Die Seltsamen - setzt euch zu uns ans Lagerfeuer
Die Seltsamen – setzt euch zu uns ans Lagerfeuer

Diesen Roman wollten wir unbedingt zusammen lesen. Endlich mal gemeinsam „Fantasy“ und zudem – sind wir nicht alle ein wenig seltsam? *lach*

Stefan Bachmanns Debüt Die Seltsamen (Diogenes) mussten wir so lesen, dass wir uns ständig austauschen konnten. Wir sind dazu an einen Leseort, der richtig gut zum Roman passt, gereist und haben wundervolle Lesestunden verbracht.

Ferropolis – die Stadt aus Eisen, passt einfach thematisch sehr gut zum Roman. Die Steampunk-Kulisse versetzte uns ins Qualmzeitalter und erwachte vor unseren Augen zum Leben. Die schwarzen Federn, welche die 18 Kapitelanfänge schmücken, schwebte um uns herum und trugen uns nach London…

Setzt euch zu uns ans Lagerfeuer, wir erzählen euch, was wir mit diesem Werk erlebt haben…

Die Seltesamen - Literatwo in der Qualmzeit
Die Seltesamen – Literatwo in der Qualmzeit

Lesebienchen fragt ~ Binea antwortet

Der Titel des Romans lautet „Die Seltsamen“. War es für dich seltsam, diesen Roman zu lesen?

Ohja! Und wie! Warum ist schnell erklärt. Wer mich kennt, kann es sich denken und wird sich schon beim Blick aufs Cover gefragt haben: Bini & „richtige“ Fantasy mit Feen, Kobolden und Hochelfen?

Es war ein Versuch und ja, ich kam mir beim Lesen recht seltsam vor. Die ersten Seiten fühlten sich aber gut an. Die erste Begegnung mit den besagten „Wesen“ lies mich schon etwas zusammen zucken, aber widerrum konnte ich das Bachmann-Debüt auch nicht weglegen. Fantasyromane lesen – klingt seltsam, ist auch so, aber wenn der Titel „Die Seltsamen“ heißt, kann ich nicht widerstehen.

Das passte doch wie die Leserfaust aufs Buch und somit stieg ich seltsame Bini in den seltsamen Roman ein…und ich bleib drin!

Welche Szene im Buch ist dir noch besonders in Erinnerung?

Eine Szene ging mir das ganze Buch über immer und immer wieder durch den Kopf. Mir ist schon fast ein Ekelpickel gewachsen, weil ich die Vorstellung so gruselig finde. Mich hat es regelrecht geschüttelt und ich habe ein wenig Angst bekommen. Manche Stellen sollte man sich als „Nicht-Fantasy-Leser“ nicht zu bildlich vorstellen und nicht so sehr zu Herzen nehmen. Lach.

Lest selbst, welche Szene es ist:

„…In dem Moment griff sich die Dame unten im Vorgarten ruckartig an den Hinterkopf und schob die Locken auseinander. Bartholomew gefror das Blut in den Adern. Ein Gesicht starrte von dort zu ihm hoch, ein kleines, braunes, verwachsenes Gesicht, das nur aus Falten und spitzen Zähnen zu bestehen schien.“ (Seite 32)

Gruselig…*schüttel*

Die Seltsamen - seltsame Bücher, seltsame Leseorte
Die Seltsamen – seltsame Bücher, seltsame Leseorte

In einer Buchbesprechung habe ich gelesen, dass die Situation der Feen in England mit der Situation der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus verglichen bzw. gleichgesetzt werden kann. Wie stehst du dazu?

Meine erste Reaktion auf deine Frage war: was? Fantasy und Nationalsozialismus? Nein – da gibt es keine Parallelen. So der erste Aufschrei, dann ging bei mir das Denken los.

Der Vergleich ist zu 100% richtig. Irgendwie habe ich mich so in die Fantasywelt fallen lassen, dass mir nicht bewusst wurde, wie nah Bachmann, gerade auf den ersten Seiten, am Nationalsozialismus schreibt. Die Feen wurden bekämpft, zusammen getrieben, gezählt und zur Arbeit in den Fabriken gezwungen. Erging es den Juden nicht genauso?

Auch die „Seltsamen“ – die Mischlinge aus Mensch und Hochelf – werden nicht gern bei Tageslicht gesehen. Sie müssen sich verstecken, leben gefährlich und sind in der Abgeschiedenheit am Sichersten.

Juden mussten gekennzeichnet werden, um sie zu unterscheiden – die Wesen mit Feenblut stechen allerdings aus der Masse hervor – sie sind hässlich, dünn, haben spitzzulaufende Ohren und es wachsen ihnen kahle Äste aus der Kopfhaut.

Die Seltsamen - Ferropolis haucht Büchern leben ein
Die Seltsamen – Ferropolis haucht Büchern leben ein

Konntest du dich mit Figuren des Romans, wie Bartholomew oder Mr. Jelliby, identifizieren?

Das Eis zum Protagonist Bartholomew, auch wenn ich ihn immer noch Bartholomeo nenne, ist sehr schnell gebrochen. Er nahm mich an die Hand und zeigte mir seine Welt, die vorwiegend aus seiner Familie, bestehend aus Mutter und Schwester, und seiner Lebensumgebung, dem Haus im Elendsviertel der Feenwesen in Bath, besteht.

Als er sieht, wie die gutaussehende Dame im pflaumenfarbenen Kleid seinen Freund entführte, begibt er sich auf die Suche nach ihm. Ich hätte ebenso nicht lange gezögert. Auch im weiteren Handlungsverlauf wird er mir nicht fremd.

Bartholomew ist mutig und seine Handlungen sind für mich schlüssig gewesen. Er ist mir ans Herz gewachsen und ich freue mich nach diesem Cliffhanger schon sehr, ihn im zweiten und letzten Band namens Die Wedernoch wieder zu treffen.

Mit Mr. Jelliby, den ich immer Mr. Jellybelly nannte, konnte ich mich nicht so schnell identifizieren. Es mag nicht nur dran liegen, dass er ein langweiliger Parlamentsabgeordneter ist, sondern auch daran, dass er überhaupt nicht der Tpy „Abenteurer“ ist und sich dennoch an die Seite von Bartholomew begibt, um ihm zu helfen. Aber manchmal braucht man etwas länger zur Selbstfindung und nach und nach wuchs auch Mr. Jelliby mir immer mehr ans Herz.

Beide Figuren werden vom autarken Erzähler rundum beleuchtet und könnten sich von ihren Charakterzügen nicht unähnlicher sein. Aber Gegensätze ziehen sich bekanntlich an und somit verschmelzen beide zu einem Team.

Die Seltsamen - besondere Leseatmosphäre
Die Seltsamen – besondere Leseatmosphäre

Binea fragt ~ Lesebienchen antwortet

 Welche Frage würdest du gerne gestellt bekommen und wie würdest du auf diese Frage antworten?

Meine Wunschfrage wäre eine Frage nach dem Alter des Autors, denn ich finde es mehr als erstaunlich, dass Bachmann im Alter von gerade mal 16 Jahren diesen Roman verfasst hat. Umso erstaunlicher finde ich dies, weil man es nicht merken würde, wenn man es nicht wüsste.

„Die Seltsamen“ strotzt von skurrilen Gestalten, von Kobolden, Feuerfeen, die abends die Laternen anzünden, von mysteriösen Hochelfen und äußerst sympathischen englischen, leicht behäbigen Beamten. Bachmanns London erinnert in all seine gesellschaftlichen Facetten stark an Dickens, Einflüsse des Steampunks wabern und zischen um die ein oder andere Ecke. Und das alles mit nur 16 Jahren, Hut ab.

An welche(n) andere(n) Roman(e) musstest du beim Lesen denken?

Auf jeden Fall an Romane von Dickens und das ist beim Fantasygenre schon recht ungewöhnlich. Doch Bachmann lässt ein sehr industrielles, maschinell geprägtes London auferstehen, das von großen sozialen Problemen, hier in Form von magischen und nichtmagischen Wesen, zerrissen ist.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann
Die Seltsamen – Stefan Bachmann

Als Fantasy-Vielleserin stellst du das Debüt von Stefan Bachmann auf die gleiche Stufe mit …?

Mit „Eragon“ von Christopher Paolini und das nicht nur, weil beide ungefähr gleich alt beim Verfassen ihres Romans waren. Beide Autoren haben einen ähnlichen Stil, der sich flüssig und leicht lesen lässt. Beide Romane leben von einer mehr als guten Idee, waren es bei Paolini die Drachenreiter, ist es bei Bachmann das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Gesellschaftskonzepte. Zugegeben Bachmann ist in dieser Hinsicht etwas ausgefeilter, sein Roman spricht gesellschaftliche Themen wie Anderssein und Rassismus neben dem eigentlichen Fantasyplot an.

Beide zeigen ebenso eine Schwäche in der Figurenzeichnung. Sowohl Eragon als auch Bartholomew sind Helden, die man nicht so richtig zu fassen bekommt, weil sie etwas oberflächlich gestaltet sind. Das erschwert an der einen oder anderen Stelle den Lesefluss etwas, weil man sich nicht so sehr in die Figuren hineinversetzen kann.

„Die Seltsamen“ ist dennoch ein gelungenes Debut, das noch viel Potential in sich trägt. Und mal ehrlich, wer von könnte solch einen Roman schon mit 16 Jahren schreiben.

Die Seltsamen - Blick ins Buch
Die Seltsamen – Blick ins Buch

Du stehst dem Autor persönlich gegenüber und er fragt dich, was dir an seinem Werk nicht gefallen hat. Was antwortest du?

Ich würde ihm antworten, dass die Figuren für mein Empfinden zu statisch handeln. Mir fehlen Gedankengänge, Selbstzweifel, Überlegungen der Figuren.

Beim Lesen hatte man manchmal das Gefühl, dass die Figuren ohne nachzudenken einfach „zack“ irgendwelche Entscheidungen treffen.

Wir Danken euch fürs Lesen und Zuhören!

Lesebienchen & Binea

6 comments on “[London] Die Seltsamen ~ Stefan Bachmann”

  1. Wunderbar 🙂 Ich finde, der Titel ist klug gewählt und das Cover auch! Ich bin mächtig gespannt auf dieses Buch, hätte ich es NIEMALS angerührt, bzw. mich dafür interessiert, wenn ich nicht einige, ausgewählte Rezensionen/Besprechungen zu dem Titel quer gelesen. Ganz lese ich Rezensionen in der Regel ja nicht, ich will mich nicht beeinflussen lassen. Aber alleine die Tatsache, WER dieses Buch alles als total klasse bezeichnet hat und lesenswert, das macht mich mehr als neugierig drauf 🙂

    Eure Besprechung ist da noch ein Sahnehäubchen 😉

    Danke dafür und liebste Grüße
    Bine

  2. Hey ihr zwei „seltsamen“ Mädels 😉
    Eigentlich stehe ich Fantasy sehr, sehr skeptisch gegenüber, aber euer Lagerfeuer-Bericht ließ mich schon ein wenig aufhorchen und ich denke ich werde mal seltsamerweise Fantasy-Stöberei betreiben…

Vorhang auf für eure Worte...