Warten auf Schnee ~ Karoline Menge

Ich habe es vor dem ersten Schnee geschafft, ich bin zurück und völlig fertig. In mir tobt ein Schneesturm, Karoline Menge hat ihn entfacht und mich recht bedrückt zurück gelassen. Ich fühle mich so, als ob ich auf einem großen Feld stehe, knietief im Schnee – gerade habe ich noch Spuren im Schnee gesehen, nun sind sie weg und ich frage mich, ob ich mir das alles nur eingebildet habe. Friere ich?

Wo genau ich war, kann ich nicht sagen. Das Dorf hatte keine Namen, größtenteils habe ich mich aber im Haus am Sandweg, am Rande des Dorfes aufgehalten. Bei Pauli, bei Pauline – 16 Jahre und bei ihrer jüngeren Schwester Karine. Sie ist allerdings nicht ihre leibliche Schwester, sondern ihre Mutter hat sie damals zu sich und Pauli geholt. Damals, als die Mutter noch da war. Damals war der Vater allerdings schon weg. Als ich merkte, dass ich immer mehr in Paulis Welt schlitterte, wollte ich auch weg, doch ich konnte nicht. Ich bin an die Seiten angefroren und außerdem: ich konnte doch nicht auch noch gehen…

Es schneit…

Karoline Menge hat mich zu Pauline gebracht und verhindert, dass ich so wie alle anderen auch, aus dem Dorf flüchte. Hinter die Hügel, dort wo alle hingeflüchtet sind. Doch warum hat es mich bei Pauline gehalten? Weil ich nicht so eigensinnig wie ihre Mutter bin? Oder war es meine Neugierde? Meine Hoffnung auf ein gutes Ende auf der letzten Seite? Gar ein Wiedersehen? Eine Rückkehr?

„Schnee säubert. Er sieht nicht nur schön aus, wenn er massenhaft auf dem Land liegt, er verschwindet auch von allein, niemand muss sich wirklich darum kümmern. Und dann, ist er einmal verschwunden, erscheint alles in neuem Glanz.“ (Seite 198)

Warten auf Schnee ~ Karoline Menge

Es schneit noch nicht und obwohl Paulis Mutter vorgesorgt hat, gehen die Vorräte und das Holz zum Heizen langsam zu Ende. Pauli versucht stark zu sein, sie versucht einen festen Tagesablauf beizubehalten und dazu gehört es auch, die alte Frau Rosamunde zu besuchen. Sie ist wirr und scheinbar die letzte Verbliebene im Dorf. Sie kann die Einsamkeit nicht verdrängen, ebenso die stetig wachsende Angst von Pauline. Früher gab es einen Hund, die Kühe auf der Weide von Bauer Holm, ihre Familie und ihren einzigen Vertrauten, den Jungen Powel. Ihre Heimat beginnt Pauli zu bedrohen, zu jagen und es dauert nicht mehr lange, dann wird der Schnee kommen und die letzten Spuren verwischen.

Schnee

Warum wurden Pauli und Karine allein gelassen? Pauli versucht krampfhaft Antworten zu finden. Dabei nimmt sie uns mit in die Vergangenheit und wir erfahren, dass ihre Mutter nur verkleidet ins Dorf ging, dass sie etwas gegen gesetzestreue Menschen hatte, das immer nur die Frauen in der Familie seltsam wurden. Wir erfahren wie sie Paulis Vater kennenlernte, wie sie nach dem Weggang ihres Mannes erstarrte, wie lose sie die Zügel der Erziehung hielt und Pauli zur Welt brachte. Pauli erzählt wie Karine in die Familie gekommen ist, wie Karine sich verändert hat und Pauline spricht über sich, ihre Umgebung. Und dann? Und dann hören wir einen Wolf heulen.

Es ist die Ungewissheit, die mich durch „Warten auf Schnee“ (Frankfurter Verlagsanstalt) getrieben hat. Die Neugierde, wohl auch die Ahnungslosigkeit, Unheimlichkeit diese Rätselhaftigkeit – ich kann es kaum sagen. Karoline Menge gibt uns keine Erklärungen, sie lässt uns mit unseren Gedanken zurück, gibt uns keine Gewissheit über den Verbleib der Protagonisten. Muss es immer eine klare Linie geben? Brauchen wir immer Antworten? Nein – zumindest dann nicht, wenn es viele Geschichten in der Geschichte gibt, eine atmosphärische Umgebung, und ein paar sehr gruselige, bedrohliche Szenen bei denen die Gänsehaut über den Körper kriecht.

Ich unterstelle, dass der Buchumschlag mit Absicht glatt gestaltet ist – man kann Fingerabdrücke, wie Spuren im Schnee hinterlassen und es ist ein gruseliger Effekt, wenn das Buch ganz langsam aus den vor Spannung und Ungewissheit schwitzigen Händen rutscht.

Im Bücherregal habe ich den Roman von Karoline Menge neben „Altes Land“ von Dörte Hansen und „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky gestellt.

Eure
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