Der Sprung ~ Simone Lappert

Ich stand fast auf dem Dach – den Sprung habe ich allerdings nicht gewagt. Wozu auch? Schließlich ist Simone Lapperts Protagonistin Manu gesprungen. Das war abzusehen, das ist kein Geheimnis und doch kam es recht überraschend.

Viel wichtiger ist aber der Weg bis zum Sprung und das, was nach dem Sprung passierte. Simone Lappert hat mich ganz schön zappeln lassen, was den Sprung an sich betrifft, als Entschädigung hat sie mir auf den ersten 100 Seiten ganz fantastische Menschen vorgestellt. Jeder anders geprägt, vom Leben und seinen Lebensmacken.

Springst du mit?

Zwischen springen und springen gibt es einen großen Unterschied. Genau den Unterschied gibt Simone Lappert auf der letzten Seite preis und das ziemlich grandios. Doch bis dahin steht die Stadt Thalbach auf dem Kopf, schließlich steht nicht jeden Tag eine Frau auf dem Dach.

Manu will nicht vom Dach kommen, sie weigert sich, niemand kann etwas tun. Weder Felix der Polizist, noch ihr Freund Finn, der eigentlich gerade seinen Fahrradkurierauftrag erledigen sollte. Maren wird der Zutritt zu ihrer Wohnung wegen Manu verwehrt und auf der Straße wird die Ansammlung der Schaulustigen immer größer. Theres und Werner sind pleite, doch Manu belebt indirekt durch die vielen Menschen das Geschäft. Mobbingopfer Winnie hilft Salome, Egon hat Probleme mit seiner Mutter und Henry und Lukas leben auf der Straße. Astrid und Hannes wussten nicht, was sie tun und dann gibt es noch Egon und Edna und Ernesto.

Das sind zu viele Protagonisten für über 300 Seiten und einen Erzählrahmen von 2 Tagen?

Nach der Aufzählung ist die Frage nicht unberechtigt, allerdings schreibt Simone Lappert so rasant und interessant, dass die Frage sich gar nicht richtig ausbreiten kann und konnte. Ich musste zusehen, dass ich das Atmen nicht vergesse, da ich so mitgerissen wurde. Natürlich bin ich lieber tief in der Geschichte und möchte möglichst nah an den Protagonisten dran sein. Ein Sprung, nein, Der Sprung, macht das aber unmöglich.

Sprung vom Dach

Bei einem Roman der nur zwei Tage umfasst und in dem die ganze Zeit eine Frau auf dem Dach steht, kann das nicht funktionieren. Als Leser hofft man, einen Protagonisten zu treffen, der Manu vom Sprung abhalten kann oder eben einen zu treffen, der mehr Aufschluss darüber geben kann, warum es überhaupt so weit kommen konnte. Was ist los mit Manu? Und dann ist da auch noch diese widerwärtige Meute von Menschen, die Manu sogar zum Sprung auffordert, ihr zu johlt und sensationslustige Fotos macht.

Der Sprung ~ Simone Lappert

„Der Sprung“ von Simone Lappert (Diogenes) hat mich richtig gut unterhalten. Meine Anfangsskepsis hat sich ganz schnell verflüchtigt. Ich dachte erst, dass ich den Überblick bei so vielen Protagonisten verliere. Schnell stellte sich aber heraus, dass Manu die Spinne ist und alle Erzählenden irgendwie in ihrem Netz sitzen. Es gibt viele schwache, aber auch kräftige Verbindungen – einige treffen mitten ins Herz, andere laufen ohne Spuren zu hinterlassen vorbei.

Lapperts Roman fühlt sich erst wie eine Kurzgeschichtensammlung an, da wir kaum Zeit haben, uns mit allen Figuren zu beschäftigen. Einige Figuren scheinen das auch gar nicht zu wollen, was ab und an sogar auf Gegenseitigkeit beruht. Theres zum Beispiel habe ich sehr in mein Herz geschlossen – sie wiegt die Ü-Eier ab und liegt oft richtig. Das kommt mir sehr bekannt vor und lies mich gut schmunzeln. Sie hat mir viel gegeben.

Tag der Veränderung

Manu agiert als eine Art Stoppuhr – sie hält die Leben der Menschen unter ihr an, stürzt sie in Sorgen und Angst, beschert ihnen ungeahnte Momente des Glücks und der Hoffnung. Sie bringt vor allem auch den Tag und auch die Nacht der anderen gewaltig durcheinander. Ich habe gern in die vielen Leben hinein geschnuppert, auch wenn einige sehr überzogen oder mir recht egal waren.

Mich hat der Roman wirklich fantastisch unterhalten. Ich konnte das reale Leben wunderbar für ein paar Stunden abstellen. Ein kurzer Blick in unsere Gesellschaft, viel Kopfschütteln, viel Erstaunen, schnelles Kennenerlernen und noch schnelleres Loslassen und doch bleibt das gute Lesegefühl zurück. Ein kurzweiliger Roman, der zwar den Sprung thematisiert – die Hauptfigur aber auch an den Rand stellt.

Eure
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