Schnee in Amsterdam ~ Bernard MacLaverty

Schnee habe ich in Amsterdam noch nicht erleben dürfen und doch habe ich Amsterdam in mein Herz geschlossen. Eine so wundervolle Stadt, so weltoffen, so leicht, so verwinkelt und verspielt, freundlich und verdammt loyal und locker. Als ich den Titel von Bernard MacLavertys Roman las, wusste ich, dass ich den Roman dringend lesen muss. Ein Buch das mich zurück nach Amsterdam bringt und ein paar Tage lesend in der Stadt verweilen lässt.

Die Iren Stella und Gerry wohnen in Schottland und verbringen nun ein paar Tage in Amsterdam. Sie wollen die Tage nutzen, um ihren Ruhestandsalltag zu unterbrechen. Beide sind über sechzig Jahre und seit mehr als 20 Jahren verheiratet. Ein richtiges altes Ehepaar, wenn man das so sagen möchte, im Herzen allerdings jung geblieben. Beide kennen sich und ihre Fehler, ihre Macken und ihre Vorlieben. Ihr gemeinsamer Sohn lebt inzwischen mit einer eigenen Familie in Kanada, ihre Eltern sind gestorben und so sind die beiden wieder gemeinsam allein.

Ruhestandsalltag

Gerry ist ehemaliger Architekt, Stella war Lehrerin und nun sind beide in Rente und verbringen die Tage zusammen. In Hotelzimmern kommt man sich immer näher, als in einer Wohnung. Nicht nur die positiven Seiten, vor allem auch die negativen Seiten spürt man intensiver. So bemerkt Stella, dass ihr Mann doch viel mehr Alkohol trinkt, als sie dachte und sie merkt, dass das Ereignis vor vielen Jahren in Belfast noch immer ihre Gedanken bestimmt.

Gerry ist ebenfalls bewusst, dass der Alkohol inzwischen sein bester Freund ist. Er hilft ihm die Geister der Vergangenheit zu verbannen, er holt sie aber auch manchmal wieder hervor. Für ihn wird die heimliche Beschaffung von Nachschub in Amsterdam eine Herausforderung. Stellas Gedanken und vor allem das Gelübde, was sie damals ablegte, sind ihm gänzlich unbekannt, ebenso der Plan den sie verfolgt, denn sie sind nicht nur in Amsterdam, um Urlaub zu machen…

„Ich möchte etwas Besseres. In der Zeit, die mir noch bleibt.“ (Seite 128)

Schnee in Amsterdam ~ Bernard MacLaverty

So leise und sanft wie Schnee, lässt Autor MacLaverty die Worte rieseln. Ganz sachte und langsam lernen wir Stella und Gerry kennen. Jedes Wort bringt uns die zwei Charaktere ganz intensiv näher. Schnell sind wir mit den beiden vertraut und bereit für den gemeinsamen Urlaub in Amsterdam. Bernard MacLaverty lässt uns beide Protagonisten in gleicher Höhe erleben. Zumindest habe ich es so empfunden, dass ich beiden gegenüber recht neutral war, keine Vorurteile aufbauen, beide verstehen und mögen wollte.

Schnee in Amsterdam

„Schnee in Amsterdam“ (C.H.Beck) passt hervorragend zum Winter, denn das Ende verläuft in ein gefühliges Schneechaos. Nie zuvor habe ich einen Roman gelesen, der sich thematisch mit einem älterem Ehepaar auseinandersetzt, welches an einem tief kritischem Scheidepunkt angekommen ist und dennoch liebevoll miteinander umgeht. Stella und Gerry zollen sich großen Respekt, obwohl sie beide Momente erleben, in denen sie sich gern gegenseitig die Augen auskratzen wollen. Beide Figuren haben einen wundervoll trockenen Humor und gern vergisst man ihr Alter, wenn man ihren Unterhaltungen lauscht. Ich habe beim Lesen viel schmunzeln können, eben weil beide so besonders miteinander umgehen. So vertraut, aber auch trotzdem fremd. Nach so vielen Ehejahren lernen sich beide neu kennen, brechen aus und sind dann doch wieder im alten Trott.

Falls Bernhard MacLaverty beabsichtigt hat, eine Geschichte zu schreiben, die Herzen berühren und gleichzeitig den Leser mit dem Ruhestandsalltag konfrontieren soll, ist es ihm sehr gelungen. Es ist keine unbequeme Konfrontation, eher eine notwendige und schöne. Ganz große Verschenkempfehlung von mir – an sich selbst, an die Eltern, an die Großeltern.

Mit „Schnee in Amsterdam“ kann man nichts falsch machen – er ist für jedermann geeignet, entschleunigt, entspannt und ist purer Balsam für die Leserseele.

Eure
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