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Manche Bücher springen uns Leser sofort an, da kommt keine Frage auf, ob man es lesen sollte oder nicht. Andere Bücher bewegen uns überhaupt nicht, da stellt sich die Frage von vornherein nicht. Doch einige Bücher stehen genau dazwischen. Für mich war das „tschick“.

Ich sah es immer wieder, ob vor Ort im Buchgeschäft, auf der Buchmesse oder bei Freunden im Regal. Und doch entschied ich, es nicht zu lesen. Nach fast einem Jahr nun habe ich es getan und zwar wegen Benedict Wells. Ja genau der Benedict Wells, dessen aktueller Roman „Fast genial“ heißt, hat mir dieses Buch ans Herz gelegt. Er hat mir eine persönliche Widmung hinein geschrieben, in der steht, dass ich „Tschick“ unbedingt lesen soll. Er liebt dieses Buch und es wäre Pflicht es zu lesen, also folge ich seinen Worten und finde mich im Verhörraum der Autobahnpolizei wieder.

Dort sitzt Maik Klingenberg, vierzehn Jahre jung, der einfach nur Maik genannt wird. Früher hieß er mal Psycho, ansonsten nur Maik, denn Langweiler haben keine Spitznamen. Ich sitze ihm gegenüber und schaue ihn an. Er ist voller Blut und hat sich in die Hose uriniert, außerdem steh er total unter Schock. Dann fällt er ohnmächtig vom Stuhl und ich finde mich mit ihm im Krankenhaus wieder, der eindeutig beste Ort für ihn. Was er erlebt hat, muss schlimm gewesen sein, ich vermute einen Unfall mit dem Auto auf der Autobahn, das scheint mir am Wahrscheinlichsten.

Die Gedankenwelt dreht sich bereits jetzt darum, wie denn der Weg bis zur Autobahnpolizei aussah und was Maik erlebt hat. Er ist unscheinbar, langweilig, seine Eltern sich reich und er ist gut in der Schule. Ihn nimmt keiner wahr, er hat keine wirklichen Freunde und ist in ein Mädchen aus seiner Klasse verliebt. Tatjana Cosic ist ihr Name und mit ihr begann alles, jedenfalls dank dem sonderbaren Neuling in der Klasse. Ein Russe, Andrej Tschiachatschow, kurz Tschick, denn dieser Name ist unaussprechlich. Denn dieser besuchte Maik an einem Nachmittag in einem selbst aufgebrochenen und gestohlenen Auto. Ein sonderbarer Mensch, der einen merkwürdigen Lebenslauf hat, aber dennoch sympathisch auf Maik wirkt. Er schien in sein langweiliges Leben etwas Farbe zu bringen und da seine Mutter mal wieder auf der Schönheitsfarm ist, eigentlich eine Entzugsklinik, und sein Vater auf Dienstreise, eigentlich mit seiner Freundin im Urlaub, bietet sich es für Maik an, die Freiheit zu nutzen. Er wusste sowieso nicht, was er mit sich anfangen sollte, denn die Ferien hatten begonnen und seine Gedanken drehten sich ununterbrochen um die Party von Tatjana, zu der er nicht eingeladen worden war.

Trotz aller versuchter Widerrede, lässt sich Maik darauf ein, mit ihm eine Runde im alten Lada zu drehen. Während der Fahrt kommt Tschick noch auf eine viel bessere Idee, sie sollten bei der Geburtstagsfeier vorbei fahren und das wundervolle Geschenk für sie abgeben, was Maik für seine Liebe in wochenlanger Arbeit angefertigt hatte. Eine Zeichnung von ihrem großen Idol, Beyonce. Egal was Tatjana sagt, ihr einfach das Bild in die Hand drücken, umdrehen, wegfahren. Weit weg, raus aus Berlin, bis in die Walachei, die es im Gegensatz zur Pampa wirklich gibt, um bei Tschicks Großvater die Ferientage zu verbringen. Maik gibt nach und sein Selbstbewusstsein wächst, denn mit diesem Schritt könnte er sein Langweilerimage abschütteln. Er stimmt ein und setzt sich ins Auto neben Tschick um loszufahren, in der Hoffnung nicht erwischt zu werden und endlich mal etwas ganz anderes, nicht ganz ungefährliches zu machen. Die Reise mit Ziel aber keinem genauen Routenplan beginnt und verwandelt sich in eine rasante Fahrt.

Wolfgang Herrndorf konfrontiert den Leser gleich zu Beginn des Romans mit dem Ende. Ein guter Schachzug, wenn man es schafft, den Leser ordentlich unter Spannung zu setzten und ihm bis dahin eine plausible Geschichte erzählt, deren Inhalt auch wirklich fesselt und berührt. Ich kann sagen, ja, Herr Herrndorf, sie haben es geschafft und Danke an Benedict für diese Empfehlung. Ein Roadmovie über zwei besonders unterschiedliche Jugendliche, aus Sicht von Romanfigur Maik erzählt. Authentisch durch die Sprachweise und das Verhalten der beiden Abenteurer, fühlt man sich während des Lesens, als ob man auf der Rückbank sitzt. Die Charaktere selbst, wie auch ihre Reiseerlebnisse sind mit viel Humor ausgestattet, der ab und an so trocken ist, dass ein lautes Loslachen nicht zu unterbinden ist. Herr Herrndorf lässt aber nicht nur den fröhlichen Themen Platz, sondern beleuchtet ganz gezielt das Thema Freundschaft, was gegenseitiges Vertrauen und den Zusammenhalt wenn es hart auf hart kommt, beinhaltet. Das Ende des Romans ist vielleicht nicht das gewünschte, aber es ist plausibel und sehr realistisch.

Ein Roadmovie für den Sommer, mit Lachgarantie, aber auch ernstem Hintergrund.

Einfach tschick…

tschick
Hardcover
16,95€
Rowohlt Verlag
 
Traurige Aktualisierung:

In der Nacht auf den 27. August 2013 ist Wolfgang Herrndorf im Alter von 48 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben.

Mit seinem literarischen Roadmovie „Tschick“ hat er uns in seine ganz eigene Welt entführt. Literatwo gedenkt einem großen zeitgenössischen Schriftsteller, der wohl mehr Ideen mit ins Grab nimmt, als ihm das Leben zu Schreiben Zeit gelassen hat….

3 comments on “„tschick“ – Lesen? Oder doch lieber nicht?”

  1. Unbedingt Lesen!!! Ich bin fast genau so immer wieder über dieses Buch gestolpert und habe es sogar ein bisschen deshalb gekauft, weil ich dieses Cover irgendwie so schick (oder tschick, ha!) fand. Und eigentlich kaufe ich sogar fast nur Taschenbücher, weil mir sonst irgendwann das Geld ausgeht. Das war in diesem Fall aber auch jeden einzelnen Cent wert. Ich habe es so genossen und kann es einfach nur weiter empfehlen. Tolle Rezension, Binea. Und wer noch mehr wissen möchte über den Autor, dem sei sein Blog „Arbeit und Struktur“ empfohlen http://www.wolfgang-herrndorf.de. Da lernt man den Autor von einer ganz anderen Seite kennen, im Kampf gegen seinen Hirntumor. Ich bin immer wieder schwer beeindruckt davon.

  2. Unbedingt lesen, wenn man unter 30 ist. Ich glaube, nur dann kann man diesem Roadmovie wirklich alles abgewinnen ……. für mich war es o.k. es zu lesen, aber ein 5 Sternebuch war es nicht für mich.

    Ja, auch der Lesegeschmack variiert und das ist auch gut so!

Vorhang auf für eure Worte...