Das Lächeln meiner Mutter ~ Delphine de Vigan
Das Lächeln meiner Mutter ~ Delphine de Vigan

Das Lächeln der Mutter vor der wahren Geschichte

Literatur verbindet und damit meine ich die ständigen Kettenreaktionen die in der Literatur ständig vorhanden sind. Nicht nur wir Leser sind untereinander oftmals verbunden, wenn wir im gleichen Roman lesen. Auch die Romane sind verbunden. Manche indirekt und nur für Leser erkennbar, die tief zwischen den Seiten stecken und über Romanränder hinaus denken, manche so direkt, dass sich der Griff zu einem anderen Buch nicht vermeiden lässt.

Die Kettenreaktion sieht am Beispiel so aus: Als ich vor wenigen Tagen „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan las und mich darüber austauschte, kam kurzerhand das Buch „Das Lächeln meiner Mutter“ zu mir. Denn um genau den genannten Roman geht es, den Vigan in ihrem neuen Buch thematisiert, auf das sie postalisch allerhand Kritik bekommt.

Ich hatte den Roman bis zu diesem Tag noch nicht gelesen und eigentlich hatte ich es auch nicht vor. Wäre der Austausch mit Arndt nicht gewesen, wäre das Lächeln nicht zu mir gekommen und ich hätte ein großartiges Buch verpasst. Lesen verbindet und die Verbindungen gehen weiter, denn Arndt hat sich nicht wie ich, in den Bestseller aus Frankreich gestürzt, dafür aber eine andere Stimme gefunden, wie er in seinem Artikel zeigt.

Genau diese Kettenreaktion kommt euch, liebe Leser, nun zu Gute. Wenn ihr also noch nicht zu Nach einer wahren Geschichte gegriffen habt, lest unbedingt erst „Das Lächeln meiner Mutter“. Natürlich ist es andersrum auch nicht schlimm, aber der literarische Mehrwert ist um einiges höher. Delphine de Vigan hat zwei Bücher geschrieben, die enger nicht zusammengehören könnten. Beide Bücher sind autobiographisch und erreichen dadurch eine Tiefgründigkeit die uns Leser nah an die Autorin und auch an ihre Familie heran bringen.

Das Lächeln meiner Mutter ~ Delphine de Vigan
Das Lächeln meiner Mutter ~ Delphine de Vigan

Vigans Mutter ist tot

Nur zwei Tage habe ich im knapp 400 Seiten Roman verbracht. Zwei Tage war ich gefesselt in einer französischen Großfamilie, in der es keinen Stillstand gibt. Delphine de Vigan nähert sich schreibend ihrer Mutter bis zurück in deren Kindheit. Lucile ist das dritte von gesamt acht Kindern. Neun, um genau zu sein, denn als der kleine Antonin starb, nahmen sich die Eltern Georges und Liane einen weiteren Sohn namens Jean-Marc an.

Lucile hat sich als Kind oft gefragt, „…ob die Fruchtbarkeit ihrer Mutter eine Grenze hatte, ob sich ihr Bauch immer weiter so füllen und leeren und rosige, glatthäutige Babys produzieren konnte, die Liane mit ihrem Lachen und ihren Küssen überschüttete.“ (Seite 19)

Delphine de Vigans Mutter ist tot. Sie hat sich das Leben genommen. Ihr kam der Gedanken über sie zu schreiben, um nichts zu vergessen. Doch das Schreiben über einen Menschen der so unberechenbar vielseitig war, ist nicht einfach. Lucile passt in kein Raster. Lucile war ruhig und laut, sie hatte trockenen Humor, bewegte sich eigen, verliebte sich oft, lebte drüber und sie lebte drunter. Sie rauchte, sie lachte, sie zitterte, sie veränderte sich ständig, sie stieg auf und sie stürzte ab.

Um über einen Menschen schreiben zu können, muss man so viele Erinnerungen und Erzählungen zusammen tragen, um ein authentisches Lebenspuzzle zu erhalten. Delphine hat sich mit den Geschwistern ihrer Mutter getroffen, um mehr über Lucile zu erfahren. Sie hat alles aufgesaugt, von den schönen hellen bis zu den unschönen dunklen Seiten. „Und jetzt warten sie, sie fragten sich wahrscheinlich, was ich aus alldem machen würde, welche Form es annehmen, welchen Schlag es bedeuten würde.“ (Seite 39)

Delphine de Vigan
Delphine de Vigan

Lebendig sterben

Bereits auf den ersten Seiten spürte ich, dass mich hier Großes erwartet. Kein fiktionaler Roman, sondern ein wahnsinnig umfassendes Bild einer Familie, einer Mutter und einer Tochter, die nach Geborgenheit gesucht hat und ihre eigene Mutter nie richtig fassen konnte. Ihre eigene Mutter war immer auf der Suche und völlig anders als andere Mütter, die Glück und Liebe spürten. Doch vielleicht anders als andere Mütter, starb ihre Mutter – lebendig!

Die Art und Weise wie die Autorin schreibt, macht den Roman spannend. Sie nimmt uns Leser erst mit in die Welt ihrer Mutter, in die Kindheit von Lucile. Anschließend verbindet sie ihr Leben mit dem ihrer Mutter und nimmt durch die Verbindung gleichzeitig wieder Abstand auf. Sie taucht erneut in das Leben von Lucile ein und stellt sich dabei selbst in den Rand, um genau dann vom Rand aus in Richtung Lebensmittelpunkt zu laufen, um wieder anzuknüpfen.

Während sie über das Leben der Mutter schreibt, nimmt sie sich die Freiheit um immer und immer wieder selbst während ihrer Schreibphase aufzutauchen und ihre aktuellen Gedanken und Empfindungen nieder zu schreiben.

Sie verwendet Sätze die sich einbrennen, Sätze wie „…das Leid der beiden ist durch einen unsichtbaren tödlichen Faden verbunden.“ (Seite 139) und sie sagt selbst: „Ich beschreibe Lucile aus der Sicht des zu schnell groß gewordenen Kindes, ich schreibe über das Mysterium, das sie mir immer war, sie, die immer so präsent und zugleich so fern war und die mich nach meinem zehnten Geburtstag nie mehr in die Arme genommen hat.“ (Seite 167)

„Das Lächeln meiner Mutter“ ist ein beeindruckender Roman, welcher tief in das Leben von Delphine De Vigan blicken lässt. Als Leserin habe ich mich stellenweise unwohl gefühlt, so viel erfahren zu dürfen. Gleichzeitig will die innere Stimme mehr über diese Zeit und die Personen erfahren. Über alle Figuren die im Roman auftauchen, mit all ihren Fehltritten, aber auch guten Taten. Glück & Unglück voller Dramatik, voller Schmerz, aber vor allem voller Leben. Bedrückend, beeindruckend, hoffnungsvoll, interessant, schonungslos – ein ausuferndes Gefühlsfass, was ich zuletzt in dieser Stärke im Roman von Nino Haratischwili Das achte Leben (Für Brilka) genießen durfte.

Großartige und durch und durch lebendige Literatur!

Eure

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