Gun Love ~ Jennifer Clement

„Gun Love“ fällt in die Rubrik: gekauft, weil mich das Cover total fasziniert hat. Und im Vergleich zum Inhalt passt das Cover sowas von perfekt, genau wie der Titel. Wenn du vom Cover genauso angetan bist, verrate ich dir jetzt noch den ersten Satz und dann wird es um dich geschehen sein: „Meine Mutter war eine Tasse Zucker.“ (Seite9) Na, was sagst du? Um mich war es sofort geschehen und ich habe das Buch genauso gefressen, wie die Alligatoren die Patronen aus den vielen unterschiedlichen Waffen.

„Ich? Ich wuchs in einem Auto auf, und wenn man im Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das Einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen.“ (Seite 10)

Gun Love

So stellt sich die 14-jährige Pearl mit der auffallend weißen Hautfarbe vor und schon ist der Leser der Protagonistin und der poetischen Sprache von Autorin Jennifer Clement verfallen. Pearls Mutter ist von zuhause abgehauen, als ihre Tochter nur wenige Tage alt war. Bis heute wurde sie entweder nicht wirklich vermisst und gesucht oder aber nie gefunden. Pearls Zuhause ist der alte Ford Mercury Topaz, der nun schon 14 Jahre auf dem Besucherparkplatz vor dem Trailerpark steht und vor sich hingammelt. Für sie hat alles seinen Platz, sie besucht die Schule, ihre Mutter geht arbeiten und beide träumen gern. Sie vorn, die Mutter auf der Rückbank.

„Meine Mutter sagte, sie und ich, wir gehörten zum Stamm der Träumer. Man lernt schnell, dass Träume besser sind als das Leben…“ (Seite 39)

Bis auf die damaligen Alligatorbabys und den Ansturm der TV-Teams, ist es ruhig im Indian Waters Trailerpark. Klar, es wird ständig geschossen, aber das ist alltäglich und nicht der Rede wert. Pearls Nachbarn in den Wohnwagen erregen ebenso wenig Aufmerksamkeit, haben aber die Augen immer offen. April May ist Pearls einzige Freundin, was sicherer ist, denn es gibt so viele Menschen die es gut meinen und schon steht das Jugendamt vor der Tür. Und trotzdem wird das Glück zwischen Mutter Margot und Tochter Pearl zerstört – Eli taucht auf und mit ihm jede Menge Waffen. Das gemeinsame Träumen hört auf und der Wind riecht nach Gefahr…

Gun Love ~ Jennifer Clement

Was für ein unbeschreibliches Leben. Schon die Vorstellung in einem Auto aufzuwachsen, in einem dazu auch noch recht kleinem Auto – verrückt, echt verrückt. Und dann noch die ständigen Schüsse dazu. Allein schon das Umfeld von Pearl hat mich bewegt und meine Neugierde war geweckt. In einem Rutsch habe ich das Buch lesen müssen, denn ich konnte nicht von Pearls Seite weichen. Was für ein verdammt starkes Mädchen. Nicht nur ihre Mutter besitzt die Fähigkeit, sich in andere Personen einzufühlen. Pearl besitzt diese Empathie genauso, sogar noch stärker. Ihre Art zu erzählen, wie sie sich verhält und was sie in jungen Jahren schon erleben muss, hat mich fasziniert und tief berührt. Pearl möchte man in den Arm nehmen und vor dem großen Amerika mit all seinen illegalen Möglichkeiten beschützen. Doch Pearl ist zäh, hat ein großes Herz und unterbewusst ist sie derbe cool und taff.

Schüsse & Alligatoren

Die Art wie Autorin Jennifer Clement schreibt, hat mich bewegt. Sie schreibt sehr poetisch und malt so schön bunt, obwohl Pearl in einem alten kleinen Auto wohnt und nebenan die stinkende Müllkippe und der Fluss voller Alligatoren ist. Clement vereint Gegensätze miteinander und schummelt uns diese häppchenweise unter. Ihre Worte haben Einschusslöcher und schmecken manchmal metallisch. Lebendigkeit strahlt aus ihren Sätzen und mein Herz hat Clement mit ihrer Pearl erobert. Eine aufrüttelnde Geschichte über eine ganz andersartige Mutter-Tochter-Beziehung am Rande der Gesellschaft.

„Gun Love“ (Suhrkamp) ist so gefühlvoll, dass man denkt, die Liebe hat mit der Gewalt Freundschaft geschlossen und der Irrsinn hat sich in Zauber gewandelt.

Richtige dicke Leseempfehlung von mir und denk dran: „Unglück ist immer noch besser als gar kein Glück.“ (Seite 236)

P.S. wenn du noch mehr Romane lesen magst, in denen tapfere Mädchen von ihren Schicksalen sprechen, dann treff dich mit Mary „Die Farbe von Milch“ oder mit Samira „Kukolka„.

Eure
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