hell/dunkel ~ Julia Rothenburg

hell/dunkel –  was passiert hinter den Fenstern wirklich? Beim Betrachten des Covers ist es kaum möglich zu erahnen, wie intensiv, wie emotional, wie außergewöhnlich diese Familiengeschichte ist und egal wie sehr man den Kopf schüttelt, muss man innerlich nicken.

Ist deine Hautfarbe sehr hell oder eher dunkler? Magst du eher den hellen Tag oder die dunkle Nacht? Licht an oder aus?

Im Roman von Julia Rothenburg sind mit hell und dunkel die Halbgeschwister Valerie und Robert gemeint. Valerie ist 19 Jahre jung, wohnt bei der kranken Mutter und hat eine hellere Hautfarbe als Robert. Er ist vom Typ her dunkler, 23 Jahre jung und hat sich in sein eigenes Leben zurück gezogen. Die Familie ist zerbrochen, Väter gibt es nicht, selbst Valerie und ihre Mutter sind kein richtiges Team.

hell/dunkel

Auf sich selbst kann sich Valerie selten konzentrieren, denn ihre Mutter meldet sich oft in den unpassendsten Situationen bei ihr. Und jetzt hat die Krankheit erneut zugeschlagen, Katrin ist im Krankenhaus. Als Valerie sich darauf vorbereitet, wieder allein mit allen Problemen zurechtkommen zu müssen, steht Robert plötzlich vor ihr. Valerie ist froh, die Trauer, die Hilflosigkeit, teilen zu können, gleichzeitig fühlt sich das Zusammensein aber wenig vertraut, eher fremd an.

Zu viel Zeit ist vergangen, zu viele Situationen sind verstrichen, in denen sie Halt und Unterstützung bitter nötig hatte. Viele dunkle Tage haben die hellen in den Hintergrund gedrängt. Die Geschwister taumeln umher und da der rettende Familienanker fehlt, klammern sie sich gedankenlos im selben Rettungsring fest…

hell/dunkel ~ Julia Rothenburg

Das ich kein einziges Zitat markiert habe, liegt wohl möglich daran, dass ich die knapp über 300 Seiten in kurzer Zeit gelesen habe. Oder es liegt an diesen kurzen, ganz schmalen und doch treffenden Sätzen, die völlig ohne wörtliche Rede auskommen.

Julia Rothenburg hat es nicht nötig, ausschweifend literarisch zu schreiben, sie braucht keine Übertreibungen um so zu erzählen, dass der Leser berührt wird. Der Roman wird lediglich in drei Teile gegliedert, in denen man ahnt, was passiert und gleichzeitig hofft, dass es nicht so eintreten wird. Gleichzeitig ist man fasziniert von dem was geschieht und möchte, dass es sich gut anfühlt, obwohl alle Alarmglocken rot leuchten und die Grenze des Erlaubtem längst überschritten ist.

Ein kaum zu definierendes Gefühl, so zwischen peinlich berührt und doch verständnisvoll mitfühlend, hat sich in mir breit gemacht. Und es bleibt nicht aus, sich selbst zu betrachten und mit Fragen nach der eigenen Grenze zu suchen, wenn man selbst einen Bruder hat.

Bruder & Schwester

Die Autorin lässt uns Trauer, Angst und Hoffnung fühlen. Es sind die Emotionen die den größten Teil des Romans ausmachen. Valerie und Robert stehen mit ihren Gefühlen aus der Vergangenheit und der Gegenwart im Mittelpunkt. Beide gemeinsam einsam und doch gibt es die Mutter, die beide verlieren werden. Die Mutter – der Punkt in der Mitte des Kreises, um den sich die beiden Charaktere bewegen – ein Punkt der sich kalt anfühlt und farblos bleibt und auch irgendwie bleiben muss.

Das falsche Kribbeln im Bauch, was Julia Rothenburg erzeugt, muss verarbeitet werden, es muss sacken. Selten zuvor wurde ich mit einem Thema konfrontiert, was in unserer Gesellschaft verschwiegen und verpönt ist, über das ich nie nachdenken musste.

Widersprüchliche Gefühle, emotionsgeladene Charaktere, bestechende Feinfühligkeit – hell/dunkel ist richtig und falsch zugleich und löst nie zuvor erlebte Gefühlsfeuerwerke aus.

Eure
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2 Comments on hell/dunkel ~ Julia Rothenburg

  1. Hallo Bini,

    „hell/dunkel“ habe ich mir gerade signiert vom ocelot Berlin schicken lassen, da ja die Julia Rothenburg dort arbeitet. Bin jetzt noch mehr gepannt auf die widersprüchlichen Gefühle.

    Liebe Grüße,
    Simone.

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