Kategorie: Artikel / Buchvorstellung / Rezension

[Binea & Mr. Rail] Acht Minuten… im Gespräch mit Péter Farkas

 

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51e9Vq0N2FL._SY344_BO1,204,203,200_.jpgAlles das entschädigte ihn aber nicht einmal annähernd
für seinen Verlust. 
Lesen war nämlich seine dritte Natur.

Und er war noch immer nicht so weit,
diesen dritten Teil seines Lebens

ohne das Gefühl eines herben
Verlustes zu verschmerzen.

Der Verlust der Lesefähigkeit
traf ihn wie eine überaus langsame,

tückische, aber unaufhaltsam
fort­schreitende Lähmung.

Das Sonnenlicht benötigt genau acht Minuten, bis es die Erde erreicht. Ein langer Weg. Genau acht Minuten würden wir in trügerischer Ruhe leben, wenn die Sonne bereits aufgehört hätte zu existieren. Acht Minuten der Ahnungslosigkeit würden uns bleiben, bevor die Dunkelheit alles Sein vernichtet. Acht Minuten in scheinbarer Helligkeit… Acht Minuten nur.

Péter Farkas erzählt in „Acht Minuten“ von einem dementen Ehepaar, dem genau diese acht Minuten bleiben, bevor sich der Mantel der Dunkelheit über einen langen gemeinsamen Lebensweg legt. Farkas zeichnet trotz Alter und Krankheit ein versöhnliches Bild von den letzten Momenten der Selbstbestimmung, beschreibt liebevoll die Augenblicke der letzten aufflammenden Erinnerungen der beiden Liebenden, denen nichts auf dieser Welt die Würde zu nehmen vermag und macht uns zu atemlosen Wegbegleitern der zunehmenden Verdunkelung.

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[Binea & Mr. Rail] 3 im Interview mit Ralf Isau

Ralf Isau_Das Geheimnis der versteinerten Träume_4

Ralf Isau ist ein wahrer Fantasieautor. Er verzaubert, er schafft dem Leser unbegrenzte Welten und zieht mit seinen leichten Worten in den Bann. Als Leser träumt man sich förmlich immer mehr ins Buch zu den Protagonisten und durchlebt Abenteuer an Abenteuer. Zeit zum Aufwachen bleibt kaum, denn es folgen immer wieder Überraschungen, denen man sich stellen muss, überall lauert die Gefahr und es ist nicht immer ersichtlich, wer auf der guten und wer auf der bösen Seite steht. Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet und einfach sofort sympathisch. Ein auf keinen Fall steinernes Buch, sondern ein fantastisches, mystisches und geschichtliches Abenteuer.

Auf der Buchmesse in Frankfurt haben wir nicht geträumt, sondern im wachen Zustand ein Interview mit Ralf Isau zu seinem Roman “Das Geheimnis der versteinerten Träume” geführt. Vollkommen überraschend haben wir noch eine Leserin dazu geholt. Sie dachte ebenfalls, dass sie träumt, denn Nathalie hätte es nie für möglich gehalten, den Autor von dem sie alle Bücher verschlungen hat, in Wirklichkeit zu treffen. Sie war mehr als baff, stimmte aber sofort ein, mit zu unserem Termin zu kommen. Einem Autor mal ein paar Fragen stellen, na das wäre mal was. Sowas gibt es doch nur um Traum, dachte sie, doch wir bewiesen ihr das Gegenteil.

Vor unseren Fragen und Ralf Isau´s Antworten gibt es vorab die Rezension zum Buch.

Was habt ihr denn letzte Nacht geträumt?

War es ein schöner Traum, der hätte endlos weitergehen können oder doch ein ganz fürchterlicher, der nie wieder kehren soll? War es gefährlich oder liebevoll? Seid ihr erwacht und ward wie eigentlich alle normalen Menschen so im Bett wieder zu finden, wie ihr ins Bett gegangen seid oder habt ihr etwas aus dem Traum mitgebracht? Vielleicht ein Lebewesen oder einen Gegenstand? Hoffentlich nicht, denn sonst würde es euch bald wie Leo Leonidas gehen, dem Protagonist aus Ralf Isaus Roman „Das Geheimnis der versteinerten Träume“.

„Man muss sich etwas Neues ausdenken und es laut aussprechen oder singen. Eine Wortschöpfung, einen Reim oder eine Melodie. Dadurch setzt man eine Kraft frei, die mit der deiner Träume eng verwandt ist: die Energie der Fantasie.“

Wäre Doktor Herger Dabelstein nicht gewesen, wäre der 15-jährige Leo jetzt wahrscheinlich im Gefängnis oder in einer psychologischen Anstalt. Leo hat ein Traum in diese ganze Misere geritten. Dieses Problem hat er schon länger, ein echtes Traumproblem, denn er wacht auf und findet neben sich Gegenstände, ab und an sogar Lebewesen. Dieses Mal ist es der kupferne Wetterhahn von der Kreuzkirche. Leo ist perplex, soll er wirklich auf dem Dach der Kirche gewesen sein? Dr. Dabelstein hilft ihm, vorerst aus den Fängen der Polizei zu kommen, und lädt ihn zu sich an den Bodensee ein. Er leitet dort in Salem die Traumakademie und hält Leo für einen Traumschmied. Deren Eigenschaften ist es Dinge aus Träumen mit in unsere Welt zu bringen und eigene Träume zu erschaffen, beides ist bei Leo der Fall. Er hat Begabung und wechselt auf das Internat der YourDream Akademie, um dort beim Herstellen maßgeschneiderter Träume zu helfen.HIER geht es weiter…

Ralf Isau_Das Geheimnis der versteinerten Träume_2

Herr Isau, wir haben Ihnen soeben Nathalie vorgestellt, die wir direkt vom Bücherregal weggeholt haben und fragten, ob Sie spontan beim Interview mit dabei sein möchte. Sie stimmte sofort zu, da Sie erst gar nicht glauben wollte, dass dies so einfach geht.

Wie wichtig ist Ihnen der direkte Kontakt zu Ihren Lesern?

Mir ist dieser sehr wichtig, denn ich habe gern, wie man sprichwörtlich sagt: “Das Ohr auf der Schiene”. Ich möchte wissen, wie der Leser tickt und dieser direkte Kontakt hat ein großes Gewicht. Ich genieße das vor allem hier auf der Buchmesse und bei Lesungen.

Die meisten Leserstimmen werden sicher positiv sein, aber gibt es ab und an auch negative Stimmen, die direkt persönlich an Sie heran getragen werden?

Natürlich gibt es auch diese, zum Glück aber eher selten. Dennoch möchte ich mir auch diese Kritik anhören. Wenn es nämlich konstruktive Kritik ist, kann ich aus dieser etwas mitnehmen, weil diese Dinge dann meist im Ansatz auch berechtigt sind. Und genau diese regen mein Denken an und fließen dann in meine nächsten Arbeiten mit ein.

Wenn wir an das Buch denken und es vor uns sehen, fragen wir uns: wie träumt denn Herr Isau?

Meine Träume sind so wie bei den meisten Menschen. Man träumt und nach dem Aufwachen hat man diese auch gleich schon wieder vergessen. Es soll ja die Möglichkeit geben, seine Träume selbst zu beeinflussen. Im Buch geht es ja genau um das Thema. Leider hat das bei mir selbst noch nicht ganz so geklappt, dieses Training habe ich noch nicht betrieben und träume von daher wohl ganz normal. Ich träume allerdings schon oft fantastisch und ich musste über das Thema “träumen” nun mal schreiben.

Das heißt, Sie passen in keine Traumkategorie der Personen hinein die auf der Traumakademie sind. Sie sind auch kein Traumwandler und können auch nicht einen Wetterhahn in Ihr Bett zaubern. Also ist der Roman eher sehr gute Fantasy, mit wenigen autobiographischen Zügen, oder?

Gute fantastische Literatur und Träume haben mich von Anfang an beschäftig, mein erster Roman hieß ja “Die Träume des Jonathan Jabbok” und in fast allen Romanen von mir gibt es zumindestens eine Passage wo es um einen besonderen Traum geht. Weil der Traum, wie ich finde, der unmittelbare Beweis ist, dass jeder Mensch Fantasie hat und in unseren Träumen erleben wir alle ab und an mal etwas, was es in Wirklichkeit nicht gibt. Nur wenige trauen sich zu, darüber mal eine Geschichte zu schreiben. Träume sind für mich die Schnittstellen zur Fantasy.

Während des Lesens dachte man immer wieder, dass vielleicht auch etwas Gegensätzliches zum Traum auftaucht. Der Albtraum. Dieser kommt allerdings nicht vor bzw. dieses Wort erwähnen Sie nie. Ist das Absicht, dass Sie die Träume positiv darstellen, trotz ihrer auch negativen Effekte?

Es gibt im Roman eine Welt, die wird angesprochen, aber nie genauer beschrieben. Allein der Eintritt in diese Welt ist schon schrecklich, denn die Protagonisten sehen, das jemand da hinein gezogen wird. Dies soll den Lesern einige Schauer über den Rücken laufen lassen und das soll genügen. Es gibt in der Fantasy gerade den Trend, sich an gruseligen Elementen, sogar richtigem Horror zu bedienen, welches allerdings überhaupt nicht meins ist. Deswegen habe ich dieses Tiefdunkle, den absoluten Albtraum nicht groß thematisiert. Das Träume zweischneidig sind, kann man aber klar erkennen.

Zum vollständigen Inverview auf dem Blog.Lovelybooks einfach HIER oder auf das Bild klicken.

Es wird spannend, denn Herr Isau verrät einiges zu seinem neusten Werk, an dem er aktuell schreibt...

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Hugo Cabret entdeckt das Kino in 3D

Hugo
Hugo Cabret ~ Brian Selznick

Nun ist es soweit. Der Filmstart ist für den 2. Februar avisiert und pünktlich zum Termin erscheint am 21. Januar im CBJ-Verlag das Buch zum Film. Dieses mehr als informative Werk trägt den einfachen Namen HUGO. Für uns ist dies ein großer Moment, da unser im Roman entstandenes Kopfkino sich zu realisieren scheint.

Der Roman hat uns damals fasziniert. Unsere Gedanken flogen nur so durch das Buch und wir haben sie in unseren Rezensionen festgehalten. Gut, dass wir dies gemacht haben… sehr gut sogar.

Ein Buch, in dem man sich vorstellen soll, dass man in einem Kinofilm sitzt. Bald wird die Vorstellung ganz in die Realität getaucht, denn Hugo Cabret wird wirklich auf die Leinwand kommen…

Die Leinwand wird lebendig, vor allem schon im Buch. Die Bilder fangen an sich zu bewegen und nicht nur Hugo Cabret lernt über Filme, einen ganz gewissen Filmemacher, deren Entstehung und Bedeutung für die Menschheit. Einen buchigen Stummfilm erwartet den Leser in Hugos Geschichte und bald erwartet den Zuschauer der vertonte Kinofilm. Ein außergewöhnliches Buch, ein dickes Buch mit vielen Bildern und dennoch Text, der tiefgründigen und auch geheimnisvollen Inhalt bereithält. Ein Buch, was das Auge beglückt, die Zeichnungen sind einmalig.

Die schwarz-weißen Bilder sind wundervoll gezeichnet und die Geschichte macht sie bunt. Ein Genuss ist es für das Auge, wenn die Bilder immer näher heran kommen, ein Heranzoomen bis ins kleinste Bilddetail über mehrere Seiten. Eine Mischung aus Lese- und Bilderbuch, eine einmalige Mischung, die begeistert und das auf jeder einzelnen Seite.

Ein Film im Buch, ein Buch im Film – ein Meisterwerk aus Text und Bild.

Und nun liegt er vor uns: der Vorbote des großen Ereignisses. Mit dem schlichten Titel Hugo versehen, nimmt uns Brian Selznick an die Hand und führt uns zum „Set“ des berühmten Regisseurs Martin Scorsese. Schon bei den ersten Bildern gehen die Augen in den Phantasiemodus über… wow… Deteailverliebtheit und die gediegene Qualität machen den Eindruck, dass hier wirklich ein Kunstwerk auf der Basis eines Kunstwerks entstanden ist.

Dies ist mehr als ein Blick hinter die Kulissen… dies ist ein Blick in eine Welt, die wir bisher nur in unseren Träumen sehen konnten. Ein Blick auf die Anfänge des Kinos, auf die Pionierleistungen von einst und ein Blick auf das alte Paris mit seinen malerischen Orten. Ein ganzes Buch wird real. Ein visuell angelegtes Meisterwerk visualisiert sich erneut und wir sind einfach glücklich, dass die Schauspieler und Orte so sehr unseren Vorstellungen entsprechen.

Wer „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ liebt, der wird „HUGO„, das Buch zum Film als einen wahren Schatz betrachten – und wer beides liebt, dem stehen wundervolle Momente im Kino bevor. Wir werden sehen! Und dies im wahrsten Sinne des Wortes!

Anna Gavalda…berührt vielseitig

Wir Literatwos haben Bücher in unserer Büchervilla, die kaum zählbar sind. Vor allem in den letzten Tagen sind eine Vielzahl von Neuerscheinungen bei uns eingetroffen. Natürlich reizen uns diese Bücher am Meisten, sie rufen am Lautesten. Und dennoch haben wir und vor allem nehmen wir uns die Zeit für die Buchschätze, die schon länger bei uns wohnen.

Ein bestimmtes Gefühl in mir, ließ mich in die Anna Gavalda Romanecke gehen und zu ihrem Buch „Ich habe sie geliebt“ greifen. Bisher konnte ich mit Anna Gavalda in dieser Gefühlslage nie etwas falsch machen.  Romane von einer Frau, für eine Frau, ohne das es sogenannte Liebesschnulzen sind, nein, das sind sie wahrlich nicht.

Stille Poesie.

Anna Gavalda – eine Autorin, die weiß, was es bedeutet emotional zu schreiben und das auf hohem Niveau. Sie schreibt gefühlvoll Klartext. Die Autorin benötigt weder eine Vielzahl von Protagonisten, noch Action, um Spannung zu erzeugen. Ihr reichen in diesem Werk einzig zwei Menschen, um den Leser in eine nachdenklich empfindsame Stimmungswelt zu entführen.

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[Vorankündigung] Die Flucht ~ Ally Condie

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„Als hätten die Vögel deinen Namen in den Himmel geschrieben.“

Dieses magische Zitat aus Ally Condies Die Auswahl beendete im letzten Jahr unsere gemeinsame Rezension auf Literatwo. Dieser Satz war allerdings nicht das Ende aller Hoffnungen auf eine baldige Fortsetzung eines Buches, das wir zu unserem Gewinner des Lesejahres 2011 gekürt haben. Und dies aus bestem Grund und mit den guten Füllern unterschrieben.

Bestimmung, Liebe und der Beginn eines fast aussichtslosen Kampfes gegen ein allmächtiges System – diese Faktoren haben uns zu Weggefährten von Cassia werden lassen. In einer Gesellschaft der Zukunft wird sie „gepaart“ – eine von der Regierung arrangierte Partnerschaft soll ihren zukünftigen Lebensweg bestimmen. Dabei kann sie nicht klagen, fällt die Wahl doch ausgerechnet auf ihren besten Freund Xander. Keine unliebsamen Überraschungen und das System wird wohl wissen, was es tut. Diese Form von Ehevermittlung dient dem Überleben der Gesellschaft und die Partner sind nach Veranlagung, Erbmaterial und weiteren Parametern ausgewählt. Das System irrt nicht. Niemals…

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Bücher lösen Gedankenketten aus…

439_40109_109945_xxlVor einiger Zeit schrieben wir einen besonderen Artikel über das Buch „Ich habe den Todesengel überlebt“ von Eva Mozes Kor. Das Buch wurde zugeklappt, aber der Inhalt hat sich festgebrannt in die Leserseele und die Gedanken wurden angekurbelt.

So sah ich mich im KZ-Buchenwald ankommen. Damals war ich 14 Jahre, die Zeit vor meiner Konfirmation. In der DDR war es damals üblich, in den Jugendstunden das Thema Holocaust zu besprechen und ein Konzentrationslager zu besuchen. Auch heute ist dies oftmals noch so üblich. Während ich die Zeilen Eva Mozes Kor las, überkam mich ein mehr als bedrückendes Gefühl. Das Gefühl, welches ich während der Besichtigung in Buchenwald hatte. Beklemmung, Traurigkeit, Hass, Wut und Entsetzen.

Lange Gespräche mit Mr. Rail über das Buch, holten letztendlich noch mehr Erinnerungen an die Oberfläche. Das große Eingangstor mit der Aufschrift „Jedem das Seine“ machte mir damals Angst. Es zu durchschreiten, war als ob ich in eine anderen Welt ging, in die ich nie gehen wollte, die es für mich am Liebsten nie gegeben haben sollte. Eva Mozes Kor musste das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ damals in Auschwitz kennen lernen, ein Tor welches auch sie ganz sicher nie durchschreiten wollte. Ihr war kalt, mir war an diesem Tag kalt und doch war ich nur zur Besichtigung dort, sie musste um ihr Überleben kämpfen. Bedrückend, ungeheuerlich, eine Vorstellung die schmerzt.

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Das verbotene Eden – David und Juna

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Grünes Cover – die Farbe der Hoffnung – Thomas Thiemeyer überzeugte mich bisher immer…also auf ins verbotene Eden.

Die Leben hat sich verändert.

Seit dem Tagebucheintrag im März 2015 sind 65 Jahre vergangen. Die Menschheit hat sich innerhalb kurzer Zeit in die Steinzeit zurück katapultiert. Damals schrieb Dr. med Karl Freihofer seine Befürchtungen nieder. Er sah schon damals dem Grippeimpfstoff FLU-VACC mit großem Argwohn entgegen. Er hatte damals die Angst, dass der Wirkstoff sprunghafte Mutationen an Grippeviren auslösen könnte. Die Menschheit würde davon befallen werden und ein atypisches Verhaltensmuster an den Tag legen. Frauen und Männer würden sich hassen. Was er in Gedanken experimentierte, ist im Jahr 2080 bereits Realität.

Es gibt keinen Strom mehr, kein Gas, kein Öl, kein Fernsehen, keine Fortbewegungsmittel. Geschäfte sind geplündert, es herrscht Krieg zwischen den beiden Geschlechtern. Dies ist die Welt, in der Juna und David leben.

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HHhH – Ein Buchtitel?!

Himmlers Hirn heißt Heydrich_Laurent Binet_Literatwo

Außergewöhnlich – bereits das Cover zieht unsere Blicke an.
Außergewöhnlich – auch der Titel mit seinen vier Buchstaben, drei große und ein kleiner.
Außergewöhnlich – auch sein Inhalt, denn der Autor schreibt sein Buch, während der Leser es liest.
Außergewöhnlich – und doch so bekannt ist der Inhalt seines Werkes.

HHhH

Ein Buchtitel bestehend aus vier gleichen Konsonanten? Richtig gelesen. HHhH… Himmlers Hirn heißt Heydrich – ein geflügeltes Wort der französischen Resistance wird hier zum programmatischen Aufmacher. Ungewöhnlich der Titel – ungewöhnlich das Buch – in jeder Beziehung.

Der Roman ist in Frankreich erschienen und dies ist schon deshalb eine Bemerkung wert, da der Franzose sprachlich den Buchstaben H nicht beherrscht. Wie mag es sich angehört haben, wenn in einer kleinen französischen Huchhandlung nach diesem Roman gefragt wurde? Denn diese vier Buchstaben prangten auf der Originalausgabe, ist der deutsche Spottspruch doch im Französischen ebenso eingänglich, wie sämtliche Anglizismen in unserer Sprache.

Der historische Plot ist wohl schnell erzählt. Reinhard Heydrich, rassenideologischer Vordenker und Initiator aller technischen Fragen der „Endlösung“, Erfinder der Verfahrensweise eines realisierbaren „Genozids“ an der jüdischen Bevölkerung Europas wird im Jahre 1942 in Prag auf offener Straße erschossen. Die Attentäter rekrutieren sich aus der Gruppe nach England emigrierter Exiltschechen, die einzig zum Zweck des politischen Widerstands ihr Heimatland infiltrieren.

Schnell erzähltein Fallschirmabsprung in der Gegend von Prag, Unterschlupf in Prag, Auskundschaften der Routinewege des Platzhalters des großen Diktators und „Rums“AttentatOperation Anthropoid erfüllt und das dramatische Ende der „Terroristen“. Alles bekannt – keine Frage ist offen. Das ganze wurde beschrieben, vertont und verfilmt. Also – ein Buch von vielen zu einem bekannten Thema…. Dachten wir… und damit lagen wir falsch… so falsch…

Was der Autor Laurent Binet mit diesem Roman vorlegt ist wohl eines der ungewöhnlichsten Bücher, das in den letzten Jahren den Weg zu uns gefunden hat. Ein Buch im Buch, da er in vielen eingeschobenen und verwobenen Kapiteln nicht nur den Handlungsfaden spinnt, sondern auch die Entstehung des Romans in äußerst skurriler Art und Weise in das gesamte Geflecht mit einwebt. Er beantwortet sich selbst die Frage, warum dieses Buch geschrieben wird, er erliegt Täuschungen und Fehlinterpretationen, die er selbst im Fortlauf der Geschichte einräumt und korrigiert und er vergleicht sein Schaffen mit all Jenen, die sich diesem Thema zuvor genähert haben. Sensationell. Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell und Vaterland von Robert Harris begegnen uns auf der Suche nach der Wahrheit, verzerren diese, unterstreichen sie und lassen uns dann doch wieder mit Binet alleine. Die Bücher reden miteinander…. Wie immer…

Binea hat während des gemeinsamen Verfassens dieser Rezension ein passendes Bild für diese literarisch außergewöhnliche und teilweise etwas groteske Vorgehensweise formuliert:

„Sagenhaft was der Autor Laurent Binet mit mir macht… wie bei einem Fußballspiel, welches man kennt und in der Wiederholung sieht, geht er mit meinem Empfinden um. Ich kenne das Ziel, kenne den Tatverlauf und doch ist die Spannung vorhanden, aber er möchte nicht schnell zum Ziel kommen, spielt den Wortball in den Rückraum, dann ein Stück nach vorne, wechselt über die komplette Wortseite um etwas Lesezeit heraus zu holen, passt dann wieder nach vorne, beschleunigt ungemein, um dann kurz vor dem finalen Tor doch noch kurz zu stoppen, damit sich der Leser bereit machen kann für das was kommt…

Das tut Laurent Binet nicht nur für den Leser, sondern auch für sich… ein Gleichtakt… bei dem keiner den Schlusspfiff möchte…

Einerseits begleiten wir in einer geheimen Kommandoaktion die tschechischem Attentäter, erfahren Hintergründe aus ihrem Leben, als würden sie uns selbst Rechenschaft ablegen – andererseits sitzen wir neben dem Schriftsteller und erleben sozusagen live, an welchem Tag und wo er diese Erkenntnis erlangte. Wir werden Teil des Rechercheteams und Teil der Geschichte. Und dabei lässt uns der Autor allen Spielraum, selbst zu denken, selbst Schlüsse zu ziehen und räumt dabei ein, auch nicht immer den 100%ig richtigen Weg gefunden zu haben. Geschichte wird lebendig und das Prag zweier unterschiedlicher Perioden erwacht vor unseren Augen. Litertwo blickt tief…

Zeitgeschichte zum Anfassen – eine Geschichte der Zeit – es wurde Zeit für diese Geschichte.

Heydrich hallt nach. Das Attentat verblasst in der Weltgeschichte, als hätte es nie stattgefunden. Der Technokrat der Vernichtung hat über seinen Tod hinaus den Maßstab der Vernichtung definiert. Zuletzt mussten wir feststellen, dass sein Name sogar im Jahr 1944, also zwei Jahre nach seinem Tod, im KZ Auschwitz bei zwei 10jährigen Zwillingsschwestern das Synonym für Leid und Verlust der gesamten Familie bedeutete. Sie gerieten dort an den Arzt Josef Mengele, dessen Taten erst durch den Vordenker Heydrich ermöglicht wurden.

Heydrich und Mengele… zwei Namen – nur zwei Namen… unter dem Dach des Nationalsozialismus allerdings skrupellose Henker der Neuzeit.

Literatwo empfiehlt….

Kann Ursula Poznanski mit Saeculum Erebos übertreffen?

Saeculum -
Saeculum – U. Poznanski

Erebos hat uns vor einem Jahr komplett überzeugt. Mr. Rail und ich haben das Spiel mitgespielt und wir konnten Erebos einfach nicht entkommen.

Wir waren gefangen, wir konnten das Buch kaum aus der Hand legen, wir mussten immer wieder darüber reden.

Wir haben uns komplett in Frau Poznanskis Hände begeben und waren durch ihre Wortgewalt und die wahnsinnige Spannung machtlos, wir konnten nicht entkommen.

Wir haben das Buch beide besprochen und haben damit weitere Buchliebhaber mit dem Spielvirus infiziert.

Der Virus ist immer noch ansteckend, also Vorsicht!

Mr. Rail setzt mit seinen Worten die Nadel an, durch die Erebos in den Blutkreislauf gelangt und meine Worte intensivieren die Blutverteilung und wirken hochgradig ansteckend. 

Mit großen Erwartungen haben wir uns ins Rollenspiel Saeculum begeben. Ein weiteres Spiel, diesmal ohne PC, sondern in der freien Natur. Hätte es Erebos nicht für uns gegeben, wäre unsere Messlatte nicht so hoch gewesen. Die Höhe von Erebos hat Ursula Poznanskis nicht mehr übersprungen. Warum das Buch aber immer noch deutlich höher springt als bei anderen Autoren, könnt ihr in unseren Rezensionen lesen. Entscheidet selbst, ob ihr an diesem Spiel teilnehmt und euch in den Wald begebt oder lieber in der städtischen Sicherheit bleibt.

Saeculum – so heißt der neue Roman der Erebos Autorin Ursula Poznanski. Ganz in schwarz-weiß gehalten, weckt das Buch absolute Neugier und Vorfreude auf den Inhalt. Die Äste ranken sich bereits auf dem Cover und greifen nach dem Leser. Die Hände des Waldes strecken sich weit aus, um Leser und Protagonisten zu umfassen.

Saeculum bedeutet Jahrhundert. Wir leben im 21. Jahrhundert, doch die Mitspieler des Live-Rollenspiels namens Saeculum versetzen sich ins 14. Jahrhundert, ins Mittelalter zurück. Das Rollenspiel ist beliebt im Kreis der jugendlichen Mittelalterfans und bald soll wieder ein neues beginnen. Das Organisationsteam hat bereits schon einen geheimen Ort ausgesucht, denn ganz legal ist dieses Spiel nicht, in dem die Mitspieler fünf Tage lang unterwegs sind, ohne Gegenstände aus der heutigen Zeit.

Saeculum – Bastian weiß bisher noch nichts von diesem Spiel. Er ist zum ersten Mal mit auf dem Mittelaltermarkt in Köln. Wegen Sandra ist er da, denn sie hat es geschafft, den Medizinstudenten von seinem Schreibtisch zu entführen. Bastian war zuvor noch nie auf so einem Markt und blickt sich skeptisch, aber interessiert um. Sandras Freunde, sind ihm leicht suspekt. Iris hat eine kunterbunte Frisur und ist zurückhaltend,  Lisbeth ist wunderschön, hat aber ständig ihren Freund Georg neben sich, der jeden Schritt von ihr beobachtet, und Paul ist stark, wie er in einem Schaukampf beweist, aber nicht richtig einzuordnen. Doro ist eine Wahrsagerin und scheint die Zukunft voraus sehen zu können, jeder hat etwas Seltsames an sich. Einzig sympathisch scheinen Warze und Steinchen zu sein, mit denen er gleich ins Gespräch kommt.

Saeculum – ein neues Abenteuer wird beginnen und Sandra möchte unbedingt, dass Bastian dabei ist. Etwas Abwechslung würde ihm sicherlich gut tun und sie hätte ihn gern bei sich, denn sie würde sich durch ihn sicherer fühlen. Da er Sandra mag, kann er ihren Wunsch kaum ausschlagen und erklärt sich sofort bereit dabei zu sein. Seine mittelalterliche Ausstattung kauft er sich prompt und seine Vorfreude auf die Natur beginnt zu steigen. Über Pfingsten findet das Rollenspiel statt und Bastian legt freiwillig seine Unilektüre beiseite. Ein merkwürdiger warnender Anruf erreicht ihn kurz vor der Abfahrt und auch sein Vater, der ihn immer nur aufsucht, wenn er ihn zum Vorzeigen irgendwo braucht, erscheint plötzlich. Doch Bastian hat die Nase gestrichen voll von seinem Vater und weist ihn ab.

Saeculum – es geht los, der Zug setzt sich in Bewegung und fünf Tage brechen an. Fünf Tage mit seinen neuen Freunden im Mittelalter. Fünf Tage Natur, Freiheit und Abenteuer. Doch bereits am Zielort wird Bastian mit Unerwartetem konfrontiert und der komplette erste Tag entwickelt sich vollkommen anders, als er es sich, genau wie scheinbar alle anderen auch, vorgestellt hatte. Ein Mitspieler verschwindet und eine Botschaft taucht auf, die nicht aussichtsreich klingt.

Mein Fazit:

Saeculum – ein wahrlich packender Roman, der in eine vergangene Zeit führt, finde ich. Anfangs heißt es, den Überblick nicht verlieren, denn Frau Poznanski bringt jede Menge Namen und Charaktere auf den ersten Seiten sprichwörtlich ins Spiel. Rasend schnell plustert sich der Roman auf, es gilt ein breites Faktenspektrum im Auge zu behalten. Aufmerksamkeit muss die ganze Zeit beim Lesen bewahrt werden, denn die Ereignisse überschlagen sich und jeder der Mitspielenden muss genau analysiert werden. Ein packendes Rennen gegen die Zeit beginnt und der Spannungsbogen wird immer straffer gespannt. Ursula Poznanski greift in ihrem neuen Thriller vor allem die Themen Freundschaft und Zusammenhalt auf. Als Leser ist man mittendrin im Geschehen und muss selbst die Nerven bewahren und fragt sich, wie weit man für andere gehen und wie man selbst in solchen Situationen entscheiden würde.

Saeculum – ein mehr als lesenswerter Jugendthriller mit gut konstruiertem Plot, geheimnisvollen Charakteren, bei denen jeder Leser selbst den Tiefgang suchen muss und dem ein Entkommen zwischen den Seiten kaum möglich ist.

Railys Fazit:

Meisterlicher Spannungsaufbau, flüssiger Schreibstil und die grandiose Verkettung von Handlungsgeflechten kennzeichnen diesen spannungsgeladenen Roman, findet Mr. Rail. Die Szenerie ist bildhaft und packend gewählt und ich werde nie wieder einen Mittelaltermarkt betreten können, ohne an Saeculum zu denken. Ich werde nie wieder meine Brille aufsetzen, ohne darüber nachzudenken, dass ihr Verlust auch der Verlust meiner Orientierung sein könnte – und sei es nur in einem Rollenspiel, in dem ich sie nicht tragen dürfte. All dies hat mich begeistert.

Im Vergleich zu Erebos hatte ich jedoch auch so meine Probleme mit der Plausibilität des Plots. Während in Erebos jeder Teilnehmer am „Spiel“ in einzigartiger Art und Weise in das Spiel aufgesogen wurde, kann ich in Saeculum nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet eine junge Frau an einem solchen Rollenspiel teilnehmen sollte, deren reales Leben durch Flucht und Angst gekennzeichnet ist. Abwechslung vom Alltag und Abenteuerlust als Motivation -ok – das glaube ich gerne. Aber jemand, der auf der Straße lebt, wird wohl kaum freiwillig in den Wald gehen, um das Erlebnis des Schlafens in der freien Natur mit anderen zu teilen.

Bei der Vielzahl der Charaktere, die zudem blasser ausgefallen sind, als diejenigen in Erebos, hat die Autorin an einer für mich entscheidenden Weggabelung ihres Romans eine Person schlicht und ergreifend vergessen – ihre weitere Zukunft im Buch wurde für mich danach nur noch zum Rätsel. Erebos ist Maßstab und Weltrekordhöhe – Saeculum ist hoch genug für die Bestsellerlisten, sehr hoch, hat aber  nicht das erhoffte Erebosformat.

  Saeculum

 Broschiert – 496 Seiten

 14,95€

 Loewe Verlag

Alex Capus berührt mit Leon und Louise

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Alex Capus berührt…und wie er berührt. Mehrere Worte, nein ganze Zeilen, sogar ganz Seiten kann ich mit dem guten Literatwofüller unterschreiben, denn was Capus schreibt, kommt mir mehr als bekannt vor. Hachja…seufz…ohne Worte…

Leise lese ich die ersten Wörter des Romans, denn ich befinde mich in der Kathedrale Notre Dame, in Paris. Ich atme kaum, sitze inmitten der Großfamilie Le Gall und schaue auf den offenen Sarg in dem Leon Le Gall liegt. Das Klingeln einer Fahrradklingel stört die Ruhe, eine Frau tritt an den Sarg und legt diese hinein. Erst nachdem sie jedem der Trauernden einen Blick zugeworfen hat, verschwindet sie genauso schnell, wie sie gekommen war.

Wer war diese Frau und was für eine Bedeutung hatte dieser Gegenstand zwischen ihr und ihm?

Frankreich im Jahr 1918. Ein Mädchen mit einer rot-weiß gepunkteten Bluse auf einem Fahrrad hat Leons komplette Aufmerksamkeit erregt. Zwei Mal hat er sie nur gesehen und dennoch war er hin und weg. Louise, die Überbringerin der Gefallenennachrichten an die Bewohner in einem Dorf in Frankreich. Leon und Louise finden sich und werden ein Liebespaar, allerdings nur von kurzer Dauer, der Krieg holt sie ein und sie werden voneinander getrennt. Eine Trennung, die endgültig scheint, denn beide halten sich für tot. Ein Fliegerangriff beendet die noch nicht richtig begonnene Beziehung.

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