Alles still auf einmal ~ Rhiannon Navin

„Alles still auf einmal“ müsste ich vor einer Schule fotografieren, denn der Roman handelt von einem Amoklauf an einer Grundschule. Und trotzdem habe ich die Bilder im Spreewald gemacht – dort ist es mindestens genauso still wie nach dem furchtbaren Attentat.

Rhiannon Navin hat mein Herz gedrückt und gequetscht und mich durch und durch bewegt. Wie ihr das gelingen konnte, warum nach der Stille Lärm folgt und wieso der Roman im Regal neben „Wir müssen über Kevin reden“ von Lionel Shriver stehen sollte, erzähle ich dir jetzt.

Als ihr Sohn zu ihr sagte: „Ich verstecke mich vor dem bösen Mann“ begann Autorin Rhiannon Navin über einen Amoklauf zu schreiben. Ihr Sohn übte das in der Schule, was wir auf den ersten Seiten des Romans erleben. Wir sind mit dem 6-jährigen Zachary Taylor im Wandschrank des Klassenzimmers und hören immer wieder dieses Geräusch – PLOP.

PLOP PLOP PLOP

Wir hören Schreie und immer wieder dieses Plop. Dann: Stille. Dann werden wir von der Polizei aus dem Schrank geholt, in eine Kirche gebracht und ich war dankbar, dass Zachs Eltern schnell da waren. Und dann der finale Schlag in die Magengrube, ausgelöst durch die Frage von Zachs Mutter: „Zach, wo ist dein Bruder?“ (Seite 30)

Schon auf den ersten Seiten fesselte mich die Autorin, ich nahm den kleinen Zach an die Hand und wurde von Gefühlswellen überspült. Bereits der Amoklauf an sich hat viele Bilder vor meinem Auge entstehen lassen, zu oft habe ich in den Nachrichten davon gehört und gesehen. Hautnah dabei zu sein, verlangt von Erwachsenen viel ab. Umso schlimmer zu lesen, wie es Zach danach geht. Er steht unter Schock und kann kaum begreifen, was es bedeutet, dass sein Bruder Andy tot ist. Überhaupt hat er die Tat noch nicht verarbeitet, seine Mutter ist in tiefer Trauer, auch sein Vater hat zu Beginn kaum ein Ohr für ihn.

Zach flüchtet in Andys Wandschrank, in die Welt der Bücher und er versucht selbst seine Gefühle zu verarbeiten…

Alles still auf einmal ~ Rhiannon Navin

Intensive Gefühle

Ganz ehrlich – mir stehen schon wieder die Tränen in den Augen und ich bin verdammt froh, diesen Roman gelesen zu haben. Autorin Rhiannon Navin (dtv) schreibt uns Leser so verdammt nah an den kleinen Zach. Und sie hätte den Roman aus keiner anderen Sichtweise so intensiv erzählen können. Dieser kleine 6-jährige Zach – naiv, ein Kind, ehrlich und direkt – das sitzt, schlägt direkt ins Herz.

„…du warst jedenfalls die ganze Zeit ein richtiges Arschloch zu mir.“ (Seite 161)

So auch die Worte, die er zu und über seinen toten Bruder sagt. So verdammt ehrlich, ein Kind eben und doch vermisst er ihn und empfindet große Trauer.

Rhiannon Navin lässt uns ganz nah diese verdammt schwere Zeit erleben, in der Zach nicht nur seinen Bruder, sondern gefühlt auch seine Eltern verliert. Seine Mutter verändert sich, sie will ihren Sohn an den Eltern des Attentäters rächen und gibt ein Interview nach dem anderen. Zachs Vater ist bereits vor dem Amoklauf wenig zuhause gewesen, er hat sich aus dem Familienleben zurück gezogen und kann nicht begreifen, warum seine Frau diesen falschen Weg geht. Die Familie zerbricht…

Zach – Vorbild & Mutmacher

Und Zach? Zach spürt Ablehnung, Zurückweisung, wird zum Bettnässer – er steht am Rand und keiner kümmert sich um ihn, obwohl er die Betreuung dringend braucht.

Zach ist mutiger als alle anderen, denn er ist nicht so verbohrt wie die Erwachsenen, er hat einen Kinderkopf und Mitgefühl – seine Gedanken sind rein und frisch und Zach hat einen Plan, wie sie ihr krank vom Traurigsein überwinden können.

Wahnsinn – eine Vielzahl an Gefühlen hat mich beim Lesen erreicht – ich war wütend, traurig, fassungslos, schockiert, still, bewegungsunfähig und doch voller Hoffnung. Ich wünschte, Zach in den Arm nehmen und ihm sagen zu können, dass er mir Mut gemacht hat und ein echtes Vorbild ist.

Dringende, ausdrückliche Leseempfehlung!

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