstellen.

Es hätte uns genauso – wir stellen uns vor, dass wir jährlich eine Dinnerparty geben. Zu dieser laden wir Menschen mit speziellen Charakteren ein, Menschen die wir nicht immer bei uns haben, eine alternative Party. Wir bereiten alles in Ruhe vor, freuen uns auf den besonderen Abend und sind gespannt auf die vielfältigen Gespräche die uns erwarten werden.

Ein wenig gestresst sind wir auch, denn es gibt viel vorzubereiten. Zu solch einer Party sollte es möglichst schön werden und wir wissen auch, dass wir erleichtert sein werden, wenn alle Gäste zufrieden sind und den Heimweg antreten. In unserer literatwoischen Villa im Bücherwald kehrt dann wieder die literarische Ruhe ein und wir können uns unseren Seiten hingeben.

Was uns dann allerdings passierte, haben wir so nicht kommen sehen. Der Abend war rundum gelungen, auch Miles Garth konnten wir irgendwie zufrieden stellen. Miles kannten wir nicht wirklich, genauso wenig wie ihn Mark kannte. Doch er entschloss sich ihn einfach mitzubringen, da er ihm sofort sympathisch war. Da wir genauso offen sind, hatten wir nichts dagegen.

Und doch stellte er sich als kleine Herausforderung dar, denn er ist Vegetarier und darauf waren auch wir nicht vorbereitet. Zudem gab es auch kleine Auseinandersetzungen mit den anderen Gästen, welche das Thema Alkohol mit sich brachte. Er rührt keinen Schluck an und alle anderen waren schon in lustiger Stimmung. Die gereizte Atmosphäre versuchten wir immer wieder in den Griff zu bekommen, was auch gut gelang. Irgendwann stand Miles auf, entfernte sich von unserer Runde und suchte womöglich die Toilette auf. Dies dachten wir jedenfalls, als wir bemerkten, dass sein Platz leer ist.

Bis dahin haben wir wirklich alles gut gemeistert, wie wir rückblickend sagen können. Dennoch lief alles aus dem Ruder, denn es ist für uns nicht selbstverständlich, wenn man sich in unserem Gästezimmer einschließt und nicht mehr heraus kommt. Vor allem nicht, wenn Tage, Wochen und Monate ins Land gehen…

„…eine Seele, die so flach war, dass sie durch den Türschlitz passte.“

Könnt ihr euch vorstellen, was diese Tatsache in uns ausgelöst hat? Wir waren erst mal ganz konfus und versuchten Miles aus dem Zimmer zu bekommen. Aber es funktionierte nicht und uns blieb keine andere Möglichkeit als abzuwarten. Also warteten und warteten wir und wurden in unserem literatwoischen Leben komplett beeinflusst. Wir konnten nichts tun und hinzu kam das Problem, dass sich Menschenmassen um unsere Villa im Wald ansammelten. Die Medien kamen dazu und berichteten über den Mann in unserem Gästezimmer, es bildeten sich Fangemeinden, aber wir bekamen auch Protestbanner zu sehen.

Eine ungewohnte Zeit für uns mit vielen Fragezeichen.

Blicken wir von außen auf die Lage und lesen wir im Roman was um die Geschichte herum passiert, finden wir zu unserem Humor zurück und sehen die ganze Skurrilität und staunen sehr viel.

Allerhand Humor und Wortwitz, wie auch Wortspiele finden wir, vor allem, wenn wir dem kleinen neunjährigen Mädchen namens Brook zuhören. Auch sie versucht auf ihre Art, das Rätsel um Miles zu lösen. Drei weitere Charaktere schließen sich Brook an. Zum einen ist es Anna, welche vor 30 Jahren mit Miles durch Europa reiste und versucht sich an diese sagenhafte Zeit zu erinnern. Zum anderen Mark, der Miles selbst mitbrachte und May, eine demente Frau, welche zu ihm eine tiefe Verbindung hat.

Es ist ein Eintauchen in vier verschiedene sehr gelungene Geschichten, in denen sich kleine Puzzleteile befinden, Hinweise enthalten und doch eine Art Spiegel der Vergangenheit sind. Während die vier Personen in den Vordergrund gestellt werden, gelingt es der Autorin sich stellenweise völlig vom eingeschlossenen Miles zu lösen, um dann aus dieser Entfernung wieder rasant an ihn heranzukommen.

Die ganze Situation ist wirklich ungewöhnlich und gerade diese Tatsache, bringt uns als Leser immer wieder zur Frage: Was wäre, wenn uns das passieren würde? Hätte es uns nicht genauso? Ja, es hätte mir/uns/dir genauso.

„Alles hat seine Zeit, es gibt eine Zeit der Stille, eine Zeit, etwas niederzubrennen, eine Zeit, es zu restaurieren, eine Zeit, sich zu betrinken, eine Zeit, auf einem Pferd davonzujagen, so schnell man kann, eine Zeit, den Erzbischof zu erschlagen, eine Zeit, mit der Vorspreise voranzukommen.“

Aktives Lesen ist gefragt, Rätselspürsinn und es sollte nicht erwartet werden, dass die Autorin die Beweggründe des Miles Garth auf dem goldenen Tablett serviert. Eine Geschichte in der Geschichte, mit vielen Geschichten darum herum? Oder ist es nur eine Geschichte oder vielleicht sogar keine?

Hier darf jeder Leser selbst für sich entscheiden, wie er Ali Smith´s Werk eingliedert und welche Wirkung es erzielt. Der Schreibstil ist flüssig, Langeweile oder zähe Stellen sind ein Fremdwort für diesen Roman. Die große Besonderheit liegt darin, dass die wörtliche Rede nicht gekennzeichnet ist.

Ein Stilmittel, welches die Konzentration des Lesers benötigt, aber gerade zu diesem Roman ausgezeichnet passt. Zudem setzen sich die Kapitelüberschriften aus den vier Worten des Titels zusammen, was ebenso besonders ist. Ein Werk, das innerlich und äußerlich Hand in Hand geht.

„Tja, die Wahrheit ist wie die Sonne. Sieh direkt hin, und du hast dir die Augen für immer verdorben.“

Fahrt nach London und begegnet Menschen die sehr viel zu erzählen haben, was euer Leseleben sehr bereichern wird.

Eine Geschichte, ein Rätsel, viele Erfahrungen, Lebenswege und Lebensentscheidungen – es hätte mir genauso!

Könnt ihr euch vorstellen, wie es euch gehen würde, wenn sich ein Fremder bei euch für Tage, Wochen, Monate einschließen würde?

Wir sind gespannt, was ihr uns auf diese Frage antworten könnt.

Passt auf eure Gäste auf 😉

0 comments on “Es hätte mir genauso – Ali Smith”

  1. Ich könnte es mir schon platzmäßig nicht vorstellen, daß sich ein Fremder bei uns einschließen würde. Wo denn, bitte schön? Aber die Vorstellung, daß sich ein Fremder einquartiert, über einen längeren Zeitraum, ist schon ein bißchen beängstigend, wenn man diese Person nicht kennt. Das wäre wirklich ein zwiespältiges Gefühl.

    • An Platz hat es in unserer literatwoischen Villa nicht gemangelt, aber auch der größte Platz war für uns beängstigend, wie du schon sagst.

      Zumal man diesen Menschen nicht kennt und nur erahnen kann, was in ihm vorgeht.

      Dennoch ist es immer wieder interessant, über diesen „Vorfall“ nachzudenken…

  2. Ich habe den Roman ebenfalls vor kurzem gelesen und war etwas enttäuscht, dass Ali Smith ihren Lesern keinen Grund für das Verhalten von Miles gibt. Eines Abends schließt er sich ein und so plötzlich wie er das Zimmer in Besitz genommen hat, verschwindet er auch wieder.
    Zu Deiner Frage denke ich, dass ich ähnlich überfordert wäre wie Gen, aus der Situation aber wohl kein Kapital schlagen würde, wie sie das letztlich tut. Zum Glück passiert so etwas nur bei Ali Smith und nicht im echten Leben 😉
    LG, Katarina 🙂

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