Das Haus in der Claremont Street ~ Wiebke von Carolsfeld

Liebe Leser*innen, ihr müsst mir jetzt absolut vertrauen und ihr dürft euch nicht verschreckt wegdrehen und den Roman abwinken, wenn ich die Ausgangsszene des Romans schildere. Ich verspreche hoch und heilig, dass dieser Roman ein absolutes Highlight aus Kanada ist, was nicht verpasst werden darf! Aufgrund der ereignisreichen Geschichte, vor allem aber wegen Tom, der zu Beginn den Tod beider Eltern auf grausame Art miterleben muss. Aber auch, weil es dennoch so lebensbejahend und richtig, richtig schön ist. Wiebke von Carolsfelds „Haus in der Claremont Street“ muss wirklich von jedem betreten werden, da es irgendwie zu jedem passt!

Ihre Figuren sind so einmalig, dass man beim Lesen unglaublich viel Freude hat und sehr gern selbst zur Familie gehören würde. Es wäre eine absolute Schande, dieses Buch zu verpassen – mein absolutes Highligh, welches ich tatsächlich uneingeschränkt empfehlen MUSS!

Claremont Street

„Wie war es möglich, dass schon sechs Monate verstrichen waren? Sechs Monate, seit ihre Schwester zu Tode geprügelt worden war. Von einem Ehemann, der sich dann in der Küche eine Kugel in den Kopf gejagt hatte, ohne sich um seinen Sohn zu scheren, der ängstlich im oberen Stockwerk lauschte.“ (Seite 245/246)

Inzwischen wohnt der neunjährige Tom nicht mehr bei seiner ungewollt kinderlosen und sehr perfektionistischen Tante Sonya, sondern bei seiner eher chaotischen Tante Rose im Elternhaus seiner Mutter in der Claremont Street. Dort wohnen auch Nick, Pubertier und Sohn von Rose und der abenteuerlustige Onkel Will, der den Weg ins Erwachsenenleben einfach nicht finden möchte. Tom hat seit dem Tod seiner Eltern nicht mehr gesprochen und bleibt weiterhin schweigsam. Er fügt sich in seine neue Umgebung ein und bereitet der ganzen Familie mit dem immer mächtiger werdenden Schweigen große Sorgen. Die Tragödie ist jeden Tag präsent, beginnt sich aber zu wandeln.

Tom schweigt

Das Schweigen von Tom ist der Auslöser dafür, dass sich die drei Geschwister wieder annähern müssen. Jeder trägt sein eigenes Lebenslaster und eine Packung Schuldgefühle mit sich herum und keiner hat die Zeit und die Kraft, sich detailliert mit den Leben der anderen auseinanderzusetzen. Nun ist das Abstandhalten keine Lösung mehr – Rose, Sonya und Will müssen reden und im Namen von ihrer toten Schwester Mona handeln – Tom zuliebe!

Das Haus in der Claremont Street ~ Wiebke von Carolsfeld

Was mir so ausgesprochen gut am Roman von Wiebke von Carolsfeld gefällt, sind die wundervollen Figuren. Nicht, weil alle für das Leben typisch eine besondere Macke haben, sondern weil sie so lebensecht sind. Ich möchte behaupten, dass ich noch nie so nah an so vielen Charakteren eines Buches dran war. Es würde mir schwerfallen, mich auf eine Lieblingsfigur festzulegen. Und genau die Tatsache macht das Buch für mich zum Highlight, natürlich in Kombination mit der wirklich bewegenden Geschichte. Ich verschweige nicht, dass der Roman am Ende voller Hoffnung ist und ein gutes Gefühl nach den ganzen Geschehnissen hinterlässt.

Carolsfeld-Zauberformel

Die Zauberformel des Romans ist diese unglaubliche Lebensnähe, die wir auf 368 Seiten im Zeitraum von Mai bis März erleben dürfen. Der Roman beginnt spannend und tragisch zugleich und schockt gewaltig. Wenige Seiten später ist das Leserherz aber für Tom entflammt und man kann sein Schweigen absolut nachvollziehen. Man möchte ihn gern selbst bei sich aufnehmen und zum Reden bringen.

Ob Sonya, ob Rose, ob Will – alle drei sorgen dafür, dass Tom Liebe spürt und merkt, dass er ihnen wichtig ist. Die Zeit ist es, die weiter läuft und auch nach diesem Schicksalsschlag nicht stehen bleibt. Die Geschwister müssen natürlich ihre Leben weiterführen und sich ihren bisherigen Problemen stellen und davon gibt es eine regelrechte Bandbreite. Aber auch aus Lebensmustern kann man ausbrechen und Sorge und Verlust mit Zusammenhalt, Liebe und Mut zumindest etwas kitten.

Lesebalsam

„Das Haus in der Claremont Street“ (KiWi) hat mich sehr berührt und ich habe es mit sehr großer Freude gelesen, weil es so verdammt nah am Leben spielt. Und es mag sein, dass Wiebke von Carolsfeld eine Vielzahl von Lebensstolpersteinen aneinanderreiht, dies aber so geschickt vollzieht, dass sich weder Zweifel noch die Frage nach Plausibilität in mir breitmachten.

Spannender, lebensbejahender und hoffnungsvoller Lesebalsam!

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