Das Haus der Frauen ~ Laetitia Colombani

Den RomanDer Zopf“ von Laetitia Colombani habe ich im letzten Jahr sehr gerne gelesen. Ein recht schöner Roman, der einfach gestrickt ist und doch tief bewegt. Es liegt auf der Hand, dass ich (B) ihren neuen Roman „Das Haus der Frauen“ auch unbedingt lesen wollte. Auch Mareike (M) vom Blog Lesetiefe ging es so und so machten wir uns beide auf den Weg ins Haus der Frauen. Kommt mit uns und erfahrt, wie es uns beim Lesen ging.

(B) Bevor wir die Protagonistin, Anwältin Soléne, überhaupt richtig kennenlernen, erleben wir mit ihr eine der schlimmsten Szenen in ihrer bisherigen Karriere, in ihrem bisherigen Leben. Ihr Mandant stürzt sich vor ihren Augen aus dem sechsten Stock des Gerichtsgebäudes. Wie gefällt dir der Auftakt des Romans?

(M) Zunächst einmal herzlichen Dank für deine Einladung zu dieser gemeinsamen Reise durch den neuen Roman von Laetitia Colombani. Den Vorgänger „Der Zopf“ habe ich zwar gerne gelesen, fand ihn aber doch sehr einfach gestrickt, vorhersehbar und zu wenig feministisch. Irgendwie hatte ich da, aufgrund der Verlagswerbung und des Klappentextes mehr erwartet. Nichtsdestotrotz war es für mich ein guter Schmöker, den ich auch bei uns im Buchladen häufig empfohlen habe.
Insbesondere wegen meiner Kritikpunkte am Vorgänger war ich sehr gespannt auf das neue Buch der Autorin. Würde sie diesmal mehr wagen und von ihren Klischees abweichen? Immerhin wirbt der Verlag auch diesmal damit, dass uns einergreifender Roman über mutige Frauen und ein Plädoyer für mehr Solidarität erwartet. Lassen wir uns also überraschen.

Plädoyer für mehr Solidarität

Und bevor ich zu unserer ersten Protagonistin, der Anwältin Soléne, komme, möchte ich einen Schritt zurück gehen, denn dem Roman sind zwei Zitate und das Gebet einer Schwester der Ordensgemeinschaft Töchter vom heiligen Kreuz, vorangestellt.
Insbesondere das Zitat von William Booth, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geboren wurde und im Laufe seines Lebens die Heilsarmee gründete, hat mich tief bewegt in seiner Intensität und Vehemenz.
Das Zitat des französischen Reiseschriftstellers Sylvain Tesson hat mich allerdings nicht überzeugt. Vielleicht können wir am Ende unserer Lesereise auf den Bezug zum Text noch einmal zurückkommen?
Insgesamt wundere ich mich aber, dass einem Roman über mutige Frauen (aus dem Klappentext wissen wir schon, dass es auch um Blanche Peyron gehen wird, die 1926 in Paris den „Palais de la Femme“ gründen wird) Zitate von zwei Männern vorangestellt werden. Wie geht es dir damit?

Das Haus der Frauen ~ Laetitia Colombani

Nun aber zum ersten Kapitel, zur Anwältin Soléne und der Frage, wie mir der Auftakt des Romans gefällt. Zunächst einmal ist mir die Parallele zu „Der Zopf“ aufgefallen. Auch dort ist die dritte Frau im Bunde eine sehr erfolgreiche, privilegierte, weiße Anwältin – ein Frauentypus, der der Autorin zu liegen scheint. Oder meinst du, Colombani geht davon aus, dass dort die Fallhöhe besonders groß ist?

Soléne

Mir gefällt, dass die Handlung direkt am emotionalen Tiefpunkt des Romans beginnt. Ganz überzeugen konnte Laetitia Colombani mich aber an dieser Stelle noch nicht. Nicht etwa die dubiosen Geschäftspraktiken ihres Mandanten treiben Soléne in den Burn-out, nicht etwa der Spagat, dass sie einen Verbrecher von dessen Schuld sie weiß, auch noch vor Gericht vertreten soll, bereitet ihr schlaflose Nächte, sondern sein Tod. Gefängnisstrafe und die Zahlung des Schadensersatzes, als Ehrverlust zu empfinden und sich aufgrund der befürchteten sozialen Ächtung selbst zu töten, sind für mich keine ausreichende Erklärung an dieser Stelle und reichen mir auch nicht als alleinige Begründung für den Fall von Soléne.

Im Bezug auf Solénes Fall und ihre plötzlich auftretende Erkrankung fehlt mir in diesem ersten Kapitel die Tiefe. Was geht in Soléne wirklich vor, was beschäftigt sie, was fühlt sie – all das hätte mich interessiert und ja, es wird skizziert, aber es berührt mich als Leserin nicht.

Aber immerhin hat mich die Aussicht, dass Soléne ihr bisheriges Leben hinter sich lassen wird und sich völlig neuem zuwenden wird dann doch gefangen und mir Lust gemacht mehr zu erfahren.
Wie geht es dir mit der Frauengestalt „Soléne“?

Zitate von Männern

(B) Das Gespräch mit dir bringt mich ehrlich gesagt überhaupt erst dazu, die zwei vorangestellten Zitate der zwei Männer zu lesen. Oft ist meine Neugierde auf den Roman so groß, dass ich die ersten Seiten gern überblättere. Gern können wir am Ende auf Sylvain Tessons Worte zurückkommen und diese auch aufführen. Das Zitat von William Booth habe ich auf der Seite der Heilsarmee Rheineck gefunden und für unsere Leser verlinkt.

Das die zwei Zitate von Männern und nicht von Frauen sind, ist befremdlich. Woran liegt das? Sylvain Tesson könnte mit Ella Fitzgeralds Worten ersetzt werden:

„Gib niemals auf, für das zu kämpfen, was du tun willst. Mit etwas, wo Leidenschaft und Inspiration ist, kann man nicht falsch liegen.“

Welches Zitat würde aus deiner Sicht noch gut passen?
Ich glaube, dass Laetitia Colombani sich bewusst für den Frauentypus entschieden hat. Eben wegen des Wiedererkennungswertes aus dem vorangegangenen Roman, aber vor allem wegen der Fallhöhe und weil der Beruf weltweit geläufig ist. Letzteres ist zwar sehr traurig, wenn man bedenkt, dass es eben nicht selbstverständlich ist, eine Frau in der Stellung zu sehen, aber wir möchten an der Stelle vorwiegend über den Roman sprechen. Ich denke zudem, dass die Autorin einen recht einfachen Fall suchte, um auf wenigen Seiten den emotionalen Einstieg zu finden, um mit großen Fakten den Absturz der Anwältin zu untermauern und vielleicht sogar, um den Palast zu thematisieren. Der plötzliche Tod des Mandanten im „Palast aus Glas und Licht“ erscheint besonders tragisch und ja, ich habe mich erschrocken.

Das Haus der Frauen ~ Laetitia Colombani

Der Zopf

Die Frauengestalt Soléne fühlte sich in den ersten Kapiteln noch sehr kalt an, eben wie besagte Anwältin aus dem Roman „Der Zopf“. Ich möchte Soléne nicht als unsympathisch bezeichnen, aber schon als recht distanziert und nicht richtig greifbar. Doch immer mehr kroch das Mitleid empor, so möchte ich es betiteln. Sie selbst, Kind eines Juristenelternpaares, strebsam, intelligent und mit 22 Jahren schon fest in der Anwaltskammer von Paris etabliert. Das ist so traurig, fad, schwarz-weiß und monoton, dass ich schon fast gelangweilt war. Dieses gefühlt ständig gleiche Raster. Auch, dass sie sich nach dem Vorfall neu orientiert, gehört zum Raster dazu. Ist das so, dass immer erst etwas passieren muss? Die Frage stelle ich mir persönlich sehr oft, muss ich sagen. Aber der Schritt aus der Komfortzone ist eben nicht immer schnell gemacht.

Öffentlicher Schreiber gesucht

Soléne ergreift den Strohhalm und bewirbt sich auf die Anzeige „Öffentlicher Schreiber gesucht“. Sie hört auf ihr Herz, gleichzeitig bringt sich ihr Jugendtraum, ein Buch zu schreiben, wieder in Erinnerung. Ein erster kleiner Schritt aus der Depression. Findest du den Schritt plausibel?
Nach den ersten zwei Kapiteln entführt uns die Autorin nach Paris ins Jahr 1925 und stellt uns die bereits erkrankte Blanche vor. Ich gestehe, vor diesem Roman noch nie von ihr und ihrem beeindruckenden Lebenswerk gehört zu haben. War dir der Name der Gründerin vom Palast der Frau schon geläufig?

(M) Warum die Autorin sich (und mit ihr ja auch der Verlag und das Lektorat) für Zitate von Männern entschieden hat, weiß ich natürlich nicht, aber einen schalen Beigeschmack hat das für mich schon. Ich habe es ja schon erwähnt. Das Ella-Fitzgerald-Zitat gefällt mir sehr gut und hätte prima zum Text gepasst. Mir würde auch dieses Zitat von Catherine Booth (*1829 +1890), Frau von besagtem William Booth, Mitbegründerin der Heilsarmee und Vorkämpferin für Frauenrechte gefallen:

„Wenn wir die Zukunft verbessern wollen, müssen wir die Gegenwart aufwühlen.“

Was auch inhaltlich sehr gut zum Roman passen würde.

Fade Protagonistin

Ich verstehe total gut, was du über Soléne schreibst. Fad, schwarz-weiß, langweilig – das trifft es auf den Punkt. Es ist einfach ein Abspulen von Klischees: weiße Tochter aus gutem Hause, Eltern beide super erfolgreich, strebsam und fleißig, ohne Ecken und Kanten und absolut angepasst. Kein einziger Aspekt der mein Interesse für sie wecken würde.

Und leider geht es mir auch mit ihrem ersten Schritt aus der Depression so. Mir gefällt die Idee, dass Soléne Schreiberin wird. Für mich hätte sie auch ehrenamtlich in einer Suppenküche oder einer Kleiderkammer arbeiten können. Ich kann mir gut vorstellen, dass „sich kümmern um andere“ aus der eigenen schweren Situation helfen kann. Ob es allerdings aus einer Depression helfen kann – wir müssten eine Fachfrau fragen.

Das Haus der Frauen ~ Laetitia Colombani

Den zusätzlichen Dreh von Laetitia Colombani, dass Soléne sich nun auch noch an ihren Jugendtraum ein Buch zu schreiben erinnert, gefällt mir persönlich überhaupt nicht, passt aber für mich in die Kategorie der oben schon erwähnten Klischees. Die junge Frau, die nicht nur super strebsam und erfolgreich und angepasst ist, sondern in ihrer Freizeit auch noch (wahrscheinlich während sie verträumt im Erkerzimmer sitzt und die Wolken beobachtet) schreibt, sich aber dann den Eltern beugt und ihren Traum nicht verwirklicht – mich erreicht da leider gar nichts. Mir hätte die Erklärung gereicht, dass Soléne Schreiberin wird, weil sie eine ausgewiesene Fachfrau ist und deshalb ohne größere Probleme Menschen bei ihrer Korrespondenz unterstützen kann. Hat dich der Dreh denn überzeugt?

Blanche Peyron

Ja und dann kam das dritte Kapitel und mit ihm die beeindruckende Blanche Peyron. Was für eine beeindruckende Frau! Nein, ich kannte sie vorher ebenfalls nicht, aber ich habe sofort die Lektüre unterbrochen, die Suchmaschinen angeschmissen und erstmal ein bisschen recherchiert. Auch über die Heilsarmee wusste ich bis zur Lektüre des Romans praktisch nichts. Besonders die Gleichberechtigung der Geschlechter, schon ab der Gründung im Jahr 1865, hat mich sehr beeindruckt. Das Kapitel hat mich in jedem Fall neugierig darauf gemacht, wie sich die Dinge entwickeln werden und wie die beiden Zeitebenen sich verbinden werden. Dich auch?

Und jetzt wo ich dir dazu schreibe, bemerke ich, wie absolut konträr Colombani Soléne zu Blanche zeichnet. Blanche ist ja eine enorm willensstarke, durchsetzungsfähige, selbstständige Frau, die ihren Weg gegen alle Widerstände geht.

Zu schnell war das Kapitel um, und wir landeten wieder bei Soléne, die mir auch im vierten Kapitel leider immer unsympathischer wurde. Sie setzt sich in ihrer Arbeit für die Kanzlei für wahrhaft und vorsätzlich Kriminelle ein, bei ihrem Blick auf die Arbeit, die vor ihr liegen wird, wird mir jedoch persönlich ganz schlecht. Soléne hört das Wort „Haus für Frauen“ und was dann folgt, ist wieder eine Aneinanderreihung von Klischees: Drogensüchtige, Kriminelle, Prostituierte – nichts womit sich Soléne eigentlich beschäftigen möchte. Kannst du ihre Sorge verstehen, wo sie sich doch freiwillig als Schreiberin gemeldet hat?

Klischees

(B) Deine Worte bringen die Klischees auf den Punkt. Unser Problem ist es, und ich sehe es in der Tat als unser Problem an, dass wir Vielleser*innen sind und uns vorwiegend in der anspruchsvollen Gegenwartsliteratur aufhalten. Sobald wir uns dann einem Roman, der nicht schlecht, sondern bewusst, (und ich denke, dass ich hier nicht irre), einfach geschrieben ist, widmen, viele Kritikpunkt finden. Wir können vor Haaren in der Wörtersuppe kaum noch den Inhalt aufsaugen und genießen. Findest du nicht, dass das ein Problem von Viellesern ist, eben weil der Anspruch immer höher, die Erwartungshaltung immer größer wird?

Wir beginnen oftmals recht unbewusst, den Roman auseinander zu nehmen und uns an Kleinigkeiten zu stören. Leser die nach Wohlfühllektüre fürs Herz suchen, überlesen die Kleinigkeiten und ich denke, dass dieses Überlesen auch von den Autoren gewollt ist. Und ja, die Tatsache, dass Soléne schon in früheren Jahren einen Roman schreiben wollte, ist ein Klischee, was auf der Hand lag, weil es so typisch ist. Das hätte wohl jeder voraussagen können, dass es eben nicht um die Suppenküche oder Kleiderkammer gehen wird. Eben weil eine Schreiberin viel romantischer ist und viel besser in den Rahmen des Romans eingebaut werden kann.

Natürlich hat mich der Dreh nicht überzeugt, da fehlten eindeutig noch das Erkerzimmer und die blauen Schäfchenwolken. Nein, ernsthaft, der Dreh hat mich nicht überzeugt, ich habe ihn aber schnell akzeptiert, in dem ich mir sagte, dass ich hier einen (bewusst!?) seichten, verkitschten Wohlfühlroman vor mir liegen habe. Der Roman muss so sein, um kompatibel mit dem Entspannungsleseurlaub zu sein und er ist aus meiner Sicht für Frauen geschrieben, die bewusst zu einem Roman greifen, der nicht nur fordert, sondern einfach schön berieselt und der Seele gut tut. Und das ist ja nicht schlimm, sondern sehr schön. Wir gehören einfach nicht zur Zielgruppe und müssen das einsehen, um den Roman nicht ins Bodenlose zu kritisieren. Stimmst du zu oder widersprichst du?

Heilsarmee

Ehrlich gesagt, bin ich überrascht, dass auch du dich über die Heilsarmee und über Blanche Peyron belesen hast. Ich habe vermutet, dass nur ich die Unwissende bin. Aber umso schöner, mehr zu wissen. Gleichzeitig aber auch erschreckend, dass die Französin so unbekannt ist, es gibt nichtmal einen Wikipediaeintrag in deutscher Sprache über diese starke Frau. Ich würde gern mehr über sie lesen und halte die Augen offen. Eine wirklich beeindruckende Frau und ja, die beiden Frauen sind sehr gegensätzlich, was aus meiner Sicht für die Handlung zwingend notwendig ist.

Ob Laetitia Colombani bewusst entschieden hat, einen fiktiven und einen recht realen Handlungsstrang zu entwerfen? Mit Soléne den fiktiven, um es dem Leser richtig bequem zu machen, die Wohlfühlstimmung mit einer Art von Aschenbrödelgeschichte zu erzeugen, um dann mit Blanche die reale Vergangenheit in Erinnerung zu rufen und gleichzeitig zu fordern, Wissen zu vermitteln?

Ja, zum Klischee passend, kann ich Soléne ihre Sorge verstehen. Ich glaube, dass sie unterbewusst hoffte, eine Stelle zu besetzen, in der es um schöne Dinge geht. Um Briefe an vertraute Menschen, um Grußkarten, um den ein oder anderen Liebesbrief und nicht vorwiegend um bürokratische Schreibarbeit. Sie wollte fliehen, schön schreibend und helfend aus ihrer Depression fliehen und sich nicht thematisch ihrem Beruf annähern.
Um direkt auf den Palast der Frauen zu kommen – kam er dir im Roman auch irgendwie klein vor? Auf mich wirkte dieses großartige Gebäude, das 2009 zum „Zentrum für Unterbringung und Stabilisierung“ geworden ist, so gedrungen.

Das Haus der Frauen ~ Laetitia Colombani

Vielleser*innen

(M) Ich verstehe, was du über uns Vielleser*innen sagst und ich sehe durchaus einen Unterschied zwischen Mainstream-Titeln und anspruchsvoller Gegenwartsliteratur. Aber auch in einfacheren / seichteren Büchern, die das Herz berühren und die für uns eher ein Schmöker für Zwischendurch sind, finde ich das Abarbeiten von Klischees unpassend. In Zeiten in denen der Fokus an so vielen Stellen auf die Gleichberechtigung der Geschlechter und die immer noch vorherrschende Benachteiligung von Frauen gelegt wird, sollten Autor*innen auch Feingefühl beweisen und ihre Figuren weniger klischeebehaftet zeichnen. Gerade in diesem Fall hätte ich das so wichtig gefunden.
Aber gut, wir akzeptieren, dass sich Laetitia Colombani für einen bestimmten Frauentypus entschieden hat und gehen gedanklich den Weg mit Soléne mit.

Nein tatsächlich habe ich mich auch mit der Heilsarmee noch nie befasst. Es passt aber ganz gut in Zusammenhang zu meinen Lesemonaten Januar und Februar.
Du sagst ganz richtig, es ist erschreckend, dass über Blanche Peyron, aber auch über Catherine Booth so wenig bekannt ist. Ganz sicher sind es aber nicht die einzigen Frauen der Geschichte, die im Schatten ihrer Männer zurückbleiben. Das Colombani nun zumindest eine von ihnen aus dieser Dunkelheit zieht und ins Zentrum ihres Romans stellt, rechne ich ihr hoch an. Die Kapitel die in Blanches Welt spielen habe ich geradezu inhaliert.

Der Palast der Frau

Mit dem Trick der zwei Zeitebenen vermeidet Colombani ja einen rein historischen Roman zu schreiben, sondern kann zeigen, welche positiven Auswirkungen das Wirken von Blanche bis heute hat, aber natürlich auch, wie sehr eine Arbeit, wie Blanche sie geleistet hat, heute noch notwendig ist. Die soziale Benachteiligung von Frauen wird ja in dem in der Gegenwart spielenden Teil besonders eindrücklich geschildert.

Der Palast kam mir in der Geschichte gar nicht klein vor. Ich sah Soléne vor meinem inneren Auge in einer riesigen Halle sitzen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt im Buch wird ja erzählt, dass es sich bei dem Gebäude um ein Hotel mit 143 Zimmern handelt, dass auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Allerdings war es dort in meiner Vorstellung trist und dunkel. Den Eindruck musste ich revidieren, als ich im Zuge dieses Gesprächs nach Bildern des Palastes gesucht habe. Was für ein wunderschönes Gebäude, mit diesem Eingang, der sich auf der Gebäudeecke zur Kreuzung öffnet und den Zimmertrakten, die vor- und zurückspringen und die Fassade so luftig wirken lassen.

Und dann sitzt Soléne dort an ihrem ersten Arbeitstag, blass und schüchtern, an einem frei stehenden Tisch, den sie sich in eine der Ecke zieht, misstrauisch beäugt von den Frauen, die dort in der Eingangshalle ihre Nachmittage verbringen. Wie gefiel dir der Auftakt für Soléne im Palast?

Das Haus der Frauen ~ Laetitia Colombani

(B) Oh ja, der Palast ist wirklich wundervoll und es lohnt sich sehr, auf die Suche nach Bildern zu gehen. Natürlich wäre es noch besser, direkt zum Palast zu fahren. Bei dem Gedanken bekomme ich direkt Gänsehaut und notiere mir den Ausflug als einen Urlaubswegpunkt.

Mit klein meine ich wohl nicht den Palast selbst, sondern eher die Atmosphäre. Natürlich kann uns die Autorin nicht alle Bewohnerinnen vorstellen, aber mir fehlte der Trubel im Herzstück des Palastes, im Gemeinschaftssaal mit Glasdach, der Durchgangsverkehr. Ich meine, die Heimleiterin spricht von vierhundert Frauen, die Lärm machen. Vielleicht ist es aber auch meine Neugierde und ich hätte gern gewusst, welche Frauen sich vielleicht nur vorbei schleichen oder vielleicht hoffte ich, doch eine größere Portion Frohsinn von den Bewohnerinnen abzubekommen, denen es mit ihrem Leben im Palast nun richtig gut geht. Und ja, am Abend sind viele Frauen schon in ihren Wohnungen, dennoch hat mir irgendwas gefehlt.

Gänsehaut beim Lesen

Der Auftakt im Palast hat mir nicht wirklich gut gefallen, da er so vorhersehbar war. Natürlich ist Soléne aufgeregt, natürlich gibt es auf beiden Seiten Hemmungen und man beschnuppert sich aus der Ferne. Und klar ist ihr der Laptop unangenehm oder überhaupt ihr Auftreten als gepflegte Frau aus gutem Hause. Bis dahin war alles ziemlich langweilig und ich hoffte, dass endlich eine Frau kommt und um Solénes Hilfe bittet. Und jetzt bekomme ich Gänsehaut, da ich an die ältere Serbin mit ihrem vollbepackten Einkaufstrolley denke. Sie möchte keinen Brief verfasst haben, sondern vorgelesen bekommen und dann fördert sie den Inhalt aus ihrem Trolley auf den Tisch.

Uff. An dieser Stelle möchte ich nicht weiter erzählen, um unsere Leser*innen neugierig zu machen. Mich hat die Serbin mit ihrem Verhalten und ihrer Art tief getroffen, ich habe sie sofort ins Herz geschlossen. Zu verraten ist nämlich, dass Soléne das Vorlesen zu später Stunde unterbricht und auf ihrem Weg aus dem Palast eine Beobachtung anstellt. Hat dich die Serbin auch berührt?

Ich bin dafür, dass unsere Leser*innen die Frauen, die Solénes Hilfe benötigen, selbst kennenlernen. Was denkst du? Oder magst du nur ganz kurz sagen, welche der Frauen dich am meisten berührte?

Lass uns doch ein wenig auf die Liebe zu sprechen kommen. Ist die Beziehung von Albin und Blanche nicht wundervoll? Mir hat ihre Kennenlerngeschichte so gut gefallen und ich musste so schmunzeln, dass Blanche ihren Vorsatz, nicht zu heiraten, über Bord warf, als sie Albin zum ersten Mal sah. Den Satz habe ich mir markiert: „Er ist neunzehn Jahre alt, und sein Lächeln lässt einen jeden Schwur der Welt brechen.“ (Seite 43) Hach, da ist die Liebe so spürbar.

Paris Reise

(M) Den Palast als Ziel für die nächste Paris Reise habe ich auch schon notiert. 🙂

Und ja, ich verstehe jetzt, was du mit „klein“ meinst. Wenn ich darüber nachdenke, kommt er mir tatsächlich etwas unbelebt und still vor. Frohsinn habe ich aber nicht erwartet, denn klar, die Frauen sind nun in Sicherheit, haben ein Dach über dem Kopf, müssen keine psychische oder physische Gewalt in diesen Mauern fürchten und haben Ansprechpartner für diverse Probleme, dennoch hat ja jede ihr Päckchen zu tragen und der Palast ist ja, so habe ich es zumindest verstanden, nur die erste Station auf dem Weg in ein eigenständiges, neues Leben.

Ja, an die Situation mit der Serbin erinnere ich mich wieder, wenn du sie beschreibst, aber berührt hat sie mich viel weniger als dich. Generell hätte ich mir bei den Frauen, denen Soléne begegnet mehr Profil gewünscht. Aber überlassen wir das Kennenlernen der Bewohnerinnen gerne den Leser*innen selbst.

Minirevolution

Viel mehr als mit der Geschichte im Palast habe ich mit Blanche und Albin mitgefiebert. Ja, ihre Liebe hat so eine wohltuende Größe. Albin, der von Blanche direkt fasziniert ist und Blanche, die ihn erst wirklich wahrnimmt, als sie die Chance wittert das Fahrradfahren von ihm erlernen zu können. Und ich war total begeistert, als Albin entgegen der gängigen Meinung der Zeit „[…], dass eine regelmäßige Nutzung des Fahrrads bei Frauen, die er [Dr. Tissié – Verfasser einer Abhandlung über das Fahrradfahren] als ‚Versehrte‘ bezeichnet, das Herausbilden von ‚Geschwüren, Blutungen, Krankheiten und Entzündungen nach sich ziehe.“ (S. 75-76) mit Blanche gemeinsam rebelliert.

„Eine Minirevolution ist im Gange, eine Emanzipation unter dem Vorzeichen von Fahrrad und Hose.“ (S. 77)

Und schon am Anfang ihrer Beziehung wird auf diese Weise deutlich, dass Albin Blache bedingungslos liebt und sie als absolut gleichwertigen Menschen anerkennt und ihr ganz selbstverständlich die gleichen Rechte zugesteht. Alles, was mir bei der Darstellung von Soléne gefehlt hat, finde ich in der Darstellung von Blanche. Wie geht es dir mit ihr?

Das Haus der Frauen ~ Laetitia Colombani

Eine meiner Lieblingsstellen des Buches ist übrigens diese:

„‚Versehrt‘. Blanche ist nicht versehrt. Sie erkennt sich in der Darstellung ihres Geschlechts als das ‚schwache Geschlecht‚ nicht wieder. Sie teilt diese Ansicht nicht, deren Verbreitung, so sagt sie, doch nur eines zum Ziel habe, nämlich, die Frauen zu unterwerfen und kleinzuhalten.“ (S. 76)

„Ja verdammt!“

Da ist mir beim Lesen doch glatt ein „Ja verdammt!“ rausgerutscht.
Und tatsächlich ist dieser Satz für mich ein Schlüsselsatz in der ganzen Geschichte, denn ohne diese Grundhaltung und ohne Albins Verständnis, seine Offenheit und sein bedingungsloses Vertrauen in seine Frau, wäre es niemals zur Gründung des Palastes der Frauen gekommen. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, wie Laetitia Colombani beschreibt, wissen wir natürlich nicht, aber ich würde es den beiden von Herzen wünschen! Was meinst du?

(B) So ein buchiges Gespräch öffnet nach dem Lesen noch ganz neue Welten. So wunderbar und ja, überlassen wir dem Leser das Kennenlernen der Bewohnerinnen. Und ja, ganz richtig, der Palast ist der erste Schritt ins neue Leben.

Ich bekomme gerade ein richtig warmes Kribbeln im Bauch, wenn ich an Albin und Blanche und eben jene Fahrradgeschichte denke, die du so schön beschrieben hast. Auf die Stelle können sich die Leser*innen wohl am meisten freuen, wohl mit die schönste Stelle im Buch. Da flattern die innerlichen Schmetterlinge. *seufz*

Leseempfehlung

Das Verdammt! ist dir zurecht rausgerutscht. Überhaupt bleibt mir nichts anderes übrig, als alle deine Worte mit dem besonders guten Füller zu unterschreiben. Die Schlüsselszene – absolute Zustimmung von mir und Blanche und Albin haben mich bewegt, Soléne haben wir nun schon oft gesagt, dass sie uns einfach nicht überzeugt hat, zu blass blieb, zu klischeebehaftet ist. Und selbstverständlich würde ich es den beiden so wünschen, ich habe die Geschichte schon als wahre Begebenheit in meinem kleinen Leserherz abgespeichert. Sie hat mich durch und durch erfüllt und schon allein wegen Albin und Blanche empfehle ich „Das Haus der Frauen“ unseren Leser*innen.

Ich glaube, dass wir uns noch ewig über das Buch unterhalten können und ich entschuldige mich schon jetzt, dass wir nun ein wenig aus der Tiefe an die Oberfläche kommen, um unser Gespräch zu beenden.

Stimmst du mir zu, dass der Roman den Leser*innen zu empfehlen ist, die bereits den Roman „Der Zopf“ mochten? Wem würdest du den Roman noch ans Herz legen? Und mich interessiert sehr, welche drei Schlagwörter du dem Roman geben würdest. Bevor du zurückfragst, ich nehme die folgenden aus der Reihe tanzenden Schlagwörter: #feministisch #GeschichtefürsHerz #tutmalgut

(M) Ja, ich denke, wer „Der Zopf“ mochte, wird auch von Colombanis neuem Roman gut unterhalten werden. Darüber hinaus würde ich ihn wohl als Geschenk empfehlen, für Frauen, die ein bisschen Mut gebrauchen können, denen eine Portion Stärke zu wünschen ist oder die nach einer Veränderung auf der Suche nach ihrem Weg sind. Ich finde, gerade in Blanche kann man soviel Positivität und Durchsetzungswillen finden.

Ganz unabhängig von meiner Empfehlung möchte ich dem Buch ganz viele interessierte Leser*innen wünschen, die sich weiter für die Geschichte von starken Frauen interessieren und, so wie wir, auf die Suche nach noch viel mehr Informationen über all die zu Unrecht vergessenen Frauen gehen.

#gemeinsamistbesseralsallein

Hm… drei Schlagworte für den Roman? Ich denke #bedingungsloseliebe #starkefrauen und #gemeinsamistbesseralsallein

Nachdem wir über den Inhalt des Romans nun ausführlich gesprochen haben und wir beide zumindest den Roman ja nun wirklich sehr gut kennen, findest du, dass das Zitat von Sylvain Tesson, das dem Roman vorangestellt ist, passend ist? Zur Erinnerung: „Eins ist sicher, die Toten spuken an den Orten, an denen sie gelebt haben, als ob sie den Boden dort mit ihrer Erinnerung getränkt hätten.“

Ich persönlich kann den Zusammenhang zum Roman, zum Palast der Frauen und zu Blanche nicht sehen. Klar, sie hat den Palast gegründet und dadurch, dass er immer noch als Zuflucht für Frauen genutzt wird, hat sich auch etwas vom Spirit der vergangenen Zeit erhalten, aber dennoch bringt ja jede der Frauen etwas Neues, eine eigene Geschichte, eigene Ansichten und Wege mit Geschehenem umzugehen mit. Einzig mit den Namensschildern an den Türen wird der Geist der Vergangenheit bewahrt. Oder will die Auswahl des Zitats sagen, dass durch die heutige Nutzung die Erinnerung an Blanche und ihre Bemühungen lebendig gehalten wird? Von mir aus jedenfalls, hätte das Zitat ruhig ein anderes sein können. Was meinst du?

(B) Ich habe mir das Zitat jetzt mehrmals durchgelesen und auch deine Worte dazu. Ich finde, es wäre passender gewesen, wenn wir an der Stelle ein Zitat von einer Frau vorgefunden hätten. Okay, nun ist dem nicht so und ich finde, nein, ich nehme stark hoffend an, dass wir es im Bezug auf Blanche und ihr Lebenswerk verstehen sollen.

Romandenkmal

Der Roman hat sich nach unseren Worten wohl nun endgültig in unser Leserherz geschlichen, auch wenn wir recht kritisch waren. Es war mir wirklich eine große Freude, mit dir über den Roman zu sprechen. Ich freue mich, dass die Autorin Laetitia Colombani dieser großartigen, starken, lebensbejahenden Frau ein Romandenkmal gesetzt hat. Davon brauchen wir wirklich noch viel mehr!

Was sagt ihr, liebe Leser*innen?

Wir hoffen sehr, dass euch unser Gespräch gefallen hat. Haben wir euch Lust gemacht, ebenfalls zwischen die Seiten zu tauchen? Oder habt ihr den Roman vielleicht schon gelesen? Lasst uns doch gern Worte im Kommentar da, wir freuen uns!

Eure
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4 Comments on Das Haus der Frauen ~ Laetitia Colombani

  1. Ich habe ihr Gespräch mit großem Interesse gelesen und war beruhigt, dass auch sie diese beeindruckende Blanche Peyron nicht kannten. Auch mir haben die Seiten Paris 1925 besser gefallen, als das Paris der Gegenwart. Wir besprechen dieses Buch in unserem LiteraturKreis und ich bin sehr gespannt, was meine Leseladies zu dem Buch zu erzählen haben. Vielen Dank für die ausführliche Betrachtung und Gruss aus Bayern ! Evi Röthig

    • Liebe Eva, ganz vielen lieben Dank für die Rückmeldung. Auf jeden Fall ist es grandios, dass wir nun alle diese beeindruckende Frau Blanche Peyron kennen bzw. von ihr lesen durften. Wahrlich eine große Bereicherung.
      Da bin ich nun aber gespannt, wie das Treffen mit dem Literaturkreis verläuft. Das wird sicher genial, denn viele Eindrucke erweitern ja oft den eigenen nochmals.

      Ganz viel Freude und wundervolle Gespräche.
      Bini

  2. Liebe Bini,
    ich habe „Haus der Frauen“ gestern ausgelesen. Ich fand es gut, aber es hat mich nicht durchgehend tiefgründig mitgenommen. Auch wenn ich Blanche Peyron mit ihrem Mann Albin total bewundere, dafür was sie geleistet haben und auch ihre Liebe zueinander toll fand. Bei Solene bin ich da ganz bei dir und fand ihre Geschichte etwas langweilig. Trotzdem haben mich auch die Schicksale der Frauen im Palast nicht kaltgelassen und zum Nachdenken gebracht. Schlussendlich war’s wieder eine angenehme Bucherfahrung. Und ich freue mich auf neue Empfehlungen von dir. Liebe Grüße

    • Liebe Antje, auch wenn wir schon darüber gesprochen haben – Danke für deine Rückmeldung zum Buch und ich freue mich, dass du nun auch Blanche Peyron entdecken konntest. Die Schicksale sind schon sehr heftig, ich bekomme gleich Gänsehaut. Neue Empfehlungen werden kommen. 😉 Hab noch einen schönen Sonntag.

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