Unter der Haut ~ Körpergeschichten

Ich habe mit dem Buch „Unter der Haut“ (Goldmann) mal ein kleines persönliches Experiment gewagt. Essays, Texte, kurze Geschichten, kleine Beiträge sind noch nie mein bevorzugtes Lesegebiet gewesen und doch wollte ich ausprobieren, ob mir die literarische Reise durch den Körper gefällt. Ich erhoffte mir, nicht nur über die einzelnen Organe etwas zu erfahren, sondern auch über die Autor*innen und ihre Beweggründe zu den jeweiligen Texten.

Vielleicht ist das Experiment nicht zu 100% geglückt, aber auch 70% können befriedigend sein.

Unter der Haut

Mein Experiment begann schon ganz am Anfang des Jahres. Da habe ich mir vorgenommen, abendlich ein Essay von den insgesamt 15 zu lesen. Klingt einfach, war es aber nicht, was nicht unbedingt mit den Texten zu tun hatte. Schon die Einleitung von Thomas Lynch, der am Ende des Buches über die Gebärmutter schreibt, hat mich sehr bewegt. Anhand von Zitaten bereitet er ganz nüchtern auf die Essaysammlung vor und schafft es mit wenigen Worten, dieses Gefühl des in sich Hineinhorchens zu vermitteln.

Meine Gedanken begannen sich sofort um meinen eigenen Körper zu drehen – mich von außen zu betrachten, so ganz grob: Knochen, Blut, Innereien und dann von der Gefühlsseite her – Sehnsüchte, Empfindungen, Sorgen. Das hat mir sehr gut gefallen und umso neugieriger war ich auf den folgenden Text von Naomi Alderman, die mir vom Roman „Die Gabe“ bekannt ist.

Organe

Sie widmet sich dem Verdauungstrakt – sehr interessant und die folgenden zwei Zitate sind hervorragend:

„Mund, Anus und dazwischen die Gedärme, die Schönheit in Fäulnis und Genuss in Abscheu verwandeln. Hier kommt es hart auf hart in unserer Beziehung zu unserem Körper…“ (Seite 15)

„Worauf ich hinauswill, ist, dass das, was in unserem Darm vor sich geht, rätselhaft, verblüffend und sehr viel komplexer und intelligenter ist, als wir ahnen, wenn wir unseren stinkenden Kot betrachten und uns fragen: Wie konnte das bloß aus mir herauskommen?“ (Seite 22)

Fasziniert hat mich auch der Text von Christina Patterson über die Haut.

„Bei den meisten von uns macht die Haut gewöhnlich das, wozu sie bestimmt ist. Sie hält alles zusammen. Sie wahrt die Temperatur, die Ihr Körper zum Überleben braucht. Sie dehnt sich und zieht sich zusammen, wie es gerade erforderlich ist, sie beschützt Sie vor Gefahren und warnt Sie vor Schmerz. Und sie ermöglicht es ihnen, die wärmenden Sonnenstrahlen oder das erregende Knistern der Berührung eines Geliebten zu spüren.“ (Seite 36)

Da bekommt man gleich Gänsehaut oder? Pass immer gut auf dein größtes Körperorgan auf 🙂

Nase ~ Blinddarm ~ Auge

A.L. Kennedy widmet sich der Nase und Ned Beauman widmet sich dem Blinddarm. Beeindruckt hat mich der Beitrag von Abi Curtis über das Auge. Ihre Worte sind wirklich tief und sehr emotional. Sie erzählt sehr intim und lässt uns an ihren Erfahrungen in einem Lehrkrankenhaus teilhaben. Da habe ich direkt feuchte Augen bekommen. Sehr lesenswert!

Blut ~ Gallenblase

Auch Kayo Chingonyi hat mich mit seinen Worten über das Blut begeistert. Zu Beginn habe ich mich noch verwundert gefragt, ob er denn dann auch mal „endlich“ was übers Blut erzählt und schon legte er sein Privatleben offen. Er schreibt über HIV und sein Geburtsland Sambia. Ergreifend!

Gleich im Anschluss daran bleibt es sehr privat, denn Mark Ravehill erzählt über die Gallenblase und seine Erfahrungen mit Gallensteinen. Ein sehr amüsanter und wirklich informativer Text, gerade wenn man im Bekanntenkreis Menschen ohne Gallenblase hat.

Unter der Haut ~ Körpergeschichten

Darm ~ Niere

William Fiennes schreibt ganz ungeschönt über den Darm, vor allem darüber wie es ist, wenn man einen künstlichen Darmausgang, ein Stoma, hat. Der Text könnte kaum besser sein, da er von seinen eigenen Erfahrungen erzählt. Er schreibt sehr locker über kein einfaches Thema – auch hier habe ich schon Erfahrungen im Bekanntenkreis sammeln dürfen – und er brachte mich wirklich zum Schmunzeln. Ich unterstelle ihm, dass er beim Schreiben durchweg verschmitzt geschaut hat. Ein spitzenmäßiger Beitrag!

Über die Niere schreibt Annie Freud – ein Text, dem ich erst etwas skeptisch gegenüber war. Und doch ist er sehr aufschlussreich, enthält sogar ein Rezept, ein Gedicht und Anni Freud hegt eine besondere Zuneigung zu den Nieren ihres Mannes – das musst du aber selbst erlesen. 🙂

Gehirn ~ Lunge ~ Ohr

Was ich da über das Gehirn im Zusammenhang mit John F. Kennedys jüngerer Schwester Rosemary von Philip Kerr lesen musste, hat mich wirklich verstört. Ein Skandal – ein schlimmer Fehler, eine Familientragödie – ich bekomme gleich Gänsehaut. Die Worte werde ich wohl nie vergessen können. Der Autor schreibt auch hervorragende Kinderbücher, wie mir berichtet wurde. Mit denen werde ich mich wohl mal näher beschäftigen.

Ein wahrlich spannendes Organ ist auch unsere Lunge, der sich Autor Daljit Nagra gewidmet hat. Er schreibt über Asthma und zu was unsere Lunge alles fähig ist. Am Ende erfahren wir einiges über den Atemdruck und bekommen den Zusammenhang zwischen der Lunge und einem Gedicht präsentiert. Du verstehst nicht richtig? Dann hier eine Zitatkostprobe:

„Ein Gedicht ist also, sage ich jetzt mit meinem neu erworbenen Wissen, ein körperliches Ereignis. Ein Gedicht verändert das Bewusstsein des Lesers für seinen Brustkorb und sein Zwerchfell. Ein Gedicht kann helfen, im Thorax Luftströme zu erzeugen, die auf die Lunge beruhigend oder erregend wirken können.“ (Seite 147)

Was passiert, wenn jemand unseren Namen ruft, erklärt Patrick McGuinness in seinem Essay über das Ohr. Auch sehr gut geschrieben!

„Unsere Ohren blenden es wieder aus, aber sie bleiben wachsam, sie bleiben offen, sie schalten sich nie aus.“ (Seite 160)

Schilddrüse ~ Leber ~ Gebärmutter

Auch die letzten drei Essays haben mir gut gefallen. Vor allem habe ich wahnsinnig viel über die Schilddrüse von Chibundu Onuzo erfahren. Sagenhaft, wie wichtig es ist, dass die Schilddrüse gut funktioniert und richtig funktioniert. Aber auch beruhigend, dass es Medikamente gibt, wenn sie evtl. entfernt werden muss. Sehr lehrreich, absolut!

Großes Interesse hatte ich auch am Text über die Leber von Imtiaz Dharker. Das hängt auch damit zusammen, dass meine Freundin einen Teil ihrer Leber gespendet hat. Ein sehr starker und beeindruckender Schritt – eine große und großartige Leistung. Dharker erzählt auch, wieso er über die Leber schreibt und warum die Leber der wahre Sitz der Gefühle ist.

Wie zu Beginn erwähnt, widmet sich Thomas Lynch der Gebärmutter. Das Ursprungsorgan – wir waren alle mal in einer Gebärmutter drin. Ein wirklich runder Abschluss und ein ebenfalls mehr als wichtiges Organ und ein sehr origineller Text. Spitze!

Natürlich gibt es nach den 15 Essays noch einen Zitat-Nachweis und einen Bildnachweis zu finden und ein paar knappe Worte über die Autor*innen. Trotz das mich nicht alle Essays überzeugen konnten, ist mir der Roman doch ans Herz gewachsen. Das passt ja auch 😉

Literarisch lesenswert!

Bedeutet also: absolut literarisch lesenswerte Essays. Amüsant und gut verpackt, um unkompliziert Wissenswertes über unseren Körper mitzunehmen. Eine große Empfehlung für Leser*innen die Sachbücher/Kurzgeschichten mögen. Für Medizinprofis auf jeden Fall eine gute Unterhaltung.

„Unter der Haut“ ist nicht nur eine Reise durch unseren Körper, sondern auch eine Reise durch die Gedanken der Autor*innen und ihre Beweggründe und Verbindungen zum jeweiligen Text und Organ.

Eure
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