Junges Deutschland – Eine zerrissene Epoche

[Junges Deutschland] Zwischen Anpassung und Auflehnung – eine zerrissene Epoche

Er ist’s[1]

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!

Eduard Mörike  (1804 – 1875)

Jeder von uns kennt sicherlich dieses traumhaft – leichte Frühlingsgedicht Mörikes, eines Dichters, der vor allem wegen seiner Naturlyrik einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte. Auch wenn Mörike kein klarer Vertreter des sogenannten Biedermeier ist, zeigen sich doch gerade in diesem Gedicht Merkmale eben jener Strömung. „Die meist allein und zurückgezogen lebenden Vertreter dieser Orientierung hatten kein einheitliches Programm[…]. Ihre Kultur baute auf Heimatverbundenheit und Religion auf. Sie wollen das Althergebrachte pflegen[…].“[2]

[Junges Deutschland] Eine zerrissene Epoche
Junges Deutschland – Eine zerrissene Epoche

Religion und Natur waren auch wichtige Themen für die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff. Ihre Novelle „Die Judenbuche“ gehört meines Erachtens zu einer der besten literarisch-psychologischen Texte überhaupt, beschreibt sie doch die Entwicklung eines jungen Mannes bis hin zum Mörder. Dabei ist sie jedoch nie eindeutig oder erhebt anklagend den Finger. Ihre Darstellungsmittel sind vielmehr diffuser, vielschichtiger genauso wie die Psyche eines Menschen. Die Natur erscheint „[…] in der Novelle stets als Richter und Zeuge; sie ist nicht Stimmung oder Kulisse, [sondern] wird zu einem magischen Raum, die [Juden]buche wird zum Dingsymbol für ein Geschehen des Unheils“.[3]

Zugegeben, das erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit während des Lesens, doch gerade das genaue und präzise Verfolgen der Worte Hülshoffs ermöglicht dem Leser ein tiefes Eindringen in die Psyche eines Menschen.

Präzise und genau muss man auch bei einem anderen Dichter lesen, da man ansonsten wohl die ein oder andere Anspielung bzw. Pointe überliest. Gemeint ist „Deutschland. Ein Wintermärchen“, ein satirisches Versepos von Heinrich Heine. Konträr steht dieses Werk und auch der Dichter den beiden vorher Genannten gegenüber, bildet er doch die zweite Seite der Medaille dieser Epoche: Auflehnung, Politik, Revolution.

[Junges Deutschland] Eine zerrissene Epoche
Junges Deutschland – Eine zerrissene Epoche

In der Zeit des Vormärz, beginnend ab der Julirevolution 1830 in Frankreich und endend mit der Märzrevolution in Deutschland verkörpert er mit seinen Texten zwar nicht ausschließlich das sogenannte „Junge Deutschland“, eine literarische Strömung dieser Zeit, die stark politisch motivierte Schriften verfasste, jedoch kann er guten Gewissens zu diesen gezählt werden.

Sein „Wintermärchen“ ist vieles, bloß kein Märchen. Es ist vielmehr die Auseinandersetzung eines Schriftstellers, der ins Exil nach Paris ging, dessen Schriften verboten wurden und dem der Vorwurf, ein Vaterlandsverräter zu sein, gemacht wurde. Dementsprechend fallen die einzelnen „Berichte“ über seine Reise durch Deutschland kritisch bis zynisch aus.

Junges Deutschland – Eine zerrissene Epoche
Junges Deutschland – Eine zerrissene Epoche

So beschreibt er die Menschen in Aachen folgendermaßen:

„Sie stelzen noch immer so steif herum,

so kerzengerade geschniegelt,

als hätten sie verschluckt den Stock,

womit man sie einst geprügelt.“[4]

Schonungslos und politisch hochbrisant rechnet er auch mit Barbarossa ab:

„Das beste wäre, du bliebest zu Haus,

hier in dem alten Kyffhäuser –

bedenk ich die Sache ganz genau,

so brauchen wir gar keinen Kaiser.“[5]

Junges Deutschland – Eine zerrissene Epoche
Junges Deutschland – Eine zerrissene Epoche

„Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist ein hoher Lesegenuss, auch wenn man vorher das ein oder andere Geschichtsbuch wälzen muss, um das Wissen über diese Zeit zu reaktivieren. Doch hat man sich das nötige Hintergrundwissen verschafft, so kann man eintauchen in eine kolossal böse Abrechnung mit aktuellen Zeitumständen, wie der Zensur, oder in die karikierenden Beschreibungen und Bloßstellungen preußischer Herrschaftssymbole, wie dem Reichsadler. Nicht zu vergessen der Blick in die Zukunft Deutschlands, der Heine von der Göttin Hammonia gewährt wird. Doch nein, er schaut nicht wie Frodo in eine silberne Wasserschale, sondern leider, leider in den stinkenden Nachttopf der Göttin. Was er da sieht….nun ja….

Euer jung-deutsches Lesebienchen

[1] aus: Deutsche Literaturgeschichte. hrsg. von Haerkötter/Trautmann. Winklers 2008, S. 89

[2] ebd.

[3] aus: Kindler Literaturlexikon Band 5, S. 613

[4] aus: Heine, Heinrich: Deutschland. Ein Wintermärchen. Reclam 2006, S. 20

[5] ebd., S. 76

Vorhang auf für eure Worte...