2

Schlagwort: Depression

Meeresrand ~ Véronique Olmi

Meeresrand ~ Véronique Olmi

Was war ich neulich erschüttert. Meine Oma hat mich total aus der Fassung gebracht, als ich sie mit meiner neusten buchigen Errungenschaft, „Meeresrand“ von Véronique Olmi, in der Hand, sah. Natürlich kann sie mein Buch ansehen, aber doch nicht die letzte Seite lesen, mich entsetzt ansehen und sagen: „Oh nein, das wäre kein Buch für mich. Das ist ja schlimm.“ Ich habe bis zu diesem Tag nicht gewusst, dass meine Oma auch so eine ist. Eine die das Ende zuerst liest. Sie macht das immer so, antwortete sie mir ganz trocken. Ich wusste also, dass mich das Ende packen wird, aber nun mal von vorn und natürlich verrate ich dir nicht, was auf der letzten Seite passiert.

Am Indiebookday habe ich mir in der Buchhandlung „LeseLust“ dieses schmale Buch gekauft. Buchhändler Sven Bernitt meinte, dass ich mich darauf einlassen muss, da Olmi sehr eigen & poetisch schreibt. Umso neugieriger wurde ich und innerhalb weniger Stunden war ich durch. Nicht zum ersten Mal machte ich die Erfahrung, dass oftmals die kleinen, schmalen, unscheinbaren Bücher erschlagen und nicht die dicken, schweren. Olmis Buch hat mir sehr zugesetzt und es ist keinesfalls ein Buch für zarte Gemüter oder gar junge Mütter. Ich kann dir gar nicht sagen, wem ich es empfehlen würde. Es ist jedenfalls keine Strandlektüre und es wirkt heftig nach, erschüttert und verstört.

Meeresrand

Ich mag es, am Meeresrand zu stehen. Die Füße im Sand, die wärmende Sonne auf dem Körper, lachende und entspannte Menschen um mich herum. Einmal am Jahr muss ich zum Meer. Lesend bin ich gerade zurück, allerdings war es kalt, es hat geregnet und die Stimmung war düster. Ein unheilvoller Ausflug, den ich so nicht wiederholen möchte.

Meeresrand ~ Véronique Olmi

Die Kinder sollen das Meer sehen. Das Meer ist für Kevin (5), Stan (9) und ihre Mutter in greifbarer Nähe. Sie fahren mit dem Nachtbus ans Meer. Die Kinder sind müde, es ist kein Reisewetter und es sind auch keine Ferien. Doch die Mutter meint es gut, sie möchte einmal nur mit ihnen verreisen, ihnen zeigen, wie schön es am Meer ist. Sie möchte mit ihnen zusammen sein, die Depression ausblenden, auf die Kirmes gehen, einfach viele schöne Stunden verbringen.

Atemraubend

Das Hotel ist eine Absteige, die Sachen sind nass vom Regen, es wird nicht richtig wohnlich warm und das Geld war nie vorhanden. In einer Teedose ist noch ein wenig Klimpergeld, die Mutter ist müde, die Kinder sind hungrig und Stan muss für Kevin und auch für seine Mutter da sein. Er war schon immer der starke große Junge, der alles überwacht, sich fremdschämt und doch da ist, wenn in ihr die Panik ausbricht.

„Ich könnte nicht einen ganzen Tag lang aufbleiben, dies oder das erledigen, liebenswürdig sein, höflich und strahlend, nein, ich könnte nie einen ganzen Tag lang die Augen offenhalten. Schade, daß der Schlaf zwei Gesichter hat: Vergessen, aber auch Bedrohung. Nie weiß man im vorhinein, auf welche Seite man fällt.“ (Seite 63)

Véronique Olmi ist eine wahrhaft großartige Erzählerin. Sie packt uns Leser an der Wurzel und lässt uns die Stimmung aufsaugen. Sie flößt uns zärtlich zerstörerische Worte ein und schiebt uns ganz langsam und kaum spürbar an den Meeresrand. Es gibt keine Dialoge, wir erleben die Reise aus Sicht der sozialschwachen Mutter. Wir erlesen ihre Gedanken, handeln mit ihr und können nicht eingreifen, nur zusehen. Olmi spült uns den Sand aus den Augen und lässt das Meeressalz darin kribbeln.

Dramatisch, intensiv, deprimierend düster, bedrückend, hoffnungslos, atemraubend und massiv erschütternd. Sprachlich grandios und tagelang nachwirkend.

Im Regal sollte „Meeresrand“ (Kunstmann) neben „Dann schalf auch du(Luchterhand) von Leïla Slimani stehen. Verstörend, aber gut.

Eure
literatwo_banner

Matt Haig hat ziemlich gute Lebensgründe

Ziemliche gute Gründe, am Leben zu bleiben ~ Matt Haig
Ziemliche gute Gründe, am Leben zu bleiben ~ Matt Haig

für euch, denn ihr solltet, genau wie er, am Leben bleiben! Abhauen ist feige – okay?!

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben (dtv) von Matt Haig wollte ich eigentlich überhaupt nicht lesen. Ehrlich gesagt, ist meine Mama dran schuld, dass ich das Buch gelesen habe. Dabei hat sie es noch nicht einmal selbst gelesen. Warum nicht? Na, weil ich es habe. Und nun? Bekommt sie es demnächst und bei aller Euphorie muss ich euch ein wenig bremsen, denn ich bin nicht so begeistert, wie ich anfangs dachte. Die ersten Seiten haben sich wie Nichts weggelesen und dann?

Genauso habe ich es auch meiner Mama gesagt, obwohl ich mit diesen Worten nicht negativ beeinflussen will. Absolut nicht, denn ich glaube, dass der Roman einfach zur falschen Zeit in mein Lesen gekommen ist. Das passiert mir zum Glück nur sehr sehr selten, aber in dem Fall ist es mir einfach passiert. Keine Ahnung warum und ehrlich gesagt, keine Ahnung wann der richtige Moment im Leben für Matt Haigs Buch ist, aber es wird ihn bestimmt geben.

„Der Unterschied zwischen Depression und Trauigkeit ist ungefähr so groß wie der zwischen wirklichem Verhungern und leichtem Appetit.“ (Seite 109)

Ziemliche gute Gründe, am Leben zu bleiben ~ Matt Haig
Ziemliche gute Gründe, am Leben zu bleiben ~ Matt Haig

Das Leben ist schön und Matt Haig erzählt euch in seinem Werk davon. Zumindest am Ende, denn zuerst nimmt er euch mit durch seine tiefen Phasen der Depression. Ja, wer noch keine Depressionen hatte und sich mit der Krankheit noch nicht auseinander setzten musste, wird das Wort belächeln. Keine anderen Krankheit wird wohl so oft belächelt wie die Depression. Warum eigentlich? Weil Despression so harmlos klingt? Weil es von vielen unserer Mitmenschen einfach abgetan wird? Es ist das große Loch der Unwissenheit, welches uns wahrscheinlich abwinken lässt.

Als mich meine Mama nach dem Buch fragte, wurde ich hellhörig. Natürlich ist es mir schon über den buchigen Weg gelaufen. Auf der Messe, auf anderen Blogs, in Buchhandlungen und immer dachte ich: nein, das musst du nicht lesen. Neugierig war ich allerdings, dass möchte ich nicht leugnen. In der Tageszeitung hat meine Mama dann die kleine Werbeanzeige gefunden und genau diese hat sie mir unter die Nase gehalten und gefragt, ob ich dieses Buch kenne und mir gesagt, dass sie es gerne lesen möchte, egal ob ich es empfehle oder nicht.

Nun denn – jetzt bekommt sie es und ich habe es anfangs verschlungen und zum Ende hin mehr oder weniger durchgeblättert.

In fünf Kapitel mir Vor- und Nachworten hat Matt Haig sein Buch geteilt.

  1. Fallen
  2. Landen
  3. Aufstehen
  4. Leben
  5. Sein

Haig berührt fast durchweg mit seinen Worten. Auf 300 Seiten erzählt er vom Fallen, wie er gelandet ist und wie er es geschafft hat, wieder aufzustehen. Dabei zeigt er, wie wichtig es ist, dass anderen Menschen gerade dann im Leben bleiben, wenn eine Krankheit um sich schlägt. Hut ab vor seiner Freundin und allen Menschen die immer bei ihm waren. So muss es sein. Keine Selbstverständlichkeit – bewundernswert!

Ziemliche gute Gründe, am Leben zu bleiben ~ Matt Haig
Ziemliche gute Gründe, am Leben zu bleiben ~ Matt Haig

In meinem Umfeld leidet zum Glück keiner an Depressionen. Was diese anrichten können, habe ich nun gelernt. Die Krankheit gilt es ernst zu nehmen. Matt Haig kann inzwischen leben und sein. Ein gutes Gefühl.

Auch wenn Haig mich nicht immer im Buch halten konnte, hat er mich berührt. Vor allem wie der Roman, das Sachbuch, seine Biografie, wie auch immer man es nennen mag, aufgebaut ist, ist genial. Sein Schreibstil ist schon unwahrscheinlich nah und dazu die lockeren Passagen mit trockenem Humor und die schmal bedruckten Seiten, mit Auszügen aus Gesprächen mit seinem damaligen und heutigen ICH – einfach anders und anders gut, um an den Leser heranzudringen. Oftmals sind die kurzen Kapitel mit einem Wort überschrieben und dieses wird dann tiefgründig anhand einer Lebenssituationen beleuchtet. Haig zählt Symptome auf, er erstellt Listen, er gibt Ratschläge und er hat andere Menschen gefragt, warum man am Leben bleiben sollte. Lebensgründe mit Tiefgang.

Die Seiten haben mich wohl mit am meisten berührt – uff…

Das Leben ist bunt und wir müssen es genießen und es wird immer und immer wieder Hochs und Tiefs geben – dazu sind Freunde und Familie da – zusammen halten, egal ob das Leben hell oder dunkelbunt ist. Uns gibt es alle nur einmal – dies hat mir Haig erneut bewusst gemacht. Danke dafür!

Eure
literatwo_banner