Schatten der Welt ~ Andrea Izquierdo

Ganz große Skepsis hat mich überfallen, als ich den neuen Roman „Schatten der Welt“ (dumont) von Andreas Izquierdo in den Händen hielt. Vor Jahren habe ich seinen Roman „Apocalypsia“ gelesen, aber so richtig überzeugt war ich nach dem 620 Seiten Wälzer nicht wirklich. Da ich aber der Meinung bin, dass fast jeder eine zweite Chance erhalten sollte und mich das damalige Thema wohl auch wenig interessierte, näherte ich mich den druckfrischen 538 Seiten. Uff – wieder so ein Wälzer, aber ein völlig anderes Thema, nämlich: Erster Weltkrieg

Schatten der Welt

Meine Skepsis verflog tatsächlich schon auf der ersten Seite. Nicht nur das Schriftbild, sondern auch die Begegnung mit Carl Friedländer und seinem Vater, begeisterten mich. Andreas Izquierdo zog mich mit seinen Worten sofort zwischen die Seiten und ich fand mich neben den zwei Protagonisten auf einer Beerdigung wieder. Carls Vater ist ein jüdischer Schneider und hat immer die Ehre, die Totenbekleidung zu schneidern. Und jedes Mal wenn er sein Werk vollbracht hat, ist er sehr stolz darauf, obwohl es nur kurz bewundert werden kann. Und doch verfällt er immer ins Schwärmen, wenn er sein neustes Werk sieht, und erzählt seinem Sohn Carl von seiner Mutter. Sie ist bei Carls Geburt gestorben und Carl liebt es, wenn sein Vater von seiner schönsten Lebenszeit in Riga berichtet. Dieser Rückblick ist für ihn Seelenbalsam, denn heute leben die zwei Juden in Thorn, eine Stadt in Westpreußen, an der Armutsgrenze.

Da sich Gegensätze meist anziehen, schätz der schüchterne Carl die Freundschaft mit dem großen, kräftigen und vor allem selbstbewussten Anführer Arthur Burwitz sehr. Er beschützt Carl, stiftet ihn aber immer wieder zu Abenteuern an und meist sind diese streng verboten. Obwohl es sich erst völlig anders abzeichnet, ergänzt die freche Lehrerstochter Luise Beese das Freundschaftstrio und die drei Heranwachsenden schmieden Pläne, wie sie das große Geld verdienen können. Dabei scheuen sie keine Mühen und verkaufen Pillen und Masken gegen den Weltuntergang, denn Komet „Halley“ naht…

Carl, Arthur und Luise

Das lustige Spiel wird allerdings schnell ernst und eine Gefängnisstrafe droht. Doch nicht nur das, denn das Leben ändert sich allgemein schlagartig und die unbeschwerte Zeit endet. Der gerade knapp 14-jährige Carl beendet die Schule und nimmt eine Lehre an. Er möchte Fotograf werden. Das verdiente Geld lauert in einem geheimen Versteck und seine Ausbildung endet mit Ausbruch des Krieges. Was dann passiert, ist für die drei Freunde ein grausamer Bruch. Carl und Arthur müssen zum Kriegsdienst und auch Luise muss kämpfen, vorwiegend in ihrer eigenen Familie.

Schatten der Welt ~ Andrea Izquierdo

Das Freundschaftsband wird arg strapaziert und auch die frische Liebe zwischen Arthur und Luise ist gefährdet. Der Erste Weltkrieg ist übermächtig…

Erster Weltkrieg

Andreas Izquierdo hat mir kaum eine Pause zum Durchatmen und Entspannen gegeben, obwohl ich das Buch komplett im Urlaub, am Strand, gelesen habe. Carl, Arthur und Luise konnte ich nicht alleine lassen, zu übermächtig waren die Geschehnisse. Und mir sind alle drei gleichermaßen ans Herz gewachsen und meine Sorge war groß, einen der drei zu verlieren. Ich kann kaum beschreiben, wie stark mich der Roman emotional mitgenommen hat und wie dankbar ich bin, dass ich diese Kriegszeit nicht erleben musste. Ja, auch heute haben wir viel zu bewältigen und kämpfen an ganz anderen Fronten, aber die sind mit dem Leben ab dem Jahr 1910 überhaupt nicht zu vergleichen.

Kriegsfotografie

Es gibt keinen Menschen, dem ich das Buch nicht in die Hand drücken würde. Anfangs liest sich der Roman wie ein großes Abenteuer, da die drei Charaktere noch unbeschwert sind und wirklich viele Streiche aushecken. Ich musste so oft lachen, mir standen teilweise die Tränen in den Augen. Zumal der Abenteuerroman gleichzeitig auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit allen Facetten ist. Absolut herzallerliebst. Und wer gern historische Romane liest, kommt natürlich auf seine Kosten, denn Autor Izquierdo hat viel recherchiert und berichtet über die Stadt Thorn/Toruń in Polen. Es gibt sogar einen Stadtplan im Roman. Zudem wird der Beruf des Kriegsfotografen beleuchtet, über den ich bisher fast überhaupt nichts wusste. Ein sagenhaft spannender Blick hinter die Kriegskulissen mit natürlich kräftezehrenden und erschreckenden Bildern. Doch vorerst steht die Fotografie mit ihren Techniken und ihrer Entwicklung im Mittelpunkt. Ein sehr vielseitiges und spannendes Thema.

Ja, der Roman ist heftig und schlimm, aber so wichtig und lehrreich zugleich. Mag sein, dass einige Stellen einfach gestrickt sind, aber die braucht es, um die Geschichte eindringlich und unvergessen zu machen. Der Wälzer ist wirklich gewaltig und im wahrsten Sinne des Wortes vielseitig, ich möchte sagen: grandios! Lebhaft, lebendig, realistisch, emotional bewegend und er brennt sich ganz tief in das Leserherz.

Lebenshürden & Schicksalsschläge

Skepsis ist hier tatsächlich fehl am Platz, denn die Seiten sprühen vor Energie und Abwechslung. Wichtig zu wissen ist, dass die drei Freunde überleben und sich mutig allen Lebenhürden stellen, obwohl Schicksalsschläge niederprasseln. Ich bin durch und durch beeindruckt und darf verraten, dass Andreas Izquierdo weiter schreibt, auch wenn man mit dem Ende des Romans durchaus leben kann.

Ganz große Leseempfehlung – ein Gefühlskino der ganz großen Sorte. Beeindruckend!

Hintergründe – Schatten der Welt

Alle die den Roman schon verschlungen haben, sollten dringlichst auf die Homepage zum Buch „SchattenderWelt“ klicken, denn da lässt es sich vortrefflich erneut versinken. Es gibt nicht nur Hintergründe zur Glasplattenfotografie, den drei Figuren, der Stadt Thorn und über den Halleyschen Kometen, sondern auch einen Fotowettbewerb.


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