Albtraum Raststätte
Albtraum Raststätte

Kolumne 07/2016: #AlbtraumRaststätte

Kurz vor Oldenburg, muss es gewesen sein. Sie möchte sich nicht an den genauen Ort erinnern. Schon immer hatte sie Panik, auf Raststätten auf Toilette zu gehen. Vielleicht keine richtige Panik, aber eine Mischung aus Furcht und Ekel. Wer benutzt schon gern verdreckte Toiletten und dann auch noch in der kalten Jahreszeit und vor allem im Dunkeln? Es treiben sich merkwürdige Gestalten auf Raststätten herum und machen einen Eindruck, als ob sie jemanden mitnehmen wollen.

Selbst am hellichten Tag ist es ihr unangenehm, diese Räumlichkeiten zu betreten. Freiluftpinkeln, so wie die Jungs – das wäre es. Und doch kommt sie an dieser Raststätte nicht drumherum. Zu viel Cola, zu viel Kaffee, zu viel Energydrink. Sie muss sich ihrem Gefühl stellen. Heute ist ihre Angst noch größer, denn sie liest gerade einen Psychothriller. In ihrem Kopf toben tausende Bilder und sie möchte am liebsten einen der Jungs fragen, ob er mitkommt. Mit hinein in die Kabine. Oder ob er davor wartet. Der Rasthof ist anders. Es gibt keine normalen Toilettenräume, wie man sie kennt. Diese haben eine Tür die sich selbst verschließt. Wenn das grüne Licht leuchtet, kann man die Türe öffnen. Nie zuvor hat sie so eine einzelne Kabine betreten. In ihrem Magen zieht es sich zusammen, ihr ist nicht wohl dabei. Noch während sie durch die Tür schreitet, schießt ihr der Gedanken in den Kopf, dass sie ihr Handy im Auto liegen gelassen hat. Verdammt. Das ist ihr bisher noch nie passiert. Sie hat es immer dabei, sogar ab und an in ihrer Wohnung, wenn sie im Bad ist. Und jetzt und heute? Fehlanzeige. Es muss auch ohne Handy gehen, was soll schon passieren.

Sie schließt die Tür hinter sich und drückt umgehend den roten Knopf neben der Tür. Der Riegel schnapp vor. Tür zu. Das rote Licht leuchtet. Sie beeilt sich. Ihr ist unwohl. Sie spült. Sie geht zum Waschbecken und wäscht ihre Hände mit eiskaltem Wasser. Der Seifenspender funktioniert, der Trockener auch. Alles elektrisch. Alles per Knopfdruck. Sie ist erleichtert, dreht sich um und drückt den grünen Knopf. Nichts passiert. Sie drückt erneut. Der Türriegel bewegt sich nicht, das Licht wechselt nicht von rot in grün. Ganz ruhig, sagt sie sich. Vielleicht sind einfach die Hände zu nass. Während sie sich zu beruhigen versucht, schlägt ihr Herz schneller. Ihr Mund wird trocken. Ein leichtes Panikgefühl stellt sich ein.

Hände waschen. Einfach noch einmal Hände waschen. Vielleicht reagiert der Sensor deshalb nicht. Vielleicht sind die Hände zu trocken, zu kalt, zu nass. Unsicherheit macht sich breit. Tief einatmen und Hände waschen. Das ist doch nicht so schwer. Sie redet sich Mut ein und versucht den schnelleren Puls zu ignorieren.

Dann wieder zur Tür. Ganz von vorne jetzt. Knopf drücken. Kurz warten. Tür auf. Sie drückt und sie merkt, wie ihre Finger zittern. Angst vor einem erneuten Fehlschlag. Sie überwindet sich und drückt. Wieder passiert nichts. Sie drückt erneut und erneut, aber die Tür bleibt zu. Verdammt. Jetzt nur nicht in Panik verfallen. Was steht da geschrieben auf der Anleitung zum Tür öffnen. Nach 15 Minuten entriegelt sich die Tür von selbst, falls das normale Öffnen per Knopfdruck nicht möglich ist. 15 Minuten. Wie lange war sie schon in der Toilette eingeschlossen? Vielleicht gerade mal 7 Minuten. So sehr sie sich auch versucht zu beruhigen, es funktioniert nicht mehr. Ihr Puls steigt und steigt, ihr Herz rast, ihre Finger zittern. Sie hat eigentlich keine Platzangst, sie ist eigentlich ausgeglichen und kann die Ruhe bewahren. Aber es ein kleiner Raum, es ist nicht gerade sauber und der Geruch ist ebenso unangenehm. Sie schreit. Sie ruft. Sie tritt gegen die Tür. Sie bekommt kaum noch Luft. Ihr Körper verhält sich völlig anders, als ihr Geist. Sie versucht ruhig zu sein, aber ihr Körper dreht auf. Ihre Beine kribbeln, als wären sie eingeschlafen. Ihr Mund wird immer trockener.

Panisch schaut sie sich um. Wenn jetzt noch eine Spinne mit ihr im Raum wäre, nicht auszudenken. Ihr Kreislauf beginnt Faxen zu machen. Ihr wird schwindelig. Diese verdammte Psyche. Sie versucht sich wieder auf Level zu bringen, doch ihre Gedanken lassen sich nicht anhalten. Sie beschimpft sich innerlich, weil sie ohne Handy in dieses verdammt Kloding reingangen ist. Weil ihre Rufe nicht gehört werden, weil sie ihren Fuß an der dicken Tür eingehauen hat, als sie dagegen trat. Warum hört sie verdammt nochmal keiner? Waren da gerade nicht noch andere Menschen? Sie denkt darüber nach, was passieren würde, wenn sie umkippt. Haben die Jungs gesehen, in welche Kabine sie gegangen ist? Wie lange ist sie schon eingesperrt? Eine Uhr trägt sie schon lange nicht mehr am Handgelenk.

Kurz bevor sie in die Knie sinkt, sieht sie den roten dicken Knopf. Warum hat sie diesen nicht eher gesehen? Erleichterung macht sich breit. Sie zieht sich wieder hoch und drückt den Kopf. Die Tür springt auf. Tageslicht knallt ihr entgegen. Sie verlässt zügig die Toilette. Sie zittert und zittert.

Hätte sie mal kein Psycho gelesen und wäre sie mal ruhig geblieben, hätte sie den Notknopf eher gefunden. Aufregung und Panik wären ihr erspart geblieben. Nun will sie einfach nur schnell zu den Jungs zurück. Hinein ins warme Auto. Sie läuft los und erstarrt zugleich. Der Parkplatz ist leer…

Eure

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4 comments on “Albtraum Raststätte”

  1. Huhu Binea,

    oh wow. Da wird einem ja gleich leichter ums Herz, wenn man an die nächste längere Fahrt denkt *.*
    Memo an mich selbst: Handy nie vergessen.
    Memo an mich selbst: Nie auf solche komischen Klos gehen.
    Memo an mich selbst: Meine Begleiter einschärfen, dass sie NIE, NIE, NIEMALS ohne mich fahren sollen!

    Alles Liebe,
    Tiana

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