Das ist Lust ~ Mary Gaitskill

Ja, dieses Bild überschreitet ganz gewaltig eine Grenze, vor allem weil die Hand des Mannes die eines fremden Mannes ist. Ist dir das auch schon passiert? Irgendwie hat sich eine fremde Hand an deinen Po gelegt oder dir einfach einen Klaps auf den Po gegeben? Mir ist das schon passiert, oftmals in einem Club oder sogar beim Fußball in der Einlassschlange. Übel und meist hat es keiner gesehen und dann fragt sich Frau: was? Ist das gerade wirklich passiert?

Ja, auch diese kurze Berührung einer fremden Hand ist eine totale Grenzüberschreitung und absolute Belästigung! Und nein, hier gibt es keine Milderung, selbst wenn es nur ganz kurz war. Das gehört sich nicht, nie, niemals! #metoo

#metoo

Und jetzt versuche ich etwas in die Rolle der Autorin Mary Gaitskill zu schlüpfen, denn sie urteilt nicht, sondern blickt über den Tellerrand der Frau und schaut zu. Oder anders – sie skizziert zwei Figuren und bringt diese an ihre Leser:innen und wartet ab, was passiert. Sie beschönigt nicht, sie dreht aber die Perspektiven und hat mich damit ganz schön erwischt. Ich hätte nicht gedacht, dass so ein kleines schmales Buch namens „Das ist Lust“ (Aufbau/Blumenbar) so ein arges Gedankenkarussell in mir auslösen kann und ich mich wahnsinnig ertappt fühle. Dazu aber gleich mehr, denn erst mal gehört der Inhalt kurz beleuchtet.

Mary Gaitskill schreibt über den Liebling von New York, über einen Lektor namens Quin der in der Branche gefeiert wird. Und sie schreibt über seine beste Freundin Margot, die trotz seiner damaligen Übergriffigkeit an seiner Seite geblieben ist und nun miterlebt, wie er weiterhin Täter bleibt und seine Glanzfarbe und sein Ansehen abblättern. Quin wird nicht mehr gefeiert, sondern für seine Art und seine Handlungen gehasst. Ist er Täter oder Opfer?

Viel mehr möchte ich nicht verraten, denn die Erzählung umfasst nur 128 Seiten und sollte ganz dringend gelesen werden, da sie so augenöffnend ist und einen Beigeschmack hinterlässt, der sogar viele Tage später, nach mehrfachem Zähneputzen nicht verschwindet.

„Du bist nicht einmal ein Weiberheld – Nicht einmal das, Du bist ein Spinner. Ein anzüglicher, übergriffiger, doppelbödiger Spinner. Das ist eigentlich das Unerträgliche daran.“ (Seite 84)

Das ist Lust ~ Mary Gaitskill

Das ist Lust

Na super, da kommt schon wieder ein Täter zu Wort. Na super, und was ist mit den Opfern, wird es nicht längst Zeit, ihnen eine Stimme zu geben und sollte das nicht erst Recht eine Autorin tun? Was macht Mary Gaitskill denn da?

Sie lässt machen und das auf ganz kluge Art und Weise, wie ich finde. Sie hat mich damit ganz schön getroffen, denn es ist der Perspektivwechsel, der einschlägt. Abwechselnd schildern und spiegeln Margot und Quin die verschiedenen Situationen und geben ihre Wahrnehmungen wieder. Das ist richtig spannend und für mich selbst war es ziemlich gruselig, dass ich tatsächlich mit Quin mehrmals sympathisierte und sogar nachvollziehen konnte, dass er nicht versteht, was an bestimmten Handlungen schlimm war. Nicht bei allen, versteht sich. Erschreckend für mich ist, dass ich selbst schon betroffen war und trotzdem einige Situationen als harmlos empfunden habe, die im Rückblick und sensibilisiert betrachtet überhaupt nicht harmlos sind.

Uff – das hat mich persönlich sehr erschüttert! Bin ich doch noch nicht sensibilisiert, bin ich naiv oder ist es ein Schutzschild des „nicht wahrhaben Wollens“? Diese Frage hat Mary Gaitskill auf jeden Fall in mir erzeugt und ich habe für mich Antworten gefunden.

ABER!

Doch auch die Seite von Margot ist nicht einfach, denn sie ist seine Freundin und möchte das natürlich bleiben, selbst wenn er ihr damals zwischen die Beine gegriffen hat. Er steht im Licht des Verurteilten und sie sucht die Gründe zu seinen Handlungen und reflektiert aus ihrer Sicht, was ihm vorgeworfen wird. Wie lange kann sie loyal sein und wie kann sie als beste Freundin mitwirken, ohne ihn zu bestärken und den Frauen in den Rücken zu fallen. Keine einfache Situation für keinen der beteiligten Charaktere. Und ja, es gibt Frauen die provozieren auf jeden Fall, und es gibt Frauen, denen bestimmte Handlungen von Männern gefallen. ABER! Und dieses ABER gilt es zu beachten und einzuhalten und zwar ganz ohne Wenn und Aber.

Wirklich viel Stoff, der für Redebedarf sorgt, denn dem Leser und der Leserin ist es selbst überlassen, Urteile zu fällen. Mary Gaitskill lehnt sich entspannt zurück und hat für einen Handlungsrahmen gesorgt, der viele Fragen erzeugt und uns den eigenen Spiegel vors Gesicht hält.

Wie hätte ich gehandelt, wenn ich betroffen wäre, was mache ich heute und was wäre, wenn mein bester Freund Quin wäre?

Erschütternd, besonders anders, erschreckend, wütend machend und Gefühlsstrudel provozierend, aber auch sehr klug!


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2 Comments on Das ist Lust ~ Mary Gaitskill

  1. Hallo Bini, darüber bin ich in einem Spiegel – Artikel gestolpert. Durch deine Besprechung kommt bekommt das Thema/das Buch eine deutliche und eindringliche Verstärkung.
    Grüße aus NZ
    Uwe

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