Schizo ~ Nic Sheff
Schizo – Trau niemandem. Vor allem nicht dir selbst.

Bist du Schizo?

Miles ist Schizo, zumindest sagen das die Ärzte. Schizo – groß prangen die Buchstaben auf dem Cover, welches in Farben gehalten sind, die für die Augen Gift sind. Diesen Effekt soll der Leser aufnehmen, schon beim Blick aufs Cover soll ihm der Kopf dröhnen. Es soll regelrecht summen und hämmern, denn der Roman soll schon unaufgeschlagen signalisieren, dass er in seinem Inneren genau so sein wird, wie er von außen scheint.

Miles Eltern sind seit dem Verschwinden von Teddy, ihrem jüngsten Sohn, und dem Ausbruch seiner Krankheit, anders. Jeder verhält sich möglichst so, dass er selbst geschützt ist und selbst niemandem mehr Schaden zubereitet. Seit Teddy weg ist, wurde nicht mehr über ihn gesprochen. Die Suche nach ihm wurde eingestellt, denn das Unglück liegt gute zwei Jahre zurück und in der Wohnung gibt es kein Anzeichen, dass Teddy je gelebt hat.

Miles allerdings hat nie aufgehört an Teddy zu denken. Für ihn gibt es nur einen Weg, um seine Familie wieder zusammen zu bringen. Er muss Teddy finden und er weiß, dass sein Bruder lebt, er spürt es. Miles hat früher gekifft, jetzt raucht er nur noch. Sein Vater unterstützt dies, schließlich soll er wenigstens das dürfen können. Miles ist sonst schon gestraft genug. Seine Anfälle, seine ständigen Kopfschmerzen – die vielen Medikamente die er täglich nehmen muss. Schizophrenie – so die Diagnose.

Schizo ~ Nic Sheff
Schizo – Trau niemandem. Vor allem nicht dir selbst. ~ Nic Sheff

Miles will nicht glücklich sein, bevor er Teddy gefunden hat. Er gibt sich die Hauptschuld, denn hätte er keinen Anfall gehabt, wäre Teddy noch da und seine Familie hätte weniger Sorgen. In dem Moment in dem Miles sich auf die Suche begibt, kehrt Eliza zurück aus New Orleans. Eliza. Miles erste große Liebe und gleichzeitig das Mädchen, welches ihn damals am meisten weh getan hat. Sie ist zurück und sie mag mit Miles reden, sie ist bei ihm, sie mag ihn und dann passiert, was passieren musste: Miles kotzt.

„Ich meine, wie könnte ich was mit einem Mädchen anfangen, während Teddy noch immer irgendwo da draußen ist, verschwunden, wegen mir? Wie könnte ich mir erlauben, auf irgendeine Art glücklich zu sein?“ (Seite 65)

Miles schwirrt der Kopf – er sieht überall Krähen, in seinem Kopf ist das große Chaos ausgebrochen, es hämmert ein übler Schmerz, ihm ist schlecht und seine Konzentration ist am anderen Ende der Welt. Für seine Krankheit hat er keine Zeit, er ist es leid, ständig Tabletten zu schlucken.Tabletten die ihm nicht helfen. Ihm kann nur Teddy helfen.

„Fluoxetine, 60 mg am Tag, ähnlich wie Prozac, ein Antidepressivum, und dann Lamictal, 200 mg am Tag, ein Stimmungsstabilisator. Dann Lithium, 800 mg am Tag, und Depakote, 300 mg am Tag, die etwas aufbauen, das man graue Zellen nennt, was auch immer das ist, soll gegen die schnellen paranoiden Gedanken und die Wahnvorstellungen helfen. Und dann Abilify, 10 mg am Tag, speziell gegen die Schizophrenie. Und Zyprexa, 10 mg am Tag, das letzte Medikament, das mir verschrieben wurde.“ (Seite 123)

Miles spült alle Tabeltten weg und macht sich auf eine unbenebelte Suche…

Schizo ~ Nic Sheff
Schizo – Trau niemandem. Vor allem nicht dir selbst.

UFF! Nach diesen knapp 270 Seiten musste ich erstmal tief Luft holen. Autor Nic Sheff weiß worüber er schreibt, denn er weiß selbst, wie es sich anfühlt, den Sinn für die Realität zu verlieren, so steht es auf der Homepage vom Fischer Verlag. Er hat selbst viele der im Werk geschilderten Situationen erlebt. Durch dieses Wissen gewinnt Schizo gleich noch mehr Tiefe. „Traue niemandem. Vor allem nicht dir selbst.“ – so der Untertitel des Romans. Wirkt das Cover eher uneinladend und abschreckend auf mich, verhält es sich mit dem Titel und dem Untertitel genau anders herum. Die Worte zogen mich magisch an.

Die ersten Seiten habe ich nur so verschlungen, denn das erste Treffen mit Miles ist spannend und die kurzen und prägnanten Sätze sorgen für einen rasanten Handlungsaufbau. Der in 4 Teile gegliederte Thriller, zieht einfach in den Bann. Gerade für Leser die sich auf das Thriller-Neuland begeben wollen, ist dieser Roman geeignet. Er ist nicht blutig, er ist nicht richtig grausam, er ist nicht psycho – er ist SCHIZO.

Ich habe noch nie einen Roman über einen jungen Protagonisten mit Schizophrenie gelesen. Nic Sheff hat mir gezeigt, was es heißt, Schizophren zu sein und hat mich in Miles Leben entführt, in seine Welt und ich habe ihm getraut. Ich habe den Untertitel ignoriert und Miles an die Hand genommen. Die Erkenntnis am Ende des Werkes, hat mich sprachlos gemacht. Mehr kann ich dazu nicht sagen, ihr müsst selbst erlesen, was euch an seiner Seite passiert. Ich habe wahnsinnig viel in dieser Lesezeit gelernt und habe meine Hochachtung vor den Betroffenen. Das Leben kann auch mit einer psychischen Krankheit lebenswert sein – dies will Nic Sheff mit seinem Werk zeigen und das ist ihm gelungen. Er gibt mit diese Werk jede Menge Mut und Hoffnung und er öffnet mit dieser Geschichte die Augen im Umfeld des Betroffenen.

Nic Sheff zieht an den Fäden namens Liebe, Krankheit, Familie und Freunde und verknotet diese zu einem unvergesslichen Thriller! LESEN!

Ob ihr krank seid oder nicht – denkt immer an Miles Worte:

„Die Wahrheit darüber zu sagen, wer ich bin und was mit mir los ist, das ist das Wichtigste. Es mit den anderen zu teilen. Um Hilfe zu bitten.“ (Seite 263)

Eure

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