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Die Thrillerwelle hält an, denn nach „Skript“ von Arno Strobel und „Room27“ von Mirjam Mous musste ich mich nun dringend auch dem Thriller „Mein böses Herz“ von Wulf Dorn nähern.

Das einfache Annähern allerdings ging sehr schlecht, da mich das Buch sofort in sich gezogen hat. Ich hielt beim Lesen förmlich die Luft vor Spannung an und war außerdem unansprechbar, denn was ich mit Doro erlebte konnte nicht aufgeschoben werden. Definitiv nicht!

Dorothea, Doro genannt, ist untergetaucht, in einem Schwimmbecken im Freibad. Dort unten an der Beckenwand leuchten vor ihr drei Worte auf, die sich in ihr festbrennen. Innerhalb des Glases vor dem Scheinwerfer sind diese mit dem Finger untereinander in die Wasserperlen geschrieben, wie an eine beschlagene Fensterscheibe.

Doro erschrickt und die Stimme in ihrem Kopf holt sie wieder ein und auch Kai ist wieder in ihrer Nähe. Kai, ihr Bruder, den sie tot in seinem Kinderbett gefunden hat. Er verfolgt sie seit dieser Nacht. Was in dieser Nacht passierte, weiß Doro nicht mehr. Sie hat diese Stunden aus ihrer Erinnerung gebannt. Jetzt hört sie Kai wieder nach seiner Mama rufen, immer und immer wieder. Sein blau angelaufenes Gesicht, die hervortretenden Augen, sein lebloser Körper, alles erscheint vor ihrem inneren Auge. Doro greift blitzschnell nach einem realen Gegenstand, denn nur dieser kann ihre Gedanken und die Bilder, die vor ihr auftauchen, wegwischen.

Vor ein paar Tagen ist die fast siebzehnjährige Doro mit ihrer Mutter nach Ulfingen gezogen. Ihr Vater hat sich nach dem Tod von ihrem Bruder Kai getrennt, er hat sich von einer anderen Frau trösten lassen. Über ein Jahr ist es her, dass sie Kai in seinem Bett gefunden hat. Hier in dem kleinen Dorf ist Doro noch neu und versucht Freunde zu finden, bevor man sie wie in ihrer alten Heimat als Freak bezeichnet.

In Ulfingen weiß noch keiner, dass sie in Behandlung ist, in einer Klinik war und andauernd von Halluzinationen verfolgt wird. In ihren Träumen wird sie immer wieder mit Stimmen konfrontiert und erwacht oft schweißüberströmt. Bisher weiß dies außer ihrer Mutter und der Psychiater Dr. Nord, der gleich nebenan wohnt, niemand. Noch nicht. So gelingt es ihr einen Freund in David zu finden und auch in Julian, Dr. Nords Sohn.

Als Doro jedoch in einer stürmischen Nacht einen Jungen im Garten findet, scheinen sich ihre bisherigen Fortschritte in Luft aufzulösen. Sie ruft die Polizei und erzählt über den abgemagerten und verstörten Jungen. Doch als Hilfe naht, ist er verschwunden. Doro und Julian fahren ihn suchen, vergeblich. Außer einem umherirrenden und besoffenen Obdachlosen finden beide keine Spur. Tage später erkennt sie den Jungen auf einem Plakat wieder. Kevin – der Junge, der sich durch Selbstmord das Leben genommen hat, der Junge, den sie nie gesehen haben kann. Nun weiß auch ganz Ulfingen, dass Doro nicht nur eine Synästhetikerin ist, also ihre Sinne vermischen kann, in dem sie zum Beispiel Menschen eine bestimmte Farbe zuordnet, sondern auch ein Freak.

Ihr kann man nicht glauben, sie sieht Gespenster und bildet sich alles nur ein. Doro verzweifelt an den Stimmen in ihrem Kopf, denn diese wollen sie nur verwirren. Sie ist der festen Überzeugung, dass der Junge existiert, dass er da war und dass er in Gefahr ist. Sie möchte allen beweisen, dass sie kein Freak ist. Vor allem sich selbst, doch um das zu können, muss sie die Vergangenheit an sich heran lassen und ihren Erinnerungen das Auftauchen aus ihrer Seele erlauben.

Herz

Nein – das hätte ich nicht erwartet. Dieser unwahrscheinliche Sogeffekt in einem Jugendthriller, diese psychische Angespanntheit. Mit „schwarze Erinnerung“  ist das erste Kapitel betitelt, dann beginnt der erste der fünf Teile. Als Leser findet man sich sofort neben Doro, der Ich-Erzählerin, wieder und weicht keine Sekunde von ihrer Seite. Eine feinfühlige, verletzliche und doch so starke Protagonistin, deren Seele schwer beschädigt ist. Der Gänsehauteffekt stellt sich unmittelbar nach den ersten Sätzen ein, denn die Ungewissheit und die Ahnungslosigkeit drängen sich in den Vordergrund.

Kursive Sätze kennzeichnen die Stimmen in Doros Kopf, die Erscheinungen, die sie sich einbildet, und mischen sich immer wieder zwischen die Handlungen. Das psychische Kopfkino malt tausend Bilder und beginnt sich immer schneller zu drehen. Wulf Dorn beabsichtigt genau das, die Undurchschaubarkeit, immer und immer wieder wird diese verdeutlicht. Man möchte Doro helfen, ihr glauben, sie verstehen, doch sie kann für sich ihre Hand nicht ins Feuer legen, als Leser kann man dies ebenso wenig.

Die Schuld oder Unschuld, die auf Doro lastet, springt auf den Leser über, ein gemeinsames Suchen nach der Wahrheit beginnt. Doch nicht nur die Suche nach Doros Vergangenheit, sondern auch die Suche nach den Antworten auf die Fragen, die im Laufe der Handlungen aufkommen, intensiviert sich.

Ein Psychospiel, das nicht endet, bevor das letzte Wort im Buch gelesen ist. Ein Psychospiel, auf das man sich gefasst machen sollte. Ein Psychospiel zwischen Gut und Böse mit mehr als realem Hintergrund. Ein Psychospiel wie das Leben selbst, denn wir alle handeln nicht immer so, wie wir es wollten, und müssten genau mit diesen Taten weiterleben, so gut es geht.

Achtung – Mitten im Buch sind die Finger vor Angstschweiß so nass wie die Tränen am Ende.

0 comments on “Mein böses Herz – ein Psychospiel”

  1. Liebe Binea, ich bin über Facebook auf Deine Rezension aufmerksam geworden und will mich vom ganzem (bösen) Herzen dafür bedanken 😉 Da habt ihr euch ja wirklich sehr viel Mühe gemacht mit all den tollen Illustrationen! Wow, ich bin wirklich sprachlos!!!

    Alles Gute für euren Blog und weiterhin viele spannende Leseerlebnisse,
    Wulf Dorn

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