Wir Tiere -
Wir Tiere – ein Lustkauf der im Magen nachwirkt

Ein Lustkauf ist ein Lustkauf, wenn aus großer Lust auf genau das Buch, was man gerade in den Händen hält, gekauft wird.

Wir Tiere (DVA) kaufte ich eingeschweißt, ohne es vorher geöffnet zu haben. Ich war mir sicher, dass es zu mir passt, die Worte auf der Coverrückseite fesselten mich.

„WIR wollten mehr. Wir schlugen mit den Löffeln gegen die leeren Schüsseln; wir waren hungrig. Wir wollten mehr Krach, mehr Spaß. Wir wollten Beats: wir wollten Rock. Wir wollten Muskeln an unseren dürren Armen. Wir hatten Vogelknochen, hohl und leicht, und wir wollten mehr Gewicht. Wir waren sechs schnappende Hände, sechs trampelnde Füße; wir waren Brüder im Kampf um mehr.“

Ich wollte mehr. Lesestoff der mich umhaut. Lesestoff der aus der Reihe tanzt. Lesestoff der zum Diskutieren anregt. Lesestoff der aggressiv ist. Lesestoff der provoziert. Lesestoff der erschüttert. Lesestoff der aufreibt.

WIR TIERE – ist das MEHR!

Wir Tiere -
Wir Tiere – Manny, Joel und ER

Nach dem Kauf und nach dem Entfernen der Folie, merkte ich, dass ich zu einem Debüt gegriffen hatte. US-amerikanische Gegenwartsliteratur aus der Torres-Feder. Ein New Yorker Autor der mir nett vom Buchumschlag entgegenlächelt. Tattoos auf den Armen, Hemd, Silberkette – der erste Blick, der erste Eindruck – sympathisch.

WIR sind Manny, Joel und ER. Er ist der namenlose Bruder. Die Erzählstimme.

Das Getto ist ihr Zuhause. Die Eltern – die Mutter eine Weiße, der Vater ein Puerto Ricaner; die drei Söhne – eine explosive Charaktermischung. Sie wollen mehr, sie wollen alles, sie wollen toben, sie wollen schlagen, sie wollen ausbrechen, sie wollen aufwachsen und sie wollen sich selbst in den Mittelpunkt stellen und das Beste aus sich herausholen. Im Brooklyn-Getto. Sie wollen sich ausprobieren, sie wollen die Grenzen durchbrechen, sie wollen Liebe, aber sie wollen auch Gewalt. Sie wachsen auf in einem Zuhause, was bildlich gesprochen keine Wände hat, keine Grenzbemalung.

Wir Tiere -
Wir Tiere – kein Ja & kein Nein

Es gibt kein Ja und kein Nein, es gibt nicht nur Liebe, sondern auch Schläge und Tritte. Die drei wollen selbst lieben und schlagen.

Manny und Joel haben sich mit ihrer Rolle im Getto angefreundet, leben sich in ihrem Heranwachsen dort aus, wo sie auch für immer bleiben werden. Ihr Bruder allerdings beginnt nach und nach umzukehren, sich gegen den Strom zu richten. Trabten sie bisher wie ein Tierrudel nebeneinander, aufeinander, untereinander, miteinander her, kapselt er sich jetzt ab. Zwei gegen einen – Brüder gegen Bruder – Revierkämpfe. Er kann es schaffen, wenn er will, denn er hat die wachen Augen, er hat erkannt, er hat die Noten dazu und er hat die Hirnwindungen, die seine Brüder nie haben werden. Er kann aus dem Getto auftauchen.

Er könnte die erste Wand, die erste Grenze in der Familie ziehen.

Wir Tiere - Klartextkapitel
Wir Tiere – Klartextkapitel

Justin Torres hat es geschafft mir seine Autorenfaust in den Leserbauch zu rammen. Genauso habe ich es mir ehrlich gesagt vorgestellt. Dieses Gefühl des Steins im Magen, schweres Verdauen von schmerzenden, schweren Worten.

„Wir lebten in einer Traumzeit.“ (Seite 15)

Er hat es geschafft, er hat mich in seinen Bann gezogen und mir eine Familie vorgestellt, die nicht einzuordnen ist. Anziehend und abstoßend zu gleich. Liebevoll und gewalttätig, aber auch nett und unfreundlich. Eine Familie die auf einem Seil aus einer Mischung von Liebe und Gewalt balanciert.

„Wir schlugen immer weiter; wir durften sein, was wir waren, verängstigt, rachsüchtig – kleine Tiere, die sich an das krallen, was sie brauchten.“ (Seite 71)

In kurzen Kapiteln mit einschlägigen Überschriften hangelt sich der Autor durch die Kindheit der drei Brüder. Er lässt die drei pubertierenden Tiere voller Übermut auf die Leser los. Sie haben sich von den Leinen um ihren Hälsen befreit und doch werden sie ab und an in ihre Hütten zurück geprügelt, von Eltern, die selbst noch nicht erwachsen sind und keineswegs mit sich klar kommen. Ein Pulverfass namens Eltern was Liebe und Schutz geben kann, sich aber auch gern in die Schussbahn stellt und in Hass hüllt.

Wir Tiere - Justin Torres
Wir Tiere – wildes Lesen

Als Leser spürt man die Vibrationen, möchte gern helfen, schreien, mit den Jungs toben, sich wie ein Tier benehmen und doch gerade bei sexuellen Handlungen eingreifen und verhindern.

Doch die Machtlosigkeit zeigt sich dann, wenn man erkennt, dass hinter manchen Taten doch kein Mut steckt, sondern eher erzwungener Verfall, denn Anderssein grenzt ab.

Aus WIR wird ER, aus ER wird WIR.

Während ich diese Zeilen schreibe muss ich an Bushidos „Alles verloren“ denken, die Grundmelodie verbinde ich mit diesem Werk.

Dieser Roman beinhaltet wahnsinnig viel Diskussionsstoff – kein Roman den man schließen kann. Er bleibt offen, denn es gibt zu viele Fragen und eine große Schlusswendung, die Lesermünder offen stehen lässt. Vor Verblüffung, vor Überraschung, ich glaub aber vor allem aus Schmerz – ich spüre den Abdruck eines Schlages auf meiner Haut.

Es muss darüber geredet werden!

0 comments on “WIR TIERE – Justin Torres”

  1. Ein wirklich großartiges Debüt! Ein schmales Buch, das mit Wucht und Zärtlichkeit so viel erzählt. Ich erwarte schon jetzt mit großer Vorfreude das nächste Buch von Torres!! Schöne Rezension

  2. Ich kann mich an dieser Stelle eigentlich nur noch den Worten von masuko anschließen – auch ich habe das Buch als eine großartige und sehr bewegende Lektüre in Erinnerung. ich kann nur hoffen, dass es viele Leser finden wird … 🙂

Vorhang auf für eure Worte...