Searching for "letztendlich sind wir"

Online fühle ich mich frei – Mein Leben im Netz

https://i0.wp.com/www.jpc.de/image/w600/front/0/9783401067247.jpg?w=640&ssl=1Was wäre wenn ihr ab heute offline sein müsstet? Würdet ihr das aushalten? Oder könnt ihr an euch doch schon die ein oder anderen Suchtzeichen feststellen? Ihr habt Angst was zu verpassen? Ihr müsst zwingend der virtuellen Welt mitteilen, was ihr gerade erlebt habt oder wo ihr euch befindet?

Dann geht es euch teilweise wohl wie Julia Kristin.

Julia ist süchtig und weiß das auch. In der Onlinewelt fühlt sie sich frei und nimmt sich die Freiheit die sie in der realen Welt nicht hat. Seit der Pubertät ist sie süchtig, sie meldet sich in mehreren sozialen Netzwerken an. Immer mehr Freunde kommen dazu, ihre Posts werden massig kommentiert und sie kann ihre Meinungen frei äußern.

In ihrem Elternhaus gibt es immer mehr Zoff. Sie ist Adoptivkind und möchte im Alter der Pubertät wissen, wer ihre wirklichen Eltern sind. Ihre Adoptiveltern finden das nicht wirklich gut und versuchen sie davon abzubringen. Doch ihr Adoptivvater besitzt einen Computer und Julia schafft es, ihre Mutter ausfindig zu machen. Doch die Begegnung mit ihr verläuft anders, als erhofft, ein kleiner Rückschlag, doch genau diese Realität kann ausgeblendet werden.

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Aleph – eine Fahrt in die Zukunft

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Endlich ein neuer Paulo Coelho – endlich.

Jedes neue Buch, das seiner Schreibfeder entspringt, erwarte ich voller Neugier und bin voller Vorfreude darauf, was mich nun erwarten wird. Endlich lag nun auch Aleph vor mir. Coelho´s Bücher muss ich einfach lesen, egal über welches Thema er schreibt, egal wie dünn oder dick sie sind, ich bin einfach Fan seiner Werke. Auch als ich Aleph in der Hand hielt ging ich nach meine persönlichen coelhoschen Schema vor. Folie ab, keinen Klappentext lesen, Schutzumschlag beiseite und ab zwischen seine oftmals spirituellen Worte.

Bahnhof. Genau dort stand ich, mit Aleph in der Hand. Eine Fahrt in die Zukunft, da schien mir Aleph genau das richtige Buch. Zwar stieg ich nicht in die Transsibirische Eisenbahn, leider, dennoch war ich unterwegs und das Fahrgefühl brachte mich dem Buch sofort näher.

Das Leben ist dieser Zug – nicht der Bahnhof. (mehr …)

Anna Gavalda…berührt vielseitig

Wir Literatwos haben Bücher in unserer Büchervilla, die kaum zählbar sind. Vor allem in den letzten Tagen sind eine Vielzahl von Neuerscheinungen bei uns eingetroffen. Natürlich reizen uns diese Bücher am Meisten, sie rufen am Lautesten. Und dennoch haben wir und vor allem nehmen wir uns die Zeit für die Buchschätze, die schon länger bei uns wohnen.

Ein bestimmtes Gefühl in mir, ließ mich in die Anna Gavalda Romanecke gehen und zu ihrem Buch „Ich habe sie geliebt“ greifen. Bisher konnte ich mit Anna Gavalda in dieser Gefühlslage nie etwas falsch machen.  Romane von einer Frau, für eine Frau, ohne das es sogenannte Liebesschnulzen sind, nein, das sind sie wahrlich nicht.

Stille Poesie.

Anna Gavalda – eine Autorin, die weiß, was es bedeutet emotional zu schreiben und das auf hohem Niveau. Sie schreibt gefühlvoll Klartext. Die Autorin benötigt weder eine Vielzahl von Protagonisten, noch Action, um Spannung zu erzeugen. Ihr reichen in diesem Werk einzig zwei Menschen, um den Leser in eine nachdenklich empfindsame Stimmungswelt zu entführen.

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Bücher lösen Gedankenketten aus…

439_40109_109945_xxlVor einiger Zeit schrieben wir einen besonderen Artikel über das Buch „Ich habe den Todesengel überlebt“ von Eva Mozes Kor. Das Buch wurde zugeklappt, aber der Inhalt hat sich festgebrannt in die Leserseele und die Gedanken wurden angekurbelt.

So sah ich mich im KZ-Buchenwald ankommen. Damals war ich 14 Jahre, die Zeit vor meiner Konfirmation. In der DDR war es damals üblich, in den Jugendstunden das Thema Holocaust zu besprechen und ein Konzentrationslager zu besuchen. Auch heute ist dies oftmals noch so üblich. Während ich die Zeilen Eva Mozes Kor las, überkam mich ein mehr als bedrückendes Gefühl. Das Gefühl, welches ich während der Besichtigung in Buchenwald hatte. Beklemmung, Traurigkeit, Hass, Wut und Entsetzen.

Lange Gespräche mit Mr. Rail über das Buch, holten letztendlich noch mehr Erinnerungen an die Oberfläche. Das große Eingangstor mit der Aufschrift „Jedem das Seine“ machte mir damals Angst. Es zu durchschreiten, war als ob ich in eine anderen Welt ging, in die ich nie gehen wollte, die es für mich am Liebsten nie gegeben haben sollte. Eva Mozes Kor musste das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ damals in Auschwitz kennen lernen, ein Tor welches auch sie ganz sicher nie durchschreiten wollte. Ihr war kalt, mir war an diesem Tag kalt und doch war ich nur zur Besichtigung dort, sie musste um ihr Überleben kämpfen. Bedrückend, ungeheuerlich, eine Vorstellung die schmerzt.

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Mit ohne dir…

„Grünrock, ich glaube es ist bald soweit. Ich habe es im Gefühl, es scheint bald Weihnachten zu sein“ sagte der Stadtbote.

„Meinst du? Sei mal grad still. Ich glaube ich habe was gehört.“ antwortete der Grünrock.

„Es ist zwar noch nicht so kalt, wie im letzten Jahr, aber die Tage sind dunkler und es scheint ewig her zu sein, das Weihnachtsfest. Mir schmerzt schon das Holz und so langsam möchte ich mal wieder einen Tannenduft riechen und selbst paffen. Meine Umhängetasche binde ich schon mal um, meine Zeitung muss ich nur noch finden. Es soll ja alles sitzen und ich möchte gut aussehen, wenn wir raus können. Ich glaube jetzt höre auch was.“ murmelte der Stadtbote.

„Psst…wir sind auch gerade wach geworden, scheinbar zum richtigen Zeitpunkt. Wir sind wohl in der Kiste über euch beiden. Bei uns ist außerdem auch das Engelspärchen. Die können noch gar nicht richtig reden, strecken und recken aber gerade ihre langen Flügel.“ meinten die zwei großen roten Rauschebartnussknacker.

„Es geht los, es geht los, wir kommen nach oben in die gute warme Stube und können sie endlich wieder sehen und nah bei ihr sein. Endlich, lang ist es her, als wir von ihr liebevoll aus unseren Kartons geholt worden sind, oder?“ fragte der Grünrock.

„Jippiee, juhuuu, endlich ist es soweit“ tönte es aus der kleinen Kiste, in der die kleinen Miniholzfigürchen untergebracht sind.

Plötzlich wurde es ganz still im Keller, das Schloss schnappte auf und das Licht wurde angestellt. Alle Bewohner der vielen Weihnachtskisten versteiften sich, hielten ihre Münder und warteten darauf, dass es losging. Sie genossen jedes Jahr aufs Neue das Geräusch der sich nähernden Schritte, das Gefühl zu schweben und letztendlich das Licht zu erblicken. Gleich, der Augenblick rückt näher. Jeder der hölzernen Weihnachtszeitgefährten war aufgeregt und freute sich auf die nun bevorstehende Zeit. Endlich wieder liebevoll aus den Kisten geholt werden, das kalte Gefühl abzustreifen und vor allem bewundert zu werden. Ansehen, umblicken, sich gegenseitig wiedersehen und hören, was es in der großen weiten Welt neues gibt. Die meisten kennen sich schon über 55 Jahre und sind sich vertraut, die jüngsten sind erst ein Jahr unter ihnen und es wird sicher auch in diesem Jahr wieder den ein oder anderen neuen Kameraden geben. Der oder die wird wohl allerdings schon da sein, hoffentlich nicht auf dem eigenen Stammplatz stehen, dies gab es aber nur einmal und wurde schnell wieder geändert. Nun war der große Moment da, die Figuren, ob Engel, Nussknacker oder Räuchermann, alle blieben starr und steif und genossen diesen Moment. Gerade stehen, nicht mehr liegen und ohne das Seidenpapier, ein weihnachtliches Gefühl.

Liebevoll wurden sie alle aus den Kisten geholt, in die Schrankwand, auf den Tisch oder vor die Bücher ins Bücherregal gestellt. Alles wie in jedem Jahr, doch etwas fühlte sich für alle anders an. Das Licht kam aus einer anderen Ecke, die Ruhe war eine andere und auch der Weg ins Wohnzimmer schien etwas länger geworden zu sein.

Eine ganze Weile verging, in der alle still stehen mussten, kein Auge durfte blinzeln, kein Wanderstab sich bewegen, keine Hand in die Höhe gehen um sich gegenseitig zuzuwinken. Die Flügel mussten senkrecht nach oben stehen, die Münder durften nicht aufklappen, der Bart der an der Nase krabbelt, durfte nicht glatt gestrichen werden.

„Nanu? Was war das? Wer war das? Und wo sind wir denn jetzt? Freunde? Ihr könnt eure Augen bewegen und euch umschauen, wir sind alleine, es brennt aber noch Licht und ich konnte nicht anders und musste mich rühren.“ sprach der Nussknacker.

„Oooohhh…wo sind wir denn? Wo ist sie denn hin?“ rief das kleine Engelchen, was neben dem Grünrock aufgestellt wurde.

„Sind wir entführt worden oder warum ist hier alles so anders? Ist es noch gar nicht Weihnachten?“ fragte der kleine Schneemann mit der Kerze.

„Nein, es ist alles richtig, auf dem Kalenderblatt steht der 12. Monat, es ist Dezember und zwar so wie ich es mir dachte, haben wir das Jahr 2011. Im Jahreszahlen merken bin ich sehr gut.“ sagte der Grünrock.

„Es stimmt, es muss so sein, denn schaut doch alle mal, wir sind nicht alleine.“ stellte der Soldatennussknacker fest.

„Hallo ihr Neulinge, wo kommt ihr denn her? Wir sind die dynamische Räucherbande. Jährlich kommt ein neuer dynamischer Begleiter dazu. Wo habt ihr denn überwintert und wo wart ihr all die Jahre davor?“ fragten sie im Chor.

Keiner traute sich zu antworten, jeder schaute sich um und wunderte sich, wo er sich befindet. Alles war fremd und anders, alles.

„Wenn ich auch mal was sagen darf, ich glaube ich kann euch Licht in die Dunkelheit bringen, denn ich habe das volle Jahr in der Helligkeit verbracht. Ich bin der Bücherwichtel und im Sommer des Jahres, als die Tage voller Sonnenschein waren, die Vögel zwitscherten und ich die grünen Bäume durchs Fenster sehen konnte, ist es passiert. Es stand ganz plötzlich ein Umzug an.“ seine Stimme stockte bei diesen Worten und ihm kullerten die Tränen auf der Wange entlang.

„Alles war wie immer und dann ging alles so schnell. Ich war diese Schnelligkeit gar nicht mehr gewöhnt und war gerade mitten in meinen Tagträumen. Auf einmal war sie weg, sie wollte nur kurz rausgehen und ihren geliebten Eichhörnchen ein paar Nüsse hinlegen, den kleinen Felixen, so nannte sie die roten Tierchen immer. Als sie wieder kam, war sie nicht alleine, es war hektisch und laut und dann kehrte Ruhe ein. Ruhe. Es wurde still, die Tür ging zu und sie kam nie wieder. Bis heute nicht. Wie ihr seht sind wir woanders, sie ist nicht mehr da. Dies ist wohl nun auch eure erste Zeit, ohne sie. Ohne die Ruhe, ohne den Sessel auf dem sie täglich saß um zu häkeln und zu sticken, ohne die Menschen die immer kamen um sie zu besuchen, ohne das stündliche Zusammensein mit ihr. Alles ist anders, seit dem Umzug. Alles.“ flüsterte er bedrückt.

Im Wohnzimmer herrschte Ruhe, nach den Worten des Bücherwichtels, denn so langsam begriffen alle, was passiert war.

„Warum sind denn die Menschenleben nicht ewig, so wie unsere? Warum können wir nicht immer alle ewig beisammen sein?“ fragte der kleine Nussknacker, der bereits schon einmal aus so einem Grund das Wohnzimmer wechselte. Das war allerdings schon eine ganze Weile her, doch er wusste zu genau, wie es sich nun für alle anfühlen musste und merkte wie es ihm jetzt zum zweiten Mal in dieser Situation ging.

„Ich kann gar nicht wirklich reden, ich glaube ich kann das gerade alles nicht glauben.“ flüsterte der Räucherpilz.

„Oh weh, oh weh, oh weh, nein, nein, es kann nicht sein! Ich war all die Jahre an ihrer Seite und sehe auch jetzt ihr fröhliches Gesicht vor mir. Jedes Jahr diese Begegnungen mit ihr und mit euch und jetzt…und jetzt…“ wimmerte der eigentlich starke und fest im Nussknackerleben stehende Grünrock.

Jeder einzelne trauerte vor sich hin oder stellte den anderen Fragen, um nicht den Boden unter den Holzfüßen zu verlieren.

„Liebe Freunde, wir hier alle, möchten euch gern bei uns aufnehmen und die Weihnachtszeit mit euch verbringen. Lasst uns zusammen rücken, für jeden einen neuen Platz finden. Ich möchte im Namen aller sprechen, wir sind alle geschockt und mussten einen Umzug noch nie selbst erleben. Gebt uns die Möglichkeit euch aufzumuntern und lasst uns unsere Lebensgeschichten austauschen.“ sagte der Kantenhockerräucherkoch.

„Es tut mir so leid euch das alles erzählen zu müssen, aber es gibt einen kleinen Trost. Nicht nur wir sind hier angekommen, sondern auch ein Großteil ihrer Bücher ist da. Wir haben also noch ein Stück alte Heimat in unserem neuen Reich. Seht mal selbst, auch hier wird gelesen und geschrieben. Die wahren buchigen Schätze sind und bleiben gleich, denn viele Bücher sind nun doppelt vorhanden. Einfach magisch, denn hier stehen ihre und die anderen die es hier schon gab, nebeneinander. Dort drüben steht „Der alte Mann und das Meer“, dort findet ihr die Erich Kästner Werke. „Nackt unter Wölfen“, „Im Westen nichts Neues“, Charles Dickens, Tolstoi und Mark Twain Bücher. „Robinson Crusoe“ steht dort, „Buddenbrooks“ da und alle Märchenbücher sind zu finden. Alle Schätze nebeneinander, ein schönes Bild was mich erfreut und auch nachdenklich macht. Wie die Bücher sich neu gefunden haben und über das Leben hinaus verbinden, haben auch wir uns wieder gefunden. Achja…eine Zeit die für uns besonders in diesem Jahr nicht leicht ist, aber wir sollten es versuchen, diese neue Zeit, mit und doch ohne ihr, zu genießen und zu leben.“ sprach er zu alten und neuen Freunden.

„Es ist Weihnachten im Himmel und auf der Erde, lasst uns ankommen und über die Zeit mit ihr reden. Da drüben, gleich neben dem Räucherkoch mit der Kerze steht ein Bild von ihr, ich denke ihr habt es bisher noch nicht gesehen. Lasst uns die Kerze anzünden und an sie denken. Weihnachten wird auch bei ihr ankommen.“ sagte der Bücherwichtel und verdrückte sich ein Tränchen.

Danke kleine Oma für dich, du hast für die Literatur gelebt, tausende von Buchschätzen um dich gehabt und immer wissen wollen, was in der Bücherwelt passiert. Diese Geschichte ist für dich, ich hoffe du kannst sie lesen.

Bianca Raum

Bücher schenken zu Weihnachten…Noch eine Empfehlung von Literatwo

Jetzt ist es bald so weit, wer jetzt noch nicht alle buchigen Weihanchtsgeschenke zusammen hat, der muss sich wirklich beeilen. Aber wir wären nicht Literatwo, wenn wir euch nicht dabei helfen würden, noch das passende Geschenk zu finden. Ob junger oder bereits älterer Leser, spielt keine Rolle. Unser Lesegeschmack zieht lange Lesefäden, an uns kommt kein Buch vorbei ohne das wir einen Blick hinein geworfen haben, das Alter spielt hier kaum eine Rolle. Hauptsache Wörter mit Inhalt der uns berührt und die Lesezeit versüßt.

Vor ein paar Tagen haben wir euch bereits einen Einblick in die von uns bevorzugten und empfohlenen Lektüren in der Weihnachtszeit gegeben. Dieser ging über die gefühlvolle Wörterfabrik, über das weihnachtliche Lichterkettenmassaker bis zu Herrn Tolkien. Einigen von euch konnten wir somit auf die buchigen Sprünge helfen und einen kleinen Kaufwegweiser geben. Das wollen wir heute gleich noch einmal tun, damit es dann nicht an uns liegt wenn ihr mit leeren Händen dasteht und damit ihr nicht sagen könnt, ihr wusstet nicht, was es für schöne Weihnachtsbücher gibt 😉

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Auch im August gibt es mal einen bitterkalten Nachmittag

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Es ist Sommer, ganz richtig. Es ist auch kein Hochsommer der eine Abkühlung in literarischer Form braucht, dennoch kommt hier eine winterliche Rezension. Mal etwas anderes und außergewöhnliches mitten im Jahr. Aber warum nicht, dachte ich mir und somit gibt es für euch einen heißen Buchtipp für die hoffentlich noch nicht bald wieder beginnenden kalten Jahreslesetage. Das Team Literatwo hatte wundervolle Lesestunden mit Gerard Donovan seinem Debüt, welches allerdings erst nach seinem Erfolgsroman „Winter in Maine“ in Deutschland veröffentlich wurde.

Es war warm, Kerzen brannten, es duftete weihnachtlich, meine Stimmung war froh, besinnlich und ich war ruhig und habe diese Zeit genossen.

„Richte das Teleskop aus.“

Von Zeit zu Zeit begab ich mich aber in die Kälte.
Draußen war es kalt, es schneite, die Temperatur sanken weiter und ich zitterte. Dieses Gefühl war mir aber auch ohne den Schritt nach draußen gegeben, denn, während ich laß, verstärkt sich dieses immer mehr. Gerard Donovan ließ mich auf seine zwei Hauptprotagonisten treffen. Diese sind der Lehrer und der Bäcker. Handlungsort ist ein Feld, auf dem der Bäcker graben soll. Er soll graben, und zwar ein tiefes Loch. Während er dies tut, werden immer mehr Menschen herbeigeschafft. Herbeigeschafft auf das Feld, den Schauplatz, auf dem sich Lehrer und Bäcker gegenüber stehen. Stumm hören die Menschen dem Gespräch zu, was langsam zwischen den beiden, an diesem bitterkalten Nachmittag entfacht. Es ist Bürgerkrieg, es ist kalt, die Stimmung unerträglich eisig. Und es wird etwas passieren, die Handlung an einem Ort, an dem nicht ausschweifend gehandelt werden kann, wird sich ausdehnen.

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Steiniges Teamwork was alles andere als steinig ist..

…denn es geht um die Leinwand. Keine Leinwand an sich, sondern „Die Leinwand“ als Buch…wobei…

Bücher verbinden. Man kann Bücher alleine lesen, aber auch zu zweit lesen macht Spaß und ist vor allem effektiver. Es verbindet ungemein und ruft eine Themenvielfalt auf, die mit wenig Worten einfach nicht abgehandelt ist.
So begaben wir uns mal wieder auf eine ganz andere buchige Ebene und nahmen uns die Leinwand, also „Die Leinwand“ als Buch des Buches vor.

Viel mehr muss hier nicht gesagt werden, denn eine gemeinsame Rezension ist das Ergebnis eines wunderbaren Erlebnisses. Nicht nur das Lesen des Buches, sondern die verschiedenen Sichtweisen, ein Treffen mit dem Autor und eine große Anzahl Gespräche sind der große Gewinn des Projektes – „Die Leinwand“.

Binea und Mr. Rail erzählen von Ihrem ganz persönlich-leinwandig- buchigen Erlebnis.

Rezension – „Die Leinwand“ von Binea und Mr. Rail

BINEA:

Wie liest man die Leinwand? Wo ist vorne? Wo ist hinten?

Gute Frage.

Als Benjamin Stein meine Leinwand signierte, kamen diese Fragen auf. Selbst er meinte, ja wo ist denn vorn? Letztendlich ist für mich selbst die Frage auch nicht geklärt und somit habe ich beide Seiten signieren lassen.

Für mich ist die Leinwand kein normales Buch, eher ein Projekt, eher ein gemeinsames Hineinfühlen und Reinleben in zwei verschiedene Personen. Die absolute Leseerfüllung, zu zweit dieses Buch lesen und von verschiedenen Seiten beginnen. Also ich für meinen Teil begann mit der Geschichte des Amnon Zichroni und ließ mich darin gleich zu Beginn fallen. Nach den ersten Seiten Lesevergnügen war ich dennoch versucht, nach Gesprächen mit meinem Lesepartner, jetzt und sofort in die Geschichte des Jan Wechsler einzusteigen. Ich wollte auch wissen, wie er gerade lebt und denkt, wer er ist, gleichzeitig aber auch Seite an Seite die ersten Lebensschritte mit Zichroni gehen. Wo steckt der tiefe Sinn des Buches, was haben der schwarze Pilotenkoffer auf der einen, was die weißen Handschuhe auf der anderen Seite zu bedeuten? Dennoch kam für mich ein Springen zwischen den Kapiteln, zwischen den Leben der beiden Protagonisten nicht in Frage, ich wollte jeden Lebensweg einzeln gehen und nach und nach die Verbindungen erfühlen und mich jeweils mit dem Einen dem Anderen entgegen treiben lassen.

Wer sind wir, was sagen unsere Erinnerungen aus und was können diese bezwecken?

„Mit jedem Erinnern formen wir um, filtern, trennen und verbinden, fügen hinzu, sparen aus und ersetzen so im Laufe der Zeit das Ursprüngliche nach und nach durch die Erinnerung an die Erinnerung. Wer wollte da noch sagen, was einmal wirklich geschehen ist?“

Amnon Zichroni ist in Meah Shearim, Yerushalayim, geboren und hat in seinen jungen Jahren eine im wahrsten Sinne des Wortes, Schlüsselszene mit seinem Vater. Daraufhin wird er zu seinem Onkel Nathan Bollag nach Zürich in die Schweiz geschickt. Nicht der wirkliche Onkel ist es, sondern ein Steinschleifer und Juweliergeschäftbesitzer, bei dem Amnon nun fortan wohnte und dort die jüdische Jungen-Schule besuchte. Für ihn blieb kaum Zeit für Träume, sein Leben war oft lückenlos verplant. Sein weiterer Lebensweg verschlug ihn nach Pekesville, Baltimore, wo er Medizin studierte und ihm vor allem auf der psychologischen Ebene seine Begabung viel weiterhalf. Der Verknüpfungspunkt, die Verbindungsfigur zwischen den beiden Hauptprotagonisten, ist der jüdische Geigenbauer Minsky. Amnon Zichroni nimmt sich seiner an und arbeitet Schritt für Schritt Minskys Vergangenheit auf und animiert ihn zum Niederschreiben seiner Vergangenheit. Diese Erinnerungen Minskys lebt Zichroni teilweise mit, er spürt hautnah die Kindheit in der Nazizeit und in den Vernichtungslagern. Das Buch wird bekannt, ist in aller Munde und erste Preise sind gewonnen. Genau an diesem Punkt wendet sich das Blatt. Denn ein Journalist namens Jan Wechsler tritt auf die Bühne des Lebens und behauptet, das Buch sei frei erfunden.

„Geduld, sagte er, sei auch eine der Übungen auf dem Weg der Frommen. Denn Ungeduld rühre immer von einem Ego her, das sich wichtiger nimmt als die Aufgabe, die ihm zugedacht ist.“

„Was ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben lässt?“

Benjamin Stein gibt dem Leser tiefe Einblicke in die jüdische Kultur, in das Leben mit seinen Sitten, Bräuchen und Gewohnheiten. Er zeigt viele Facetten im damaligen wie auch im heutigen jüdischen Leben auf und bringt diese dem Leser durch den kontrastreichen Wechsel von humorvollem Schreibstil und ernsteren Themenhintergründen nahe. Mit dieser Leinwand werden viele Fragen aufgerufen, denen sich der Leser stellen muss und welche er nach diesen beiden Büchern weiterhin in sich trägt und ständig darüber nachdenken muss. Das Glossar im Anhang klärt viele Begriffe auf, dennoch enthalten beide Geschichten viele Fragen und diffizile Situationen, die nicht von jetzt auf gleich entwirrt werden können. Die weißen Handschuhe und der schwarze Pilotenkoffer tragen dazu wohl den größten Teil bei.

Amnon Zichroni und Jan Wechsler sind für mich teils vergleichbar mit den Bewohnern auf dem Nordpol und auf dem Südpol. Der Pol ist die Gemeinsamkeit, dennoch ist ein Rollentausch oder die richtige Begegnung auf vorbeischwimmenden Schollen nicht möglich. Oder doch?

Mr. Rail:

Die Leinwand von Benjamin Stein zu lesen ist mehr als eine Herausforderung aber auch Vergnügen zugleich. Ein Buch beginne ich normalerweise Vorne! Dieses Vorne ist bei Büchern gar nicht so schwer zu finden. Und ich beende es eigentlich auf der letzten Seite. Eine einfache Übung. Sollte man denken.

Diese etablierte Vorgehensweise ist bei der „Leinwand“ nicht möglich, hat das Buch doch zwei unterschiedliche Frontseiten und damit auch verschiedene Lesewege, die zum Ende in der eigentlichen Mitte führen.

Ich entschied mich schnell für meinen Weg. Ein Einstieg im „Jan Wechsler“ Teil und ein schnurgerades Befolgen dieses Weges – das sollte meine Richtung werden. Unterstützt wurde ich von Binea, die das „Pferd“ andersrum aufzäumte, damit wir gleichzeitig lesend doch von unterschiedlichen Erfahrungen berichten konnten.

Jan Wechsler, orthodoxer Jude in München, erhält eines Tages einen Pilotenkoffer mit einem Inhalt der ihm nicht das Geringste zu sagen scheint.

Ein Paar weiße Handschuhe
Einige Bücher
Eine Sammlung von Zeitungsausschnitten
Ein Schmuckkästchen mit einem wertvollen Edelstein
Eine medizinische Fallstudie
Rituelle jüdische Kleidungsstücke

Der Kurier bedauerte, dass es so lange gedauert habe, bis der Koffer seinen Besitzer schließlich, nachdem er auf einer Rückreise von Israel nach Deutschland verloren gegangen war, wieder gefunden hatte.

Nur – Jan Wechsler war in letzter Zeit nicht in Israel gewesen, seine einzige Reise dorthin liegt mehr als zehn Jahre zurück, und er hatte niemals einen solchen Koffer verloren. Die Sichtung des Inhaltes lässt ihn aufschrecken. Neben dem Kofferanhänger mit seiner Adresse und in seiner Handschrift geschrieben findet sich auch ein Buch mit dem Titel Maskerade von Jan Wechsler. Dabei hat er nie ein Buch geschrieben. Maskerade handelt von der Enthüllung eines Betrugsfalles in dem ein gewisser Minsky angegeben hatte, als Opfer die Konzentrationslager Nazi-Deutschlands überlebt zu haben. Jener Jan Wechsel konnte das widerlegen und zerstörte damit die schriftstellerische Karriere Minskys. Aber Jan Wechsler kennt keinen Minsky.

Was soll dies alles – was passiert gerade – diese zentrale Frage treibt Jan Wechsler um, als er sich entscheidet dem Verlag zu schreiben, der Maskerade herausgegeben hatte. Die Antwort ist beunruhigend, denn der Verleger bittet Jan in alter Verbundenheit, doch keine Späße mit ihm zu veranstalten, sondern auf dem Boden zu bleiben.

Ist Jan Wechsler wirklich Jan Wechsler – warum erinnert er sich nicht an sein eigenes Buch – diese Frage beschäftigte mich eindringlich. Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche, reisen spontan nach Israel und ich erlebe, wie Jan Wechsler festgenommen und verhört wird. Hierbei geht es auch um den Verfasser der medizinischen Fallstudie, einen gewissen Amnon Zichroni, der nach einem Einbruch vor kurzer Zeit als vermisst gilt.

Und als Binea mir im Telefonat erzählte, dass sie auf dem anderen Weg durchs Buch erfahren hatte, wer den Koffer an Jan Wechsler geschickt hat, da war ich endgültig gepackt – gebannt und getrieben durch das Labyrinth einer einzigartigen Geschichte um Identität und deren schmerzhaften Verlust. Und mich beschäftigte die Frage, warum Binea sprachlos war, als ich erzählte, dass ich mit der medizinischen Fallstudie Zichronis noch nichts anzufangen wisse.

Nicht nur Jan Wechsler suchte – auch Rail und Binea. Ein einzigartiges Buch – ein Erlebnis und wir haben gefunden wonach wir suchten.

„Und angesichts eines solchen Beweises bleibt dann von meinen Erinnerungen nicht viel mehr als ein literarischer Irrtum.“

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Das soll aber nur der Anfang sein, denn auf dem Blog.Lovelybooks.de geht es weiter ! Ein Blick hinter die Kulissen, weitere persönliche Erfahrungen und viel mehr…

Viel Spaß und mal so ganz nebenbei…„Die Leinwand“ – ein MUSS.