https://i2.wp.com/www.aufbau-verlag.de/media/Upload/cover/9783351033033.jpg?resize=336%2C518
Es ist vielleicht etwas in Vergessenheit geraten, dass man es bei Mark Twain mit dem zu Lebzeiten berühmtesten Prosaschriftsteller Amerikas zu tun hat. Heute schätzt man ihn, der eigentlich Samuel Longhorne Clemens hieß, in erster Linie als den großen Autor der unvergesslichen humoristischen Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Doch das ist nur die eine Seite eines schillernden literarischen Diamanten. Die andere Seite zeigte er im Verborgenen nur der Liebe seines Lebens. Olivia Langdon – oder „Livy“ wie er sie zärtlich nannte, erhielt seit den ersten Tagen ihres gemeinsamen Lebensweges aufwühlende und romantische Liebesbriefe vom größten Erzähler seiner Zeit. Nur wenn man versucht, beide Seiten miteinander in Einklang zu bringen und darüber hinaus die natürliche pessimistisch zynische Veranlagung Twains nicht vergisst, lässt sich die durchaus widersprüchliche Persönlichkeit Mark Twains erahnen.

Geboren wird Mark Twain 1835 in einem kleinen Dorf im US-Bundesstaat Missouri. Um nicht als Söldner im amerikanischen Bürgerkrieg dienen zu müssen, flieht er in den Wilden Westen und schreibt erste Zeitungsbeiträge als Reporter. 1867 startet er zu einer Rundreise durch Europa, dessen Kultur er aus seiner Sicht als reisender US-Amerikaner auf die Schippe nimmt. Sein Bericht „Die Arglosen im Ausland“ (1869) macht ihn, ebenso wie ein Nachfolgeband, zum gefeierten Autor. In dieser Zeit lernt er „Livy“ kennen, verliebt sich unsterblich und beginnt ihr zu schreiben. Er lässt sie an seinen Lesereisen teilhaben, versprüht Hoffnung und Leidenschaft bis zur Hochzeit der beiden und hat niemals damit aufgehört, seiner Frau zahllose emotionale Briefe zu schreiben.

„Jungs wie mich gibt`s nicht alle Tage. Wir sind überaus selten. Wir sind eine Art menschliche Jahrhundertpflanze, & wir blühen nicht in jedem Vorgarten“.

Diesen „Vorgarten“ fand Mark Twain im Alter von fast 32 Jahren, als er sich zum ersten und einzigen Mal verliebte. Seine, in Sommerwogen veröffentlichten, Liebesbeweise an „Livy“ werden zum Lebenswegbegleiter der beiden, sind gleichzeitig Zeichen von Hoffnung und Zweifel, Hinweis auf Ängste, aber auch kraftvolle und lustige Momentaufnahmen aus einem bewegten Leben.

Kurz vor ihrer Hochzeit schreibt er: „Dieser 4. Februar wird der prachtvollste Tag unseres Lebens, der heiligste & der für uns beide großzügigste – denn er wird zwei unvollständige Leben vereinen. Er gibt zwei ziellosen Existenzen Arbeit & verdoppelt die Kraft eines jeden, sie zu meistern. Er gibt zwei Suchenden einen Grund, um zu leben, & etwas, wofür sich das Leben lohnt. Er wird dem Sonnenlicht neue Freude schenken, den Blumen neuen Duft, der Erde neue Schönheit, dem Leben ein neues Geheimnis, & Livy, er wird der Liebe eine neue Offenbarung schenken, dem Kummer eine neue Tiefe, der Anbetung einen neuen Ansporn… wir werden eine neue Welt erblicken.“

Die Briefe zeugen aber auch davon, wie die Twains die großen Probleme in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und persönlicher Rückschläge meistern, sie verdeutlichen, wie stabil eine große Liebe sein muss, um selbst den Tod der liebsten Tochter Susy verkraften zu können.

Ich trage das Buch immer bei mir – immer wenn ich die Zeit finde und sie finden möchte, begleite ich Mark Twain auf dem Weg durch sein Leben an der Seite der Liebe seines Lebens. Von Livy selbst sind keine Antworten auf die Briefe erhalten, aber der im Aufbau Verlag neu erschienene Band „Sommerwogen“ lässt eben genau den Spielraum, darüber nachzudenken, wie sehr ihn seine Lebensfrau inspiriert haben muss.

Zur Geburt Mark Twains war der Halleysche Komet wie alle 75 Jahre an der Erde vorüber gezogen. „Nächstes Jahr wird er wiederkommen“, wird der Schriftsteller am Ende seines Lebens zitiert. Ich erwarte, dass er mich mitnimmt.“ Der Komet erfüllt ihm den Wunsch. Sechs Jahre nach dem Tod seiner geliebten Livy stirbt Twain vor fast genau 100 Jahren am 21. April 1910, als der Komet über seinem Haus in Redding, Connecticut, erstrahlt.

0 comments on “Mark Twain romantisch in: “Sommerwogen””

Vorhang auf für eure Worte...