Graben ~ Cyan Jones
Graben ~ Cynan Jones

Zwischen „abstoßend“ und „anziehend“

…und dann stand ich am Graben und lief langsam weiter. Eigentlich stand ich nicht am Graben, sondern an der Bahnhaltestelle, aber ich fühlte mich, als ob ich nur noch zwei Schritte laufen müsste, um hinein zu fallen. Als ich mich in der Bahn setzte, fühlte es sich so an, als ob ich in den Graben stürzte. Die Sicherheit des Untergrunds fühlte sich unsicher an und ich begann nach zwei Haltestellen völlig den Halt zu verlieren. ich begab mich lesend aus der Bahn und konnte kaum etwas sehen. Hohe Wände umgaben mich, Dreck setzte sich unter meinen Fingernägeln fest, als ich versuchte den Haustürschlüssel in meiner Tasche zu finden. Und dann…

…stand ich ihm gegenüber.

„Er war ein unwirscher, großer Mann, und als er ausstieg, hob sich der Lieferwagen und entspannte sich wie ein Kind, das von der aufkeimenden Angst befreit wird, Schläge zu bekommen. „(Seite 8)

Ich musste würgen, ich musste den Ekel verdrängen, ich musste wieder würgen. Ich musste mich hingeben, den ersten Seiten übergeben…

…ohne es zu bereuen. Abartige Anziehung?

Graben ~ Cynan Jones
Graben ~ Cynan Jones

Den sauren Geschmack im Mund konnte nur einer vertreiben. Daniel. Ein Duft setzte sich in meiner Nase fest. Ich versuchte mit ihm zu atmen, zu riechen, zu spüren, zu fühlen, zu leben…

„Ihr Duft hing im Raum, und es schnürte ihm beinahe die Kehle zu, als er begriff, wie wichtig das jetzt für ihn war und wie wenig er ihr Bedürfnis nach seinem Geruch verstanden hätte. Wie wenig er verstanden hatte, dass sie ihn herausriechen konnte aus all den tierischen Gerüchen, dem Karbolgestank, dem Traktorenöl, den Heuballen und all dem anderen, das er an seinen eigenen Händen roch.“ (Seite 24/25)

…um kurze Zeit später in völligem Lärm unterzugehen.

„Ein alles erfüllender, entsetzlicher Krach. Das kurze, beunruhigende Durcheinanderdröhnen des Tötens.“ (Seite 45)

Ich musste mir nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen zuhalten. Mir zerrte es den Magen quer durch den Körper, als ich die erste Dachsjagd erlebte. Mir rauschte das Blut in den Ohren. Ich musste ins Bad, mein Gesicht in kaltes Wasser tauchen, um die grausamen Bilder zu verdrängen. Ich schaute aus dem Fenster, füllte meine Lungen mit frischer Luft und sprang zurück in den Graben.

Kein entkommen möglich – wie ein Magnet zog es mich wieder in Cynan Jones Werk.

Graben ~ Cynan Jones
Graben ~ Cynan Jones

„Die Fähigkeit eines Menschen, in uns eine Reaktion auszulösen, setzt uns in Beziehung zu ihm, und solange er das tut, ist etwas Lebendiges an ihm.“ (Seite 107)

Diese Sätze. So perfekt.So wahr. So sagenhaft eindringlich. So treffsicher wie Robin Hood.

„Ein Ort erinnert sich, dachte er. Er muss sich erinnern.“ (Seite 128)

Cynan Jones hat mich auf Gefühlsbahnen geschickt, wie kein anderer. Mit seinem schmalen Werk Graben (liebeskind), welches knappe 200 Seiten umfasst, hat er in mir Strudel erzeugt, die vor Kraft nur so strotzten. Er hat mich nicht nur zur Dachsjagd mitgenommen, sondern in den Nebel geführt und mich selbst in seinen Charakteren fühlen lassen. Er hat mich die Geburt eines Lammes miterleben lassen, mir den Tod gezeigt und er hat mir Sehnsucht, Liebe und das Vermissen in die Haut eingeritzt.

Nun stehe ich da, blutüberströmt, verletzt und doch glücklich darüber, mich in den Graben begeben zu haben. Ein schockierend abartiges Werk, voller Robustheit, Kälte und ekelhaften Szenen – ein emotionales Werk, voller Feinfühligkeit – durchzogen von lauten und leisen Tönen, mit viel Gut und viel Böse.

Traut euch! Jagen und Gejagtwerden.

Eure

Vorhang auf für eure Worte...