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Am heutigen Tag, kurz vor dem 100. Jahrestag der Titanic-Katastrophe und im Rahmen unserer Artikelserie zu diesem immer noch aktuellen Thema, möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich in eine Zeit zurückzuversetzen, die längst vergangen ist. Ein Kinderbuch von einst liegt in meinen Händen und ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass kein anderes „Bilderbuch“ mein Denken und Fühlen so nachhaltig beeinflusst hat, wie dieses magische Werk.

Es ist schön, endlich darüber zu schreiben – es ist schön, den Gefühlen zu diesem Buch freien Lauf zu lassen und es ist ein Wunder, mich heute wieder von der Geschichte verzaubern lassen zu dürfen. Dies passiert mir nie alleine, denn auch Bianca ist inzwischen im Besitz eines der wenigen noch verfügbaren Exemplare des Buches… ein schönes Gefühl!

Der Nebel lichtet sich und das Signalhorn der Titanic zerreißt die Stille des anbrechenden Tages. Ein kleiner Junge befindet sich auf dem Promenadendeck – sorglos und ganz in sein kindliches Spiel mit einem Kreisel vertieft. Douglas Spedden ist sieben Jahre alt und ein glückliches Kind. Als Sohn reicher Eltern genießt er den Luxus der Überfahrt als Passagier der Ersten Klasse.

Behütet von seinen liebevollen Eltern und gehegt von seinem Kindermädchen „Muddie Boons“, erfreut sich der kleine Douglas seines Lebens und fühlt sich sicher. In seiner Begleitung befindet sich „Polar“ – der wohl erste „Begleitbär“ der Weltgeschichte. Der originale Steiff-Eisbär ist sein wahrer Lebens- und Weggefährte. Sie feiern gemeinsam Geburtstag, gehen baden und teilen die schönsten Stunden eines noch so jungen Lebens. Keinen Schritt geht Douglas ohne seinen Bären. Polar und Douglas – eine große Freundschaft, die nur nachempfinden kann, wer seine Kindheit in den Armen eines Steiff-Teddys verbringen durfte….

Die scheinbare Ruhe an Bord ist diejenige vor Beginn des Sturms. Es sind die letzen Minuten vor der Kollision – die letzen Minuten im Leben der meisten Passagiere der Titanic.

Das Drama nimmt seinen Lauf, doch die Speddens scheinen in dieser Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 im Glück zu baden. Sie finden Platz in einem Rettungsboot. Die gesamte Familie entkommt und der glücklichen Fügung des Schicksals ist es zu verdanken, dass auch Douglas` Vater einsteigen darf, da sich nicht genügend Frauen und Kinder eingefunden haben. Diese freien Plätze sind ein Privileg und Verpflichtung für das zukünftige Leben. Die Speddens kümmern sich fürsorglich um die anderen Bootsinsassen, bevor sie nach Stunden des bangen Wartens an Bord der Carpathia endgültig in Sicherheit sind.

Und Polar ist mit an Bord… ein unglaublicher Zufall hat auch den Steiff-Eisbären in das Rettungsboot gespült….

Soweit die wahre Geschichte von Douglas Spedden.

Sie ist so wahr, wie das Original-Photo des Jungen während seines Spiels mit dem Kreisel. Sie ist so wahr, wie die Filmsequenz im großen Titanic-Film von James Cameron, in der er dem kleinen Jungen ein cineastisches Denkmal setzt. Und die Geschichte ist wahrhaftiger als wahr, weil genau am Tag der Rettung das Schicksal schon zu wissen schien, dass keine Rettung ewig währt.

Daisy Corning Stone Spedden schrieb aus Dankbarkeit für diese Rettung und als lebenslange Erinnerung für ihren Sohn ein Kinderbuch. Nur für ihn. Weihnachten 1913 fand der kleine Douglas ein liebevoll gestaltetes Bändchen mit dem Titel Polar – Der Titanic Bär unter dem Tannenbaum. Aus der Perspektive des Teddys war es Daisy Spedden gelungen, das Drama des vergangenen Jahres niederzuschreiben und damit auch schließlich den großen Schrecken dieser Nacht zu verarbeiten. Liebevoll beschreibt sie den „tapferen“ Bären, der an der Seite ihres Sohnes zu einem mutigen und herzlichen Glücksbringer zu werden scheint.

Das Buch heute in Händen zu halten macht nachdenklich und betroffen… Es ist der Ausschnitt einer wahren Geschichte und das Symbol für die Dankbarkeit einer Mutter, die das Überleben ihres einzigen Kindes unsterblich machen wollte. Ihre Tagebücher waren ihr dabei die wohl wichtigste Hilfe.

Das ist Daisy Spedden nicht gelungen…. Leider nicht… Drei Jahre nach dem Untergang der Titanic rannte der nun neunjährige Douglas auf die Straße, wurde von einem Auto erfasst und getötet. Seine Mutter schrieb keine Zeile mehr in ihre Tagebücher… keine einzige. Sie starb 1950, nur drei Jahre nach ihrem Ehemann Frederic. Douglas blieb ihr einziges Kind. Ihr Weihnachtsgeschenk für ihn, die Geschichte von „Polar, dem Titanic Bären“, dessen Einband sie liebevoll selbst gezeichnet hatte, wurde später in ihrem Nachlass gefunden und 1994 erstmals veröffentlicht.

Das Buch wurde mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet und ist inzwischen in der 15. Auflage in der Originalfassung verfügbar. Es ist ein Schatz, der die Zeit überdauert hat. Es ist die Geschichte die Dankbarkeit, eine der größten Tragödien der Neuzeit überlebt zu haben. Und doch ist es traurig… weil man erkennt, dass Rettung nicht ewig währt….

PS: Niemand weiß, was aus Polar wurde. Seine Spur verliert sich mit dem Tod des kleinen Douglas. Bis zu diesem Tag war er auf jedem Familienbild zu sehen: unter dem Weihnachtsbaum, im Schnee und bei Geburtstagsfesten. Die Bilder sind Teil des Buches… sie machen es zu einem wichtigen Buch.

Ich denke, Polar hat Douglas auch auf seinem letzten Weg begleitet und ist niemals von seiner Seite gewichen. Beschützerbären verlassen ihre Freunde nicht… Beschützerbären sind eben so.

Gewidmet:
Bastian Bär
dem einzig legitimen Beschützerbären des 21. Jahrhunderts,
der Polars Erbe mehr als würdig angetreten hat.

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