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Glücklich halten wir, Arndt und ich, den Roman, nach dem wir einen kurzen Blick hinein geworfen haben, in unseren literatwoischen Händen. Warum? Wir haben uns lange das Blog, welches der Verlag rowohlt zum Roman erstellte, angeschaut und in uns bestätigte sich immer mehr unsere hoffnungsvolle Vermutung. Uns erwartet ein Roman mit japanischem Inhalt, eine Reise nach Japan, genau wie in Seide von Alessandro Baricco.

Seide hat uns damals, wie auch heute, in eine Welt mitgenommen, die wir gern literarisch bereisen. Wir haben in Seide gelebt, es selbst gelesen, uns gegenseitig daraus vorgelesen, den Roman in uns leben lassen und lieben ihn einfach. Die tausend Herbste des Jacob de Zoet haben uns sofort angesprochen und wir mussten unbedingt wieder nach Japan. Am liebsten ganz lange. Seide war tief, wahrer Tiefgang auf wenigen Seiten. Was würde uns wohl passieren, wenn sich Autor David Mitchell als ein Alessandro Baricco in langer Form outet? Wir erhofften uns dies und bereiteten uns vor, auf eine lange Reise, eine Reise über die 714 Seiten hinaus.

Auf Seetauglichkeit geprüft um von den Niederlanden bis nach Japan, in den Hafen Nagasaki, zu kommen, begann unsere Reise.

Wir wussten, dass wir auf einen jungen holländischen Kaufmann namens Jacob de Zoet, treffen würden. Wir wussten auch, dass er im Jahr 1799 nach Dejima, dem einzigen Handelsposten des hermetisch abgeriegelten Japans reisen würde. Und wir wussten, dass er sich in eine Japanerin verlieben würde, durch die sich ihm eine geheimnisvolle Welt eröffnen würde, die neben ihrer Schönheit, auch Schrecken, Verrat, Intrige und Mord bereithält.

Mit diesem Wissen packten wir unsere Koffer und machten uns mit Jacob de Zoet fertig für die große Reise nach Dejima. Wir bestiegen erfürchtig die Shenandoah und legten mit einer großen Menge Quecksilber im Frachtraum, im Hafen von Nagasaki an.

Wir erkundeten nach unserer Ankunft die Insel, machten uns mit den dortigen Handelspartnern vertraut und begannen nach und nach die japanischen Gepflogenheiten zu verinnerlichen. Wir fassten Fuß in Dejima, gewöhnten uns an die Dolmetscher, an die japanischen Namen und verbrachten so manchen humorvollen Abend in illustrer Gesellschaft. Was wir da alles erleben konnten war sagenhaft und was haben wir schallend über manche, teilweise sehr peinliche Situationen, gelacht. Schnell zeigte sich nicht nur uns wer wem wohlgesinnt ist und wer ganz andere Absichten hegt. Schließlich ließ auch die Liebe nicht lange auf sich warten.

Eigentlich wollten wir den ganzen Roman über nicht von Jacobs Seite weichen, uns war aber bewusst, dass wir das auf jeden Fall müssen.

Wir trafen also erneut auf Orito Abaigawa, die Japanerin mit den Brandmalen im Gesicht. Auf den aller ersten Seiten sind wir ihr bereits begegnet. Wie schon Jacob, schlossen auch wir sie gleich in unser Herz. Bisher staunten wir über ihr medizinisches Talent und das kleine Wunder, was sie bei unserer ersten Begegnung vollbrachte. Uns ging es wohl wie Jacob, es war Liebe auf den ersten Blick und wir wollten mehr über die Japanerin wissen. Ebenso Jacob, doch vorerst waren wir ihm einige Schritte voraus, beobachteten beide und schmunzelnden über seine Annäherungsversuche.

Orito hat das Glück ihr medizinisches Wissen auf Dejima zu vertiefen, da sie  Arzttochter ist und arbeitet an der Seite von Dr. Marinus. Die Medizin wird zum Verbindungsfaden zwischen Jacob und Orito, wobei uns außerdem noch die damaligen Vorgehensweisen in der Medizin staunen lassen.

Der japanische Strudel umhüllt uns, wir lassen uns treiben, sind auf der Reise und rasten um zu verarbeiten, war wir leben und erlebten.

Wir wollen immer mehr, mehr Orito, mehr Jacob und es gesellten sich nach und nach weitere Protagonisten dazu, von denen wir bereits von Beginn an erahnen konnten, dass sich deren Charakterfächer mehr und mehr entfalten werden. Und so genießen wir es, da zu sein.

Völlig im Jahr 1799 angekommen, haben wir Literatwos eine schöne Wohnung in der holländischen Handelsstation unmittelbar gegenüber von Nagasaki gefunden und richten uns häuslich ein.

Japanischen Boden konnten wir natürlich lange Zeit nicht betreten und doch schwebten wir in einer Sänfte getragen, einen Meter über verbotener Erde. Wir machten es uns gemütlich, wobei wir ahnten, dass diese Gemütlichkeit bald vorbei ist.

David Mitchell lässt uns tausend gefühlte Herbste mit seinem Protagonist Jacob verbringen. Er ist uns vertraut, auf Dejima finden wir uns blind zurecht. Es ist wirklich so, als ob Jacob schon lange ein Freund von uns ist und Dejima unsere Heimat.

Das die Flamme der Liebe in Jacob immer höher lodert, obwohl in seiner Heimat Holland seine Verlobte Anna wartet, konnten wir teilweise verstehen. Orito, die Frau mit dem entstellten, verbrannten Gesicht, hat es ihm angetan. Auch in uns loderte die Flamme immer mehr und wir wünschen uns sogar, dass er ihr bald näher sein kann, so dass auch wir es können. Jacob ist ein junger Romantiker, dessen Entscheidungen und Handlungen wir einfach nachvollziehen können.

Und dann…und dann…

Keine einzige Seite im Roman war uns zuviel, ein Lebensbuch, welches spielt wie das wahre Leben. Alles gehört dazu, auch wenn uns Jacob und Orito auf einigen Seiten fehlten.

Eine sagenhafte Geschichte, die weitere Geschichten in sich trägt und diese schonungslos vor uns auffächerte. Wir nährten uns an japanischen Worten, wichtigen Schriftzeichen, die uns einen Weg ebneten, den wir uns so nie vorgestellt hätten.

Schriftzeichen sind nicht zur wegen des Handels auf Dejima wichtig, sondern auch wenn es darum geht zu helfen, zu befreien, die Liebe zu erleben.

Wir durchleben japanische Welten, werden mit wechselnden Perspektiven konfrontiert und verengen unsere Augen zu Schlitzen um schärfer sehen zu können.

An Bord der Phoebus im Ostchinesischen Meer finden wir uns wieder. Kapitän Penhaligon hat nur ein Ziel: Japan – und dort holländische Schiffe „aufbringen“. Wir wollten Jacab warnen, doch hofften wir gleichzeitig auf Hilfe, die wir so dringend brauchen.

Im Shiranui Schrein dagegen werden wir gebraucht und sehen uns mit ungeheuerlichen Machenschaften konfrontiert. Wir suchen Lösungen, wir hoffen, wir fliehen, wir leiden, wir schauen nach vorn und wir schauen zurück.

Fünf Teile gliedern die tausend Herbste, zeichnen Japan bunt, zeichnen es schwarz-weiß, bringen es zum Leuchten und umhüllen es in Dunkelheit.

Grenzenloses Facettenreichtum – das Land, wie auch die Protagonisten. 

Kleine Illustrationen verstärken unser Kopfkino, tiefgreifende Sätze rühren uns und wir beide haben stundenlang über den auch optisch wundervoll gestalteten Roman gesprochen.

An unserem Gedankenkamin sitzend, pausieren wir und halten inne. Uns fesselt die aufkommende Spannung, das abenteuerliche Leben, das Kennenlernen neuer und wichtiger Charaktere, die Ungewissheit und die Nuancen einer Liebesgeschichte. Gemeinsam auf der Reise, gemeinsam schweigen, gemeinsam ohne Pause stundenlang über einzelne Passagen fabulieren, gemeinsam lauthals lachen und auch gemeinsam weinen.

Wundervolle poetische Zitate setzten sich während des Lesens in uns fest, wie unser Anker in Nagasaki.

„Jacob kann seinem Blick nicht entfliehen, so wie ein Buch sich nicht dem wissbegierigen Blick seines Lesers entziehen kann.“

Wir könnten diese seitenweise niederschreiben, so wundervoll und zahlreich sind diese. Vergesst eure Post-Its nicht, wenn ihr euch auf die Reise begebt, ihr werdet sie brauchen.

Und dann kommt das Ende doch. Wir wollten unendlich lange in Japan bleiben, die tausend Herbste verdoppeln und unsere Reise „ewig“ machen. Japan – wahrlich ein Land was nicht verstanden werden will und uns mit Tränen in den Augen zurück lässt.

Ein innerliches Mantra sagten wir uns immer wieder auf, als wir nur noch wenige Seiten vor uns hatten. Ein Mantra das besagte, dass es so kommen wird wie wir denken und wir darüber hinweg kommen müssen. Ein Ende das nicht anders hätte enden können, sonst wäre es nicht der Abschluss der Abschlüsse.

Kein schmales Ende, ganz im Gegenteil. David Mitchell lässt uns ein fulminantes Ende erleben. Eine Mischung aus sicherem Hafen, aber mit starkem Wellengang.

Die Traditionen der verbotenen Insel sind übermächtig und man lässt vieles zurück, ein schwerer Abschied.

Eine tiefe Traurigkeit macht sich in uns breit, doch diese wird nach und nach von den Erinnerungen, die uns keiner mehr nehmen kann, überflutet.

Eine Flut der tausend Herbste, eine unvergessliche Reise nach Japan die sich in uns eingebrannt hat.

0 comments on “Literatwo und die tausend Herbste des Jacob de Zoet”

  1. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, dank euer ausführlichen Besprechung noch einmal in dieses wunderbare Buch und diese fantastische Geschichte abzutauchen. Auch ich habe „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ sehr gerne und mit großer Begeisterung gelesen und freue mich sehr darüber, dass auch euch diese aufregende Reise gefallen hat!

    Viele Grüße
    Mara

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