Deine kalten Hände ~ Han Kang

Befremdlich, bewegend, aber gut!

So würde ich den Roman „Deine kalten Hände“ (Aufbau Verlag) von Han Kang beschreiben, wenn ich nur drei Worte verwenden dürfte. Han Kang ist vielen Lesern bereits durch ihren Roman „Die Vegetarierin“ bekannt, den ich selbst nicht gelesen habe und somit keinen Vergleich anstellen kann.

Deine kalten Hände

Bevor ich mich den über 300 Seiten hingab, habe ich mir immer wieder das Cover angesehen. Es löst in mir wirklich viele Gefühle aus. Auf den ersten Blick ist es richtig schön. Beim genaueren Betrachten wirkt es irgendwie abstoßend und leicht gruselig. Nach dem Lesen ist gewiss, dass es kein besseres Cover geben könnte, es bildet zusammen mit dem Inhalt eine Einheit und das ist perfekt.

Ich muss sagen, dass mich Han Kang wirklich schnell mit ihren Worten umhüllt hat und mich mit der Geschichte in der Geschichte überraschte. Zu Beginn begegnen wir Leser einer Schriftstellerin, H., vielleicht sogar der Autorin selbst, die ein Manuskript zugeschickt bekommen hat. In diesem wird sie erwähnt. Den Autor und vor allem Bildhauer Jang Unhyong kannte H. persönlich. Sie hatte sich in eine seiner Skulpturen im Theater verliebt. Jetzt wird Jang Unhyong vermisst und seine Schwester hofft, dass H. in seinen Zeilen vielleicht Spuren findet, die sie zu ihm führen könnten.

Gipsabdruck

Mit dem Einstieg ins Manuskript Deine kalten Hände reisen wir Leser in die Kindheit des Künstlers zurück, erfahren den Beginn seiner Leidenschaft, Gipsabdrücke von Menschen zu machen, und begegnen zwei Frauen, L. & E., die seinem Leben weitere Spuren verpasst haben und deren Abbilder er genommen hat. Er zog den Frauen ihre Hüllen ab, um ihr Inneres sichtbar zu machen. Jang ist fasziniert von den Hüllen, er erlabt sich daran und liebt die zwei sehr unterschiedlichen Frauen, die Geheimnisse in sich tragen.

Die übergewichtige L. und die perfekte E. sind seit ihrer Kindheit traumatisiert und er legt nicht nur seinen eigenen, sondern auch ihre Lebenswege offen. L. kann ihren Körper nicht annehmen, E. hat ein gespaltenes Verhältnis zu ihren Händen. Er selbst möchte unter ihre Schutzhülle blicken…

Deine kalten Hände ~ Han Kang

Kunst

Was für ein verstörender Roman. Es fällt mir wirklich schwer, die richtigen Worte zu finden, da Han Kang mich nicht nur verstört, sondern auch fasziniert hat. Es geht nicht nur um Kunst, auch um Essstörungen und Missbrauch. Vor allem L. hat mich sehr bewegt und ich wollte nicht von ihrer Seite weichen. E. habe ich nie gemocht, sie hat mich mit ihren kalten Händen weggetrieben und doch war sie immer da und erreichte mich letztendlich doch. Unverständlich faszinierend!

„Das Leben ist eine Hülle, die sich über einen Abgrund wölbt, und wir leben darauf wie maskierte Akrobaten. Mal hassen wir, mal lieben wir, und manchmal brüllen wir vor Wut. Über unseren Kunststücken vergessen wir, dass wir vergänglich sind und sterben müssen.“ (Seite 299)

Was für ein außergewöhnlicher Roman, denn das Anfertigen von Gipsabdrücken ist kein alltägliches Thema. Han Kang beschreibt sehr eindringlich, wie der Künstler diese Abdrücke von den Frauen nimmt. Szenen voller Leidenschaft, extrem intensiv und doch gruselig und beklemmend.

Merkwürdige Lesestimmung

Ein Buch mit seltsamen, einsamen Charakteren, die sich immer wieder entziehen wollen, teilweise übertreiben und sich doch recht intim präsentieren. Eine kaum greifbare Mischung, eine wirklich merkwürdige Lesestimmung und doch hat mich der Roman nicht kalt gelassen, obwohl er mich oft wegdrückte.

Han Kang hat bei mir Spuren hinterlassen, die ich nicht richtig beschreiben kann. Mich fröstelt es beim Gedanken an die Geschichte, mir ist etwas mulmig und doch bin ich irgendwie beseelt. Es bleiben Fragen offen und die kalten Hände werden erst am Ende des Romans wieder warm.

Eure
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