Hard Land ~ Benedict Wells

Ganz großer Lesetipp: Hard Land!

Damit wäre im Grund alles gesagt. Nein, natürlich nicht, aber der Anfang ist gemacht, denn wer nicht zum neuen Roman von Benedict Wells greift, ist selbst Schuld. Mag sein, dass ich dem Autor, der nur ein Jahr älter ist als ich, total verfallen bin, aber wenn er mich nun mal schreibend komplett überzeugt, ist das doch perfekt.

Zudem muss ich sagen, dass ich Benedict nun schon mehr als nur ein Mal getroffen, einige Mails mit ihm getauscht und interviewt habe. Er ist ein herzlicher und so bodenständiger Mensch. Mit „Fast genial“ hat er mich 2011 total überzeugt. Aus diesem Grund musste es ein Fast-geniales-Interview mit ihm geben. 2016 ging es dann weiter mit „Vom Ende der Einsamkeit“ und jetzt schlägt mein Herz bei seinem neusten Werk „Hard Land“ richtig hoch und ich durfte ihm ein paar Fragen stellen.

Interview ~ Hard Land

literatwo-einzelbuchstabenass mich erst kurz das Buch feiern und dir sagen, dass ich es schon während des Lesens empfohlen habe. Mich hat es so sehr abgeholt, ich war direkt bei Sam, direkt auch in meiner eigenen Jugend und das Jahr 1985 ist für mich sowieso besonders. Für welche Leser:innen Generation ist deiner Meinung nach „Hard Land“ am meisten bestimmt? 

Erst mal vielen Dank, das freut mich sehr, dass du das sagst. Und die Frage ist gar nicht einfach zu beantworten. Ich wollte das Buch natürlich schon so schreiben, dass es auch für Jugendliche ist. Nicht zuletzt um zu zeigen, dass es okay ist, sich unsicher und ängstlich zu fühlen oder ein Außenseiter zu sein – und dass es trotzdem weitergeht und man in vielem auch nicht für immer der Mensch bleibt, der man in diesem Alter zu sein glaubt. Aber insgeheim ist das Buch auch mindestens genauso für Leser:innen, die mal jung waren. Je älter ich werde, desto mehr liebe ich Coming-of-Age-Geschichten. Vielleicht auch, weil ich jetzt endlich den nötigen Abstand zu dieser Zeit hatte. Als Teenager war es mir manchmal einfach noch zu nah.

literatwo-einzelbuchstabench bin sehr neugierig und mag natürlich von dir wissen, wo und wann dir die Idee zu „Hard Land“ kam. 

Ich erinnere mich, wie ich vor mehr als zehn Jahren mit dem befreundeten Autor Thomas Klupp darüber sprach, dass das mit schönste Romanthema der Sommer der Jugend wäre. Lustigerweise hat er nun fast zeitgleich ebenfalls ein Buch darüber geschrieben, das großartige und sehr witzige „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. Mich hat das Thema also immer fasziniert. Sogar schon als ich 2008 auf meiner Amerikareise in einem Kaff in Missouri landete und mir dachte: Hier muss eines Tages „Hard Land“ spielen. Aber bis dahin gab es eben noch Romane wie „Fast genial“ und „Vom Ende der Einsamkeit“, an denen ich bereits saß und die deshalb Vorrang hatten. Erst jetzt war der Weg frei für diese Geschichte. Und erst jetzt fühlte ich mich auch alt genug dafür, weil ich eben nicht mehr mit einem Bein oder Arm noch in der Jugend war, sondern endlich von außen auf sie zurückblicken konnte.

literatwo-einzelbuchstabenhematisch hast du wieder einen großen Kreis gezogen, der sich keinesfalls überladen, sondern durchaus authentisch und real anfühlt. Dein Markenzeichen, dein Wells-Geheimrezept?

Falls es eines gibt, was ich stark bezweifle, dann genau über solche Dinge nicht groß nachzudenken. Ich glaube, man kann gar nicht für einen Markt schreiben. Dann hätte ich mich wohl auch eher noch mal an eine Familiengeschichte setzen müssen, statt an einen 80s-Coming-of-Age-Roman.

80s-Coming-of-Age-Roman

Ich versuche eher, so intuitiv zu schreiben wie möglich. Mich nie von meinen immer vorhandenen Ängsten und Zweifeln, sondern von meiner Leidenschaft für die Geschichte leiten zu lassen – und mir vor allem die nötige Zeit zu nehmen. Unterwegs suche ich mir dann das härteste Feedback, das ich kriegen kann. Ich hatte Glück, dass ich wieder viele TestleserInnen hatte, die sich trauten, mich offen zu kritisieren – etwa gerade, wenn man beim Lesen noch nicht genug mit einer Figur oder Szene mitfühlte. Auch hier ist Zeit wichtig, denn so lebt man jahrelang mit den Figuren zusammen, bis man sie am Ende wirklich gut kennt. Umso größer dann natürlich der Trennungsschmerz, wenn man das Buch abgibt. Erst ab da werde ich dann auch nervös und denke: Gefällt das eigentlich irgendjemandem? Will das überhaupt jemand lesen? Aber vorher bin ich so tief in der Geschichte, dass ich an nichts anderes denke.

literatwo-einzelbuchstabenrzähl doch mal, welcher Satz im Roman dein liebster ist. Ein Satz den du hättest nie rausstreichen lassen. 

Den einzelnen Satz gibt es nicht. Aber einige Szenen haben mir beim Schreiben den Weg gewiesen. Etwa die Unterhaltung über Trauer zwischen Sam und einem Lehrer. Hightower während der Beerdigung, er ist ohnehin vielleicht meine liebste Figur im Buch. Oder auch die Party bei Brian, weil ich da zum ersten Mal spürte, dass ich dem Jugendgefühl, das ich einst selbst hatte, nahekomme.

literatwo-einzelbuchstabenichtig stark hat sich beim Lesen das Wort Euphancholie in mein Herz gebrannt. Ein wundervoller Moment auf Seite 99 zwischen Kirstie und Sam, der in Erinnerung bleibt. Stammt das Wort von dir?

Ja, wobei ich korrekterweise sagen müsste: Es stammt von Kirstie. Für mich war jedenfalls das Faszinierende in der Jugend, wie unterschiedlich man fühlen konnte, wie schnell die Emotionen umschlugen, manchmal fast grundlos. Immer wieder war man sogar gleichzeitig euphorisch und melancholisch. Auch, weil man zum ersten Mal eine Ahnung bekam, dass die Dinge endlich sind, auch gerade die schönen Momente. Kindheitsillusionen zerbrachen, dafür sah man plötzlich die Fehler der Eltern und anderen Erwachsenen noch stärker, und man ahnte auch, dass manche alten Freundschaften nicht halten würden.

Dancing With Tears In My Eyes

Und gleichzeitig war man eben so sehr in der Gegenwart wie später nie mehr, ein irres Zusammenspiel von Glück und Wehmut. Es heißt ja auch in einem 80s Song so treffend: „Dancing With Tears In My Eyes“.

literatwo-einzelbuchstabenn welcher Szene hattest du außergewöhnlich viel Schreibspaß und an welcher hattest du ein kreatives Tief? Kannst du spoilerfrei erzählen? 

Die 80s-Party bei Brian war wie gesagt ein riesiger Spaß für mich, auch Sams Tagebucheinträge oder Phantasien danach. Sein Geburtstag war dann sogar das einzige Mal in meinem Leben, dass ich innerlich das Gefühl hatte: Das, was ich schreibe, hebt für mich ab. Da war ich ganz bei mir und im Flow. Schwierig und ein ewiges „Drama“ war dagegen immer der erste Teil des Buches, weil ich da sieben Figuren einführen musste, dazu den Ort, die Zeit und das Gedicht. Ich habe jahrelang daran gefeilt, diese Aufbauarbeit zu kaschieren und den Lesefluss zu erhöhen. Und speziell das Festival am See hat sicher fünfzig Fassungen gesehen, bis es so wurde, wie es jetzt ist.

literatwo-einzelbuchstabenrotz der Krankheit von Sams Mutter, schafft es Sam in einen für ihn magischen Sommer auszubrechen. Er überwindet Grenzen, findet seinen Platz in einer Clique, seine Wurzeln und besteht Mutproben. Viele erste Male in seinem jungen Leben, die ihn prägen. Hast du ebenfalls ein vergleichbares Jahr mit so viel Veränderung erleben können? Was soll der Sommer bei deinen Leser:innen bewirken? 

Nein, ich hatte leider nie einen vergleichbaren Sommer. Später vielleicht, aber auch da nur ein einziges Mal, und eben nicht in der Jugend. Doch gerade mit dieser Sehnsucht nach dem Verpassten habe ich das Buch geschrieben. Sie war meine Tinte. Ähnlich wie in „Spinner“ damals. Auch dort hatte ich nichts davon mit neunzehn so erlebt, im Gegenteil: Ich wünschte, ich hätte in meiner Berliner Bruchbude bei all den Absagen und Nebenjobs diese Woche mit Freunden gehabt, die einen aus der Einsamkeit rausreißen.

Spinner

Aber gerade dieses Sehnen nach dem Verpassten kann beim Schreiben unglaublich stark motivieren. Und auch ohne einen solchen Jugendsommer könnte „Hard Land“ nicht näher an mir dran sein, denn es sind meine Gefühle und meine Themen. Auch ich bin mit Brüchen aufgewachsen wie Sam, nur eben mit anderen. Ich kam mit sechs ins Heim, hatte Schwierigkeiten zu Hause und parallel neben aller Unsicherheit auch schöne Momente mit Freunden im Internat. Nur eben nie literarisch verdichtet auf eine solche Zeitspanne. Gerade der Sommer zu Hause und ohne meine Internatsfreunde war oft zäh. Also dachte ich: den hole ich jetzt einfach nach, man ist nie zu alt für den Sommer seines Lebens.

literatwo-einzelbuchstabener ist Sam für dich und welche Rolle hat er in deinem Autoren-Leben? 

Er ist von allen Figuren, die ich bisher geschrieben habe, die, mit der ich mich am meisten identifiziere. Wobei das auch für seine Schwester Jean gilt, denn ich bin ja nicht mehr fünfzehn, so dass sie mir fast ähnlicher ist, wie ich jetzt bin. Aber in Sam habe ich alles hineingegeben, was ich damals gefühlt habe. Mit dem Unterschied, dass ich auf dem Internat auch eine pseudogroße Klappe hatte, die überlebenswichtig war und die man auch in „Spinner“ wiederfindet. Aber das ist das Äußere. Nach innen dagegen ist mir Sam nah. Und zugleich fern, da er eben so viel jünger ist als ich.

literatwo-einzelbuchstabenbwohl ich dir gern Fragen stelle, wüsste ich gern, ob du mich als Leserin etwas fragen möchtest?

Während der Pandemie habe ich mich oft gefragt, wie ich mich fühlen würde, wenn ich jetzt noch mal Anfang zwanzig wäre und gerade mit meinem Debüt „Becks letzter Sommer“ herauskäme – und dann wären viele Träume geplatzt, die Tour abgesagt. Es ist einfach unfair, wie es gerade viele Autor*innen geht. Deshalb wollte ich dich fragen: welches Debüt der letzten Monate sollte ich (und alle anderen) unbedingt lesen? Spotlight an für … Marianengraben ~ Jasmin Schreiber

Hard Land ~ Benedict Wells

Genauso, wie es dir zum Glück nicht ging, ging es aber Jasmin Schreiber mit Marianengraben (eichborn). Sie ist zwar nicht Anfang zwanzig und trotz der abgesagten Termine (auch ich wollte mit Freundinnen zur Lesung gehen *schnief*) ist ihr Roman auf der Spiegel Bestseller-Liste eingestiegen, dennoch eine ganz ungünstige Zeit. Echt schlimm, wie viele gute Romane nicht so gefeiert werden konnten, wie sie es verdient hätten. Darum feiern wie sie online und der Roman hat mich im letzten Jahr sehr tief erreicht.

2021-Highlight

Benedict, ich danke dir für deine bereichernden Antworten und kann deinen Roman wirklich nur ständig weiterempfehlen, da er immer noch nachhallt. „Hard Land“ (Diogenes) war zudem das erste Buch im neuen Jahr 2021 und es ist direkt auch ein 2021-Highlight. Das steht fest. Wirklich unglaublich! Aber dein Roman hat mich eben zum plötzlichen Auflachen gebracht, zum Schmunzeln und schwer Schlucken und auch zum Weinen. Das ist es doch, was ein Buch machen muss, um sich ins Leserherz einzugraben.

Danke für dieses Surfen auf verschiedenen emotionalen Wellen.

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