„Grünrock, ich glaube es ist bald soweit. Ich habe es im Gefühl, es scheint bald Weihnachten zu sein“ sagte der Stadtbote.

„Meinst du? Sei mal grad still. Ich glaube ich habe was gehört.“ antwortete der Grünrock.

„Es ist zwar noch nicht so kalt, wie im letzten Jahr, aber die Tage sind dunkler und es scheint ewig her zu sein, das Weihnachtsfest. Mir schmerzt schon das Holz und so langsam möchte ich mal wieder einen Tannenduft riechen und selbst paffen. Meine Umhängetasche binde ich schon mal um, meine Zeitung muss ich nur noch finden. Es soll ja alles sitzen und ich möchte gut aussehen, wenn wir raus können. Ich glaube jetzt höre auch was.“ murmelte der Stadtbote.

„Psst…wir sind auch gerade wach geworden, scheinbar zum richtigen Zeitpunkt. Wir sind wohl in der Kiste über euch beiden. Bei uns ist außerdem auch das Engelspärchen. Die können noch gar nicht richtig reden, strecken und recken aber gerade ihre langen Flügel.“ meinten die zwei großen roten Rauschebartnussknacker.

„Es geht los, es geht los, wir kommen nach oben in die gute warme Stube und können sie endlich wieder sehen und nah bei ihr sein. Endlich, lang ist es her, als wir von ihr liebevoll aus unseren Kartons geholt worden sind, oder?“ fragte der Grünrock.

„Jippiee, juhuuu, endlich ist es soweit“ tönte es aus der kleinen Kiste, in der die kleinen Miniholzfigürchen untergebracht sind.

Plötzlich wurde es ganz still im Keller, das Schloss schnappte auf und das Licht wurde angestellt. Alle Bewohner der vielen Weihnachtskisten versteiften sich, hielten ihre Münder und warteten darauf, dass es losging. Sie genossen jedes Jahr aufs Neue das Geräusch der sich nähernden Schritte, das Gefühl zu schweben und letztendlich das Licht zu erblicken. Gleich, der Augenblick rückt näher. Jeder der hölzernen Weihnachtszeitgefährten war aufgeregt und freute sich auf die nun bevorstehende Zeit. Endlich wieder liebevoll aus den Kisten geholt werden, das kalte Gefühl abzustreifen und vor allem bewundert zu werden. Ansehen, umblicken, sich gegenseitig wiedersehen und hören, was es in der großen weiten Welt neues gibt. Die meisten kennen sich schon über 55 Jahre und sind sich vertraut, die jüngsten sind erst ein Jahr unter ihnen und es wird sicher auch in diesem Jahr wieder den ein oder anderen neuen Kameraden geben. Der oder die wird wohl allerdings schon da sein, hoffentlich nicht auf dem eigenen Stammplatz stehen, dies gab es aber nur einmal und wurde schnell wieder geändert. Nun war der große Moment da, die Figuren, ob Engel, Nussknacker oder Räuchermann, alle blieben starr und steif und genossen diesen Moment. Gerade stehen, nicht mehr liegen und ohne das Seidenpapier, ein weihnachtliches Gefühl.

Liebevoll wurden sie alle aus den Kisten geholt, in die Schrankwand, auf den Tisch oder vor die Bücher ins Bücherregal gestellt. Alles wie in jedem Jahr, doch etwas fühlte sich für alle anders an. Das Licht kam aus einer anderen Ecke, die Ruhe war eine andere und auch der Weg ins Wohnzimmer schien etwas länger geworden zu sein.

Eine ganze Weile verging, in der alle still stehen mussten, kein Auge durfte blinzeln, kein Wanderstab sich bewegen, keine Hand in die Höhe gehen um sich gegenseitig zuzuwinken. Die Flügel mussten senkrecht nach oben stehen, die Münder durften nicht aufklappen, der Bart der an der Nase krabbelt, durfte nicht glatt gestrichen werden.

„Nanu? Was war das? Wer war das? Und wo sind wir denn jetzt? Freunde? Ihr könnt eure Augen bewegen und euch umschauen, wir sind alleine, es brennt aber noch Licht und ich konnte nicht anders und musste mich rühren.“ sprach der Nussknacker.

„Oooohhh…wo sind wir denn? Wo ist sie denn hin?“ rief das kleine Engelchen, was neben dem Grünrock aufgestellt wurde.

„Sind wir entführt worden oder warum ist hier alles so anders? Ist es noch gar nicht Weihnachten?“ fragte der kleine Schneemann mit der Kerze.

„Nein, es ist alles richtig, auf dem Kalenderblatt steht der 12. Monat, es ist Dezember und zwar so wie ich es mir dachte, haben wir das Jahr 2011. Im Jahreszahlen merken bin ich sehr gut.“ sagte der Grünrock.

„Es stimmt, es muss so sein, denn schaut doch alle mal, wir sind nicht alleine.“ stellte der Soldatennussknacker fest.

„Hallo ihr Neulinge, wo kommt ihr denn her? Wir sind die dynamische Räucherbande. Jährlich kommt ein neuer dynamischer Begleiter dazu. Wo habt ihr denn überwintert und wo wart ihr all die Jahre davor?“ fragten sie im Chor.

Keiner traute sich zu antworten, jeder schaute sich um und wunderte sich, wo er sich befindet. Alles war fremd und anders, alles.

„Wenn ich auch mal was sagen darf, ich glaube ich kann euch Licht in die Dunkelheit bringen, denn ich habe das volle Jahr in der Helligkeit verbracht. Ich bin der Bücherwichtel und im Sommer des Jahres, als die Tage voller Sonnenschein waren, die Vögel zwitscherten und ich die grünen Bäume durchs Fenster sehen konnte, ist es passiert. Es stand ganz plötzlich ein Umzug an.“ seine Stimme stockte bei diesen Worten und ihm kullerten die Tränen auf der Wange entlang.

„Alles war wie immer und dann ging alles so schnell. Ich war diese Schnelligkeit gar nicht mehr gewöhnt und war gerade mitten in meinen Tagträumen. Auf einmal war sie weg, sie wollte nur kurz rausgehen und ihren geliebten Eichhörnchen ein paar Nüsse hinlegen, den kleinen Felixen, so nannte sie die roten Tierchen immer. Als sie wieder kam, war sie nicht alleine, es war hektisch und laut und dann kehrte Ruhe ein. Ruhe. Es wurde still, die Tür ging zu und sie kam nie wieder. Bis heute nicht. Wie ihr seht sind wir woanders, sie ist nicht mehr da. Dies ist wohl nun auch eure erste Zeit, ohne sie. Ohne die Ruhe, ohne den Sessel auf dem sie täglich saß um zu häkeln und zu sticken, ohne die Menschen die immer kamen um sie zu besuchen, ohne das stündliche Zusammensein mit ihr. Alles ist anders, seit dem Umzug. Alles.“ flüsterte er bedrückt.

Im Wohnzimmer herrschte Ruhe, nach den Worten des Bücherwichtels, denn so langsam begriffen alle, was passiert war.

„Warum sind denn die Menschenleben nicht ewig, so wie unsere? Warum können wir nicht immer alle ewig beisammen sein?“ fragte der kleine Nussknacker, der bereits schon einmal aus so einem Grund das Wohnzimmer wechselte. Das war allerdings schon eine ganze Weile her, doch er wusste zu genau, wie es sich nun für alle anfühlen musste und merkte wie es ihm jetzt zum zweiten Mal in dieser Situation ging.

„Ich kann gar nicht wirklich reden, ich glaube ich kann das gerade alles nicht glauben.“ flüsterte der Räucherpilz.

„Oh weh, oh weh, oh weh, nein, nein, es kann nicht sein! Ich war all die Jahre an ihrer Seite und sehe auch jetzt ihr fröhliches Gesicht vor mir. Jedes Jahr diese Begegnungen mit ihr und mit euch und jetzt…und jetzt…“ wimmerte der eigentlich starke und fest im Nussknackerleben stehende Grünrock.

Jeder einzelne trauerte vor sich hin oder stellte den anderen Fragen, um nicht den Boden unter den Holzfüßen zu verlieren.

„Liebe Freunde, wir hier alle, möchten euch gern bei uns aufnehmen und die Weihnachtszeit mit euch verbringen. Lasst uns zusammen rücken, für jeden einen neuen Platz finden. Ich möchte im Namen aller sprechen, wir sind alle geschockt und mussten einen Umzug noch nie selbst erleben. Gebt uns die Möglichkeit euch aufzumuntern und lasst uns unsere Lebensgeschichten austauschen.“ sagte der Kantenhockerräucherkoch.

„Es tut mir so leid euch das alles erzählen zu müssen, aber es gibt einen kleinen Trost. Nicht nur wir sind hier angekommen, sondern auch ein Großteil ihrer Bücher ist da. Wir haben also noch ein Stück alte Heimat in unserem neuen Reich. Seht mal selbst, auch hier wird gelesen und geschrieben. Die wahren buchigen Schätze sind und bleiben gleich, denn viele Bücher sind nun doppelt vorhanden. Einfach magisch, denn hier stehen ihre und die anderen die es hier schon gab, nebeneinander. Dort drüben steht „Der alte Mann und das Meer“, dort findet ihr die Erich Kästner Werke. „Nackt unter Wölfen“, „Im Westen nichts Neues“, Charles Dickens, Tolstoi und Mark Twain Bücher. „Robinson Crusoe“ steht dort, „Buddenbrooks“ da und alle Märchenbücher sind zu finden. Alle Schätze nebeneinander, ein schönes Bild was mich erfreut und auch nachdenklich macht. Wie die Bücher sich neu gefunden haben und über das Leben hinaus verbinden, haben auch wir uns wieder gefunden. Achja…eine Zeit die für uns besonders in diesem Jahr nicht leicht ist, aber wir sollten es versuchen, diese neue Zeit, mit und doch ohne ihr, zu genießen und zu leben.“ sprach er zu alten und neuen Freunden.

„Es ist Weihnachten im Himmel und auf der Erde, lasst uns ankommen und über die Zeit mit ihr reden. Da drüben, gleich neben dem Räucherkoch mit der Kerze steht ein Bild von ihr, ich denke ihr habt es bisher noch nicht gesehen. Lasst uns die Kerze anzünden und an sie denken. Weihnachten wird auch bei ihr ankommen.“ sagte der Bücherwichtel und verdrückte sich ein Tränchen.

Danke kleine Oma für dich, du hast für die Literatur gelebt, tausende von Buchschätzen um dich gehabt und immer wissen wollen, was in der Bücherwelt passiert. Diese Geschichte ist für dich, ich hoffe du kannst sie lesen.

Bianca Raum

0 comments on “Mit ohne dir…”

  1. Wir haben viele Reisen unternommen in diesem Jahr. Viele inspiriert von große Autoren, einige aber auch vor dem Hintergrund persönlicher Kontakte oder in Gedanken an Menschen, die uns nahe stehen. Zur Schatzinsel waren wir in Gedenken an einen besonderen Menschen aus Deinem Umfeld, Bianca. Den Text habe ich damals schon jemandem gewidmet:

    http://literatwo.wordpress.com/2011/06/28/literatwo-auf-der-schatzinsel/

    Heute die Geschichte für eine kleine große Frau zu lesen berührt mich. Mehr als Du ermessen kannst. Es ist eine Hommage für einen Menschen, der fehlt. Eine Grande Dame der Bücherwelt, die mehr hinterlässt, als einen Namen. Projekte für Kinder, Teilen können und aufrecht bleiben, obwohl das Leben oft erdrückend war – ich denke, dies charakterisiert sie auch aus der Ferne.

    Ich denke jeden Tag an die kleine Oma… denn sie war es, die Deine Millionen Bücher in Empfang nahm, während Du im Job warst… und über jedes dieser Bücher habt ihr lange gesprochen. Ich denke nur an „Jacob beschließt zu lieben“…

    Ich denke oft an sie, obwohl ich sie nie getroffen habe. Ich stelle mich gerne in die Reihe der Nussknacker und denke voller Hochachtung an den Menschen, der Dir so viel gegeben hat….

  2. Ooooh, was für eine wunderschöne Geschichte, liebe Bini!
    Fast bereue ich es, dass ich sie erst jetzt entdecke. Aber auch nach der Weihnachtszeit sind es Zeilen, die mein Herz berühren. Denn sie erinnern mich an meine Oma. Ich hatte ihr Bild vor Augen. Auch sie liebte Geschichten und hatte uns als Kinder immer ihre selbsterfundene Geschichten erzählt, wenn wir bei ihr in den Ferien waren.
    Ein großes Lob an dich, liebe Bini, für diese Geschichte!
    *Drückdich*
    Mirjam

Vorhang auf für eure Worte...