Die Katze und der General ~ Nino Haratischwili

Wer das Cover von Nino Haratischwilis neuem Roman „Die Katze und der General“ aufmerksam betrachtet, findet recht schnell den Zauberwürfel – auch Rubiks Würfel, genannt. Ein faszinierender Würfel, mit dem man recht lange spielen kann, vor allem wenn man den richtigen Dreh noch nicht raus hat. Ebendieser Würfel spielt im Roman eine große Rolle. Er hat Protagonistin Nura gehört und sie ist der rote Faden im knapp 800 Seiten Werk. Hast du so einen Zauberwürfel und wenn ja, hast du ihn schon gelöst? Doppelt knifflig wird es, wenn du den Roman beginnst und gleichzeitig versuchst den durcheinander gebrachten Zauberwürfel wieder so zu drehen, dass er auf allen sechs Seiten eine Farbe besitzt.

Das ich ein großer Fan von Nino bin, habe ich bereits oft verkündet und doch lege ich dir erneut „Das achte Leben (Für Brilka)“ ans Herz. Dieser Roman ist so verdammt großartig, eines meiner Lieblingsbücher und umso aufgeregter war ich, nun erneut ein ebenfalls recht dickes Buch von Nino Haratischwili in der Hand zu halten. Die Aufmachung der beiden Werke ähnelt sich, der Umfang scheint auf den ersten Blick gleich (dennoch 530 Seiten Unterschied), was wird mich erwarten? Bekomme ich dieses sagenhafte Gefühl von damals wieder? Bade ich erneut in langen Sätzen, einer eindrücklichen Sprache und schaffen es die Charaktere mein Herz zu erobern? Kann Nino Haratischwili mich ein zweites Mal so packen und so emotional an die Wand drücken? Viele Fragen habe ich mir im Vorfeld gestellt, eben weil Brilka so brilliant ist. Meine Erwartungen waren sehr hoch, meine Vorfreude riesig und keinesfalls wollte ich den Fehler begehen, die zwei Romane miteinander zu vergleichen.

Tschetschenien

1994/Nura – Nino Haratischwili führt uns gleich zu Beginn zu Nura. Sie ist die Schlüsselfigur des Romans und erobert sofort das Leserherz. Auf 70 Seiten bringt uns die Autorin diese sagenhafte Person näher und lässt uns in ihr Leben tauchen. Nura möchte anders sein, Nura träumt von einem richtigen Leben und während sie Mehl holen geht, blicken wir auf ihre Gefühle, ihre Situation und auf ihr Umfeld. Und dann kommt die Dunkelheit, wir stehen mitten im Krieg, im ersten Tschetschenienkrieg.

2016/Die Katze – Schauspielerei ist ihr Leben. Sie liebt es, in andere Köpfe und Körper zu tauchen, neue, ganz unterschiedliche Leben auszuprobieren. Die Bühne ist ihr Zuhause und doch bleibt das Lampenfieber, das sie ebenso sehr liebt. Sie hat Talent und doch kommt das recht merkwürdige Angebot für sie überraschend. Sie soll in einem Video mitwirken, in einem Wiedergutmachungsvideo und selbstverständlich bekommt sie dafür eine hohe finanzielle Vergütung.

Die Katze und der General ~ Nino Haratischwili

2016/Die Krähe – Onno Bender, er ist Journalist, sein Spezialgebiet ist Osteuropa, vor allem haben es ihm aber die reichsten Männer Russlands angetan. Er hat bereits einen Bestseller geschrieben und nun versucht er sich, seinen größten Traum zu erfüllen – ein Buch über Alexander Orlow zu schreiben. Über den Mann, der wegen eines Kriegsverbrechens angeklagt wurde, ein wirklich skandalöser Fall.

2016/Der General – Alexander Orlow hat ihn selbst erlebt, den ersten Tschetschenienkrieg und er trägt heute noch tiefe Wunden. Was damals geschah, hat sich tief in ihm verankert, sein ganzes Leben lang hat er diese eine Nacht nicht vergessen können. Er möchte mit dieser Nacht abschließen und seinen Plan umsetzen. Die Zeit ist gekommen, um zu richten, um Gerechtigkeit zu erlangen.

Die Katze und der General

Der Roman ist nicht nur im Umfang wuchtig, auch die Wucht der Worte, die auf mich einprasselten, ist faszinierend heftig. Auch diese Geschichte ist sagenhaft gigantisch. Am liebsten möchte ich mit Adjektiven wie sagenhaft, eindringlich, grandios, einmalig speziell, aufrüttelnd, packend, mitreißend und aufwühlend spannend, um mich schmeißen. In allen vier Hauptprotagonisten steckt noch so viel mehr, als nur der jeweilige rote Faden. Wir erfahren wichtige Hintergründe, bekommen fein gezeichnete Charaktere und nie bleibt das Gefühl auf der Strecke. Trotz allen furchtbaren Ereignissen fällt es schwer, sich von den Personen zu entfernen, gar abzuwenden. Nino Haratischwili bringt uns mit Wucht an unserer moralischen Grenzen. Wir taumeln zwischen Wahrheit und Lüge, Vergebung und Rache,  wir lieben und hassen gleichzeitig, wir springen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Geschichten hin und her. Die Lesegeschwindigkeit erhöht sich stetig und am Ende befinden wir uns auf einer krimi-thriller-Ebene wieder.

Ich bin bei Nino Haratischwili nah dran zu behaupten, dass sie immer alles mitbringt, was ein Leser möchte. Sie schreibt auf sprachlich hohem Niveau, holt gern große Erzählbögen und schafft damit diese andersartige Ebene, die ich so sehr schätze. Der Roman „Die Katze und der General“ (FVA) ist wieder wahnsinnig anspruchsvoll und kinderleicht, sobald man in die Geschichte abgetaucht ist. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu schwärmen und noch lange werde ich über das Ende nachdenken. Ich bekomme nicht in Worte gefasst, was dieses Buch in mir ausgelöst hat. Der Zauberwürfel hat sich gedreht und gedreht – physich und psychisch.

Zauberwürfel

Stundenlang könnte ich über dieses Buch sprechen, unzählige Zitate wiedergeben, eben weil es so viele markante Stellen enthält, außergewöhnliche Charaktere tragende Rollen spielen und diese Mischung so speziell schwarz-weiß-bunt ist. In einem Wort: LESEN!

Was auch immer das Feuilleton behaupten mag, ich habe darüber nichts gelesen, nur ein wenig gehört und mir daraufhin die Ohren zugehalten und natürlich selbst gelesen. So rate ich es dir ebenfalls! Gerade wegen der langen Sätze, der ausufernden Sprache und den Verstrickungen mag ich Ninos Schreibe.

Nino Haratischwili kommt am 11. Januar in die Buchhandlung Findus nach Tharandt. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten und freue mich auf das Wiedersehen mit dieser großartigen Autorin. Solltest du die Chance haben, dass Nino bei dir in der Stadt ist, geh hin, du wirst begeistert sein.

Für weitere Stimmen zum Buch, klickst du zu Marc (Lesen macht glücklich).

Eure
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