Die uns lieben ~ Jenna Blum
Die uns lieben ~ Jenna Blum

„Die uns lieben“ (Aufbau Verlag) von Jenna Blum habe ich nun seit 2015 unglesen im Regal stehen. Oft habe ich es zur Hand genommen, mir das Cover angesehen und wieder zurück gestellt. Welch Fehler wie ich nun weiß, denn ich habe die über 500 Seiten recht schnell gelesen und bin wirklich emotional bewegt und das hätte ich schon viel eher haben können. Ja, ich selbst lese viel und doch bin ich der Meinung, dass diesen Artikel hier Leser lesen, die ebenfalls „Die Bücherdiebin“ und „Die Nachtigall“ kennen. Richtig?

Auf den ersten Seiten musste ich gerade an die zwei genannten Bücher denken. Ein gutes Lesegefühl im Sinne von 1 (Bücherdiebin) + 1 (Nachtigall) = 2 (Die uns lieben) machte sich in mir breit und begleitet mich noch über die Seiten hinaus. Warum ist Jenna Blums Buch so besonders, obwohl es doch schon so viel gute Literatur über die grausame Vergangenheit gibt? Ich glaube es liegt an den zwei Protagonistinnen – Anna und Tochter Trudy, es liegt an der Verschwiegenheit, an der fehlenden Liebesgeschichte und der tiefgründigen Recherche der Autorin selbst.

„Backe, backe Kuchen!“

Der Bäcker hat gerufen.

„Wer will guten Kuchen bbacken,

Der muss haben sieben Sachen:

Eier und Schmalz,

Zucker und Salz…“ (Seite 389)

Die uns lieben ~ Jenna Blum
Die uns lieben ~ Jenna Blum

Bevor ich euch mehr über den Inhalt erzähle, solltet ihr wissen, dass die Autorin selbst Amerikanerin ist und keine richtige familiäre Verwurzelung nach Deutschland hat. Die Großeltern ihrer Mutter sind aus Deutschland und doch liegt Jenna die Geschichte der damaligen Zeit im Blut und im Herzen und aus diesem Grund bereiste sie nicht nur Deutschland, sondern interviewte für Steven Spielbergs Survivors of the Shoah Foundation eine Vielzahl von Überlebende/Zeitzeugen. Einige der Interviews sind im Roman zu finden, allerdings nicht im Original, aber Jenna Blum hat die emotionale Atmosphäre und die Bandbreite der Emfpindungen natürlich eingebracht. Warum die Interwievs nicht 1:1 abgedruckt sind hat natürlich einen Grund und dieser steckt unter anderen in der Antwort auf die Frage „Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Buch gekommen?“. Ich bin bestimmt kein Verfechter von Nachworten und gern überblätter ich diese. Hier allerdings ist die Nachwort die Krönung.

Krönendes Nachwort

Ohne bisher ein Wort über den Inhalt und doch schon so viel drumherum geschrieben zu haben, zeigt, dass der Roman nicht spurlos vorbeigeht und schon komplex ist. Es schließen sich eben Kreise und der Roman ist eindeutig heftig und auch schön, denn auch zwischen schwarz und schwarz gibt es kleine helle Punkte.

Es ist mir kaum möglich, mich kurz zu fassen, denn zu sehr wirkt der Inhalt noch nach. Jenna Blum hätte sich an einigen Stellen bestimmt knapper ausdrücken können, jedoch würde ihr Roman dann nicht so gewaltig auf die Leserseele drücken.

„Die Vergangenheit ist tot, und es ist besser, wenn das auch so bleibt.“ (Seite 95)

Annas Tochter Trudy ist geschieden, hält vor einer Gruppe recht lahmer Studenten Seminare Die Rolle der Frauen in Nazi-Deutschland, ihre Mutter hat sie in ein Altersheim abgeschoben und in ihrem allgemeinen Lebenschaos versucht sie ein Deutsch-Projekt zu verwirklichen, um zu wissen, was in den Überlebenen vorging. Sie ist auf der Suche nach dem Warum und sie beschäftigt das Familienporträt (Obersturmführer, Anna und Trudy) in der Schublade, welches nie thematisiert wird. Doch auch Trudy ist ab und an wie ihre Mutter Anna: unnahbar, steif, kalt, zwanghaft auf Ordnung bedacht.

Die uns lieben ~ Jenna Blum
Die uns lieben ~ Jenna Blum

Anna ist im Altersheim und möchte dort weg. Sie schweigt, schweigt und schweigt, doch wir Leser erfahren in Rückblicken ihre tragische Geschichte und das Puzzle bis zum besagten Familienportät wird nach und nach sichtbar und letztendlich gibt es ein Ende. Ein Ende was mehr als gut zum Buch passt, ein Ende, was auch ein Anfang sein könnte und den Leser erfüllt. Gewaltig!

Gewaltig!

Die Entwicklung der beiden Protagonisten ist einfach gewaltig und dazu das damalige Schicksal, die Ungewissheit, der Mord und die Gnadenlosigkeit – Atemraubend. Stellenweise musste ich zum Luftholen nach draußen gehen. Und doch kehrte ich schnell zurück, um wieder bei Anna oder Trudy zu sein. Jenna Blum lässt uns bei Trudy in der Gegenwart (Ende 90iger Jahre) bei Interviews mit Überlebenden dabei sein und bei ihren oft schweigenden Auseinandersetzungen und Begegnungen mit ihrer Mutter. Und sie lässt uns in den 40iger Jahren bei Anna sein, Vergewaltigungen, Ernidriegungen und die ständig in der Luft schwebende Gefahr spüren. Es ist so oder so heftig und doch bewegend durch und durch. Puh…

Ein Roman der nicht ohne Liebe, aber doch ganz ohne Liebesgeschichte auskommt, was ich erneut betonen möchte. Ich glaube, dass die Tatsache den Roman auszeichnet. Die Beziehung von Anna und Trudy wird im Licht der Gegenwart beleuchtet. So viele ungesagte Dinge rücken aus dem Schatten hervor und bringen neben Sehnsucht und Entsetzen auch Erfurcht mit sich.

Und nun stelle ich euch die Frage, die Jenna ihrer Mutter gestellt hat: „Was hättest du getan, wenn du während des Krieges in Deutschland gelebt hättest?“

Lest den Roman, lasst eure Augen offen und ich schließe jetzt so, wie die meisten Überlebenden Jenna Blums Berichte abschließen wollten:

Die Welt soll wissen, was wir durchgemacht haben, damit es nie wieder geschieht. (Seite 517)

Eure
Die uns lieben ~ Jenna Blum