funny girl -
funny girl – ein Buch mit Burka

Vierfacher Ehrenmord bewegt Kanada

„Abscheulich, hinterhältig und ehrlos“ nannte der Richter die Taten Mohammed Shafias, der seine drei Töchter und ihre Stiefmutter 2009 ermordete und anschließend einen Unfall vortäuschte.

Nein, so beginnt der neue Roman von Anthony McCarten nicht. Oder vielleicht doch, denn noch vor dem eigentlichen Beginn steht eine Widmung, die sich einprägt und beim Lesen jedes einzelnen Buchstabens mitschwingt:

Im Gedenken an Zainab Shafia (1990-2009).

Ja, Zainab Shafia ist eine jener 3 Töchter, die 2009 von ihrem eigenen Vater mit gerade mal 19 Jahren ermordet worden ist. Ein Mord, der nicht nur die Welt, sondern vor allem den Autor McCarten erschüttert hat.

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funny girl – Superhero

Nun könnte man leicht annehmen, dass sein Roman „funny girl“ die anti-muslimische Moralkeule schwingt, dem Leser zeigt, wie konservativ, fanatisch, gewalttätig diese Religion ist. Doch weit gefehlt, denn „funny girl“ ist, wie der Titel bereits sagt, funny.

Erzählt wird die Geschichte von Azime Gevas, einer 20jährigen Kurdin, die mit ihrer Familie in London lebt. Zwischen Tradition, Familienliebe, Familiendruck und der Freiheit einer Großstadt versucht sie, ihr Leben zu leben, sich nicht einengen zu lassen, nicht fremdbestimmt zu werden. Allein aufgrund dieser großartigen Frauengestalt lohnt es sich, den Roman zu lesen. Denn Azime ist lebensbejahend, witzig und ehrlich, ein Mensch, der den Mut hat, für sich und sein Leben sich einzusetzen, auch gegen die, die man liebt, so schwer dies auch fällt.

Azime, das funny girl. Doch nicht allein aufgrund ihres Humors trifft der Titel auf sie zu, sondern vielmehr aufgrund einer Entscheidung, die sie trifft, denn Azime möchte der erste weibliche muslimische Stand-up-Comedian der Welt werden. Und dies im Jahr 2005, zu einer Zeit, als die Terroranschläge vom 07.Juli gerade ihre grauenvollen Narben in London hinterlassen haben. Doch gerade diese Zeit der Trauer, des Leids, der Ohnmacht scheint Azime richtig für ihr Vorhaben. Sie will mit Humor, Wunden heilen, Vorurteile abbauen und zeigen, dass nicht alle Muslime potentielle Attentäter sind.

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funny girl – Londons Bühne

„Du redest, weil du reden musst. Die meisten Leute dagegen halten den Mund, weil sie das können.“ (S.292)

Und Azime schafft den Sprung auf die Bühne. Sie erzählt von sich und ihrem Leben, „wenn man braunhäutig in einer bleichen Gesellschaft lebt“ (S.264), „in einer Kolonie türkischer Familien aufgewachsen, so isoliert in der Großstadt, als lebten sie in einem kleinen türkischen Dorf.“(S.264)

Und sie erzählt von ihrem Vater: „Selbstverständlich hat mein Dad mehr als eine Frau. Ich glaube, in Fachkreisen nennt man das „Polygamie“…aber bei uns zu Hause reden wir nur von „Multitasking“. (S.208)

Azime ist schonungslos und frech und als wäre dem noch nicht genug erzählt sie dies alles auf der Bühne bekleidet mit einer Burka. Natürlich bleibt da der Widerstand seitens ihrer Familie, ihrer Verwandtschaft nicht aus und es scheint sich bis zum Äußersten zuzuspitzen.

funny girl (Diogenes Verlag) ist ein außergewöhnlicher Roman, dem der Drahtseilakt zwischen kritischem Gesellschaftsporträt und einfühlsamer Familienstudie gelingt. McCarten beleuchtet alle Seiten islamistischen Denken und Handelns, auch die Schattenseiten, geprägt von Ehrenmorden, Gewalt gegen Frauen, tyrannisch-patriarchalischen Strukturen. Und dennoch ist dieser Roman ein zutiefst toleranter.

funny girl - Anthony McCarten
funny girl – Anthony McCarten

Er ruft auf zu Verständnis, jedoch nicht zum Beschönigen, er wirbt um Entgegenkommen und sich Kennenlernen, nicht um Hass und Gewalt. In der Figur der Azime gelingt ihm dies. Mit ihrem Humor entlarvt sie die Abgründe, aber zeigt gleichzeitig auch die Schönheit ihrer Herkunft auf, die Liebe ihrer Familie, das gemeinsame Leben, der fantastische Geruch des heimischen Essens, ein Gefühl von Heimat. Und Azime selbst lernt zu einer Zeit, in der sei beinahe an den Widerständen gegen ihre Karriere zu zerbrechen droht, die bedingungslose Liebe und Hilfe ihrer Familie kennen, allen voran ihrer Mutter Sabite, die, verzweifelt bemüht, ihre Tochter unter die Haube zu bringen, am Ende doch selbst eine Witz reißen muss.

„Schlag nie einen Mann mit Brille….nimm lieber einen Baseballschläger.“ (S.371)

Lachen ist der Schlüssel, der auch verrostet scheinende Türen aufschließen und zu einem Miteinander führen kann. Ob mit oder ohne Kopftuch, wir alle können lachen, Neues kennenlernen und uns gegenseitig respektieren. Dies zeigt uns Azime, das funny girl. Und einmal mehr verdient sie diesen Titel, der doch so verschmolzen mit der großen Barbara Streisand zu sein scheint. Denn auch diese singt in ihrem Film „funny girl“:

People who need people,
Are the luckiest people in the world

4 comments on “[funny girl] Zwischen Burka und Barbara Streisand”

  1. Ein fantastisches Buch, ich habe es verschlungen.

    Allerdings, liebe Rezensentin, da haben wir wohl mal wieder was verwechselt:

    „McCarten beleuchtet alle Seiten islamistischen Denken und Handelns“

    -> Nein! Tut er nicht! Lediglich muslimischen Denken und Handelns. In die alte Falle getappt. Und das nach diesem Buch.
    (In diesem Zusammenhang ist der Zusatz „auch die Schattenseiten“ selbst unfreiwillig komisch. Das wiederum passt zum Buch!)

Vorhang auf für eure Worte...